Konstanz "30 Jahre sind genug": Ratsherr Kratzer der Alt-Konstanzer Hansele nimmt Abschied

Hans-Peter Kratzer wird am 6. Januar nach 30 Jahren zum letzten Mal als Ratsherr der Alt-Konstanzer Hansele die Fasnacht ausrufen. Ein Abschiedsgespräch.

Herr Kratzer, Sie müssen gute Informanten haben.

Hauptsächlich den SÜDKURIER und Leute aus Vereinen und Verbänden, die mir etwas zutragen.

Das verarbeiten Sie in den Texten für das Ausrufen. In den vergangenen Jahren wollen Sie gewusst haben, dass in das Kompetenzzentrum eine Konzerthalle soll und die Stadtwerke die Wuppertaler Schwebebahn erwerben können.

Als ich die Wuppertaler Schwebebahn reinbrachte, hat noch niemand an eine Gondel in Konstanz gedacht. Das war ein Fasnachtsscherz, ganz klar, der mittlerweile jedoch ernsthaft diskutiert wird.

Wieso hängen Sie das Ratsherrenkostüm an den Nagel?

30 Jahre sind genug. Ich bin im guten Rentenalter, da sollen die Jungen mal ran. Wir haben beim Ausrufen zwei Texte: einen aus dem 14. Jahrhundert, den wir auf der Marktstätte verlesen. Dort wird auch jedes Jahr das „Narro Narro siebe siebe“ in ursprünglicher Form verkündet sowie später auf dem Obermarkt die neuere Version. Und mein Geschwätz.

Bei dem Sie ihren Gedanken freien Lauf lassen.

Es werden immer viele Dinge mit reingezogen, die man immer in irgendeiner Art präsentieren kann, aber niemanden beleidigen und auf nette Weise an einem bestimmten Punkt trifft. Ich halte sozusagen auch einen Spiegel vor und bringe neue Ideen mit rein.

Beim Ausrufen ermahnen Sie die Narren stets an ihre Rechte und Pflichten. Ist das so notwendig?

Die gesamte Gemeinschaft der maskentragenden Zünfte arbeitet am Ansehen der Fasnacht. Als Alt-Konstanzer Hansele gehen wir in die Klassen und zeigen den Kindern, was eine Maske ist, sie dürfen diese auch aufsetzen. Das nimmt ihnen die Scheu davor. Wir versuchen, ihnen Brauchtum beizubringen, wie Fasnacht sein sollte. Sie hat nichts mit übermäßigem Alkoholkonsum zu tun. Wenn ich den Scherbenhaufen auf der Marktstätte sehe, frage ich mich, was das mit Fasnacht zu tun hat. Da sind ein paar ernste Worte schon gut.

Alkohol gehört bei vielen dazu.

Beim Wecken hatten wir früher noch zwei Stunden Unterricht und wir freuten uns, wenn uns dann eine Narrenzünft befreite. Wenn Sie heute am Schmotzigen Dunschtig um 8 oder 9 Uhr in eine Schule gehen, haben sich die Lehrer verschanzt und trinken selbst ihr Gläsle, und vor der Schule sind die Betrunkenen – wenn sie überhaupt noch da sind.

Was wünschen Sie sich für die Fasnacht?

Ich würde mir persönlich wünschen, dass die Lehrer den Kindern wieder mehr von unserem Brauchtum beibringen. Und dass weniger Leute über Fasnacht in die Skiferien fahren.

Stichwort Skifahren, gibt es ein Ausbluten der Fasnacht?

Unsere Fasnacht lebt. Das Urhistorische bleibt in einer guten Linie. Viele Zugezogene machen etwas. Am großen Umzug am Sonntag sind viele freie Gruppen dabei, die sich unheimlich viel Mühe machen. Es gibt viele neue Zünfte und Gruppen, die sich etablieren, vor allem im rechtsrheinischen Gebiet.

Was und wen nehmen Sie bei Ihrem letzten Ausrufen aufs Korn?

Das werde ich hier natürlich noch nicht verraten. Aber es kommen Mietfahrräder als Thema mit dran, auch ein neues Verkehrskonzept. Wobei ich dieses Jahr, mit zwei Augenzwinkern gesagt, ein kleines Problem habe: Wir haben einen Oberbürgermeister, der nicht viel macht. Und wer nicht viel macht, macht nicht viel falsch. Da sind seine beiden Beigeordneten eher prädestiniert, sie mal auf die Schippe zu nehmen. Die endgültige Rede schreibe ich jedoch erst zwischen Weihnachten und Neujahr.

Zur Person

Hans-Peter Kratzer ist 65 Jahre alt und Ratsherr bei den Alt-Konstanzer Hansele. Er hatte einst zwei Unternehmen, die Verbindungstechnik vertrieben haben. Heute unterstützt er seine Frau in deren Lokal Weinteufele in der Niederburg. Bei den Hansele ist er seit 1985, die drei Jahre zuvor das Ausrufen am 6. Januar initiiert hatten. Bei dem Spektakel sind die Zünfte dabei, die zum Abstauben ihrer Masken aufgerufen werden. Kratzer hat auch die Redaktion für die Hansele-Zunftzeitung abgegeben wie auch weitere Aktivitäten in den Zünften reduziert, in denen er Mitglied ist. Das Ausrufen beginnt am Freitag, 6. Januar, um 18 Uhr am Schnetztor.

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