"Lieber Herr Oberbürgermeister, was ist ihr Rat?" Fragen wie diese hört Uli Burchardt wohl täglich. Dass sich aber ein elfjähriges Mädchen an ihn wendet, kommt selten vor. "Meine Freunde, meine Schwester und ich", verliest Elena Kück, wie die Elfjährige heißt, in der Fragestunde der jüngsten Gemeinderatssitzung, "haben einen ganzen Vormittag lang am Seerhein bei der Helene-Merk-Straße das Ufer geputzt und Zigaretten und Glas gesammelt."

4153 Zigaretten-Kippen auf 200 Quadratmeter Ufergebiet

In den Händen halten die vier Kinder zwischen sechs und elf Jahren prall gefüllte Müllbeutel. Denn das Ergebnis ihrer Aktion in der kleinen Stichstraße zwischen Bodenseeforum und Herosé-Park ist erschreckend: 4153 Zigaretten-Kippen auf 200 Quadratmeter Ufergebiet.

Je nach Schätzung werden durch die Giftstoffe – vor allem jene in den Filtern der Zigaretten – mindestens 200.000 Liter sauberes Trinkwasser verunreinigt. Fische, die mit Nikotin belastetem Wasser ausgesetzt werden, können laut Forschern der Universität San Diego durch das Nervengift innerhalb weniger Tage sterben.

Wenn Kinder politischen Forderungen Nachdruck verleihen

"Als Nebenprodukt haben die vier Kinder noch mehr als 450 Kronkorken aufgelesen, dazu Glasscherben und Sondermüll", erklärt Elenas Mutter Nina Kück. All das wird den Gemeinderäten als Beweisstücke für ein Müllproblem in Konstanz vorgelegt. Die vier jungen Bürger verliehen dadurch zwei Anträgen der Freien Wähler Nachdruck: ein Rauchverbot auf Spielplätzen zu erlassen und am Bodenseeufer ein generelles Glasverbot einzuführen.

Zumindest das Rauchverbot auf Spielplätzen kommt wohl

Rauchverbot auf Kinderspielplätzen, da gibt es nichts zu diskutieren. Anselm Venedey (FW) untermauerte den Antrag nochmals, indem er unter anderem auf den Umweltschutz und die Vorbildfunktion, den Erwachsene haben sollten, hinwies. In den Mittelpunkt rückte er aber die Gefahr, die von den Überresten der Glimmstängel ausgehe.

"Jede fünfte Vergiftung von Kindern entsteht durch Zigarettenkippen", sagte er zuletzt im Gemeinderat. Kritik übte er an der Stadtverwaltung, die sich hinter einer fraglichen Rechtsauffassung zurückziehe. "Ordnungsrechtlich können wir nichts machen", stellte Anja Risse, Leiterin des Bürgeramtes, fest. Sie sprach aber von einer alternativen Möglichkeit: Spielplätze könnte man zu einer öffentlichen Einrichtung umwidmen und dann eine Benutzerordnung erlassen. Eine dementsprechende Vorlage könnte dem Gemeinderat vorgelegt werden, was das Gremium schließlich einstimmig befürwortete.

Glasverbpt am Rhein- und Bodenseeufer: Ein Student hat gegen das Glasverbot zwischen 19 Uhr und sechs uhr geklagt - und Recht bekommen.
Glasverbpt am Rhein- und Bodenseeufer: Ein Student hat gegen das Glasverbot zwischen 19 Uhr und sechs uhr geklagt - und Recht bekommen. | Bild: Tobias Kleinschmidt/dpa

Neuer Anlauf beim Thema Glasverbot

Zwiespältig stehen die Gemeinderäte hingegen einem Glasverbot am gesamten Bodenseeufer gegenüber. Ist ein derartiges Verbot rechtlich haltbar? Darf man Grundrechte beschneiden? Wie konkret ist die Gefahr durch Scherben eigentlich? Auf eben diese Fragen hatte Ewald Weisschedel von den Freien Wählern, die den Antrag zur Einführung eines Glasverbots gestellt hatten, von der Stadtverwaltung Antworten erwartet. Allerdings vergeblich, wie er kritisierte. "Ich bin enttäuscht über die Reaktion der Verwaltung", sagte er.

Vor allem bemängelte er, dass es unterlassen wurde, verlässliche Zahlen an Verletzungen zu recherchieren und somit eine Dokumentation zu erstellen. Das wäre "ein Anruf bei der DLRG", die unter anderem am Freibad Hörnle ihren Dienst tut, und "beim Leiter der Zentralen Notaufnahme gewesen", meinte Weisschedel.

Kommt das Glasverbot in den Strandbädern?

Der frühere Arzt Weisschedel betonte, dass nach seinen Recherchen die Zahl der durch Glasscherben verursachten Verletzungen nicht unerheblich sei. "Zumindest an den Bädern sollte etwas passieren", forderte er. Sein Argument Richtung Verwaltung: Würde er sich in einem Strandbad in den Fuß schneiden, so würde er gegen die Stadt klagen. "Wir tragen die Informationen zusammen", beruhigte Oberbürgermeister Uli Burchardt.

Zumindest was die Strandbäder anbelangt, die der Bädergesellschaft Konstanz als städtischer Betrieb obliegen, sieht Anja Risse eine Chance für ein Glasverbot. Dort gebe es eine Benutzerordnung, in der dies geregelt werden könnte.

Bedenken wegen erneutem Scheitern durch Gerichtsentscheidung

Jede Verletzung sei bedauerlich, räumte Stephan Kühnle von der Freien Grünen Liste (FGL) ein. Aber: "Welchen Preis wollen wir zahlen? Wir schränken die Grundrechte der Menschen ein." Dabei verwies er auf die "unbestrittene Haltung des Obersten Verwaltungsgerichts". Die Freiburger Behörde hatte das vor Jahren von der Stadt Konstanz ausgesprochene Glasverbot an der Seestraße nach einer Klage wieder aufgehoben.

"So einfach kann man es sich nicht machen", widersprach Roger Tscheulin (CDU). Vielleicht habe man die Gefahr nicht hinreichend dokumentiert. Daher plädierte auch er für eine entsprechende Abfrage der Verletzungszahlen und eine neuerliche Beratung im Gemeinderat.

Die Stadtverwaltung habe seinerzeit Zahlen mitgeliefert, doch diese Fälle hätten das Verwaltungsgericht nicht überzeugt, entgegnete Jan Welsch (SPD). Er ist überzeugt, dass die Stadt bei einem neuerlichen Versuch "auf jeden Fall Schiffbruch erleiden" würde. Scherben könnten fraglos gravierende Verletzungen verursachen, aber dennoch sei die Frage, ob ein Verbot zweckmäßig sei.

"Man kann nicht permanent das Ufer bewachen", sagte Jan Welsch und ergänzte: Mutwilligkeit könne auch nicht durch Polizeiverordnungen verhindert werden. Er plädierte stattdessen dafür, entsprechende Aufklärungskampagnen zu starten. Die meisten würden sich anständig verhalten, so Holger Reile (Linke Liste), der formulierte: "Eine saubere, gecleante Stadt ist Utopie. Das wird nie funktionieren, außer an jeder Ecke stehen fünf Kontrollettis."

Vergleich mit Anschnallpflicht: "Stellt heute auch niemand mehr infrage"

Manfred Hölzl (CDU) überlegte laut, welche Folgen ein Verbot für die am Seeufer angesiedelten Gastronomen haben könnte. "Wir wehren uns gegen Plastik. Das ist die Zukunft. Glas ist eine Alternative." Auf was sollten die Pächter umsteigen?", fragte Hölzl, im Hauptberuf Wirt der Konzil-Gastronomie, "Papierbecher? Milchkannen?" Es gebe intelligente Lösungen konterte Anselm Venedey, der nochmals auf die Grundrechte-Diskussion zurückkam.

Man müsse Rechte begrenzen, wenn andere gefährdet würden, ist er der Meinung. Er erinnerte an die Einführung der Anschnallpflicht in Autos, über die sich heute niemand mehr aufrege. Die Stadtverwaltung wird sich jetzt der Grundlagenarbeit widmen, Zahlen und Fakten zusammentragen und diese dann dem Gemeinderat zur nächsten Runde der Glasverbotsdebatte liefern.

Und damit ist der Bogen zur Frage von Elena Kück an OB Uli Burchardt geschlagen, was er denn raten könnte gegen die achtlos weggeworfenen Kippen. "Das kann ich gar nicht so einfach beantworten", sagte er dem Mädchen. Jedenfalls sei es völlig falsch, das zu tun – was auch für das Zerschlagen von Glas gilt.