Konstanz 20 Jahre nach den tödlichen Schüssen am Grenzübergang Klein Venedig: Die Erinnerungen der Zeitzeugen sind immer noch wach

Am 10. Februar 1998 wurden Thomas Lachmaier und Stefan Jetzter am Grenzübergang Klein Venedig erschossen. Auch ihr Mörder starb an diesem Tag. Zeitzeugen erzählen, wie sie das schlimme Ereignis vor 20 Jahren erlebt und verarbeitet haben – und wie sich die Arbeit der Zollbeamten seitdem verändert hat.

Es war der 10. Februar 1998, ein Dienstag, als sich das Berufsleben der Konstanzer und Kreuzlinger Zollbeamten von Grund auf änderte – zum Positiven im Sinne der eigenen Sicherheit. Danach würde nichts mehr so sein wie vorher. Der Tod der zwei Menschen sollte nicht umsonst gewesen sein. Am Tag danach war Zöllner Nikolaus Spießer schon wieder im Dienst. "Halb unter Druck, halb gewollt", wie er heute sagt. "Unsere Verwaltung wurde damals kalt erwischt und hatte kein Rezept, wie wir damit umgehen sollten." Jeder Beamte musste seinen eigenen Weg finden, das zu verarbeiten, was eine ganze Stadt in Schockstarre versetzte: Den Tod von zwei Kollegen, die während der Ausübung ihrer Pflichten brutal und skrupellos erschossen wurden.

Was passierte am Grenzübergang?

Um 10.30 Uhr will der 29-jähriger Italiener Mario Telatin aus Arbon im Thurgau den Grenzübergang Klein Venedig überqueren. So wie in den Monaten zuvor schon mehrmals. Er soll kein Unbekannter gewesen sein, hieß es damals aus Kreisen der Ermittler. Ein Heizungsbauer, beliebt in der Nachbarschaft seines Wohnortes, aber laut Aussagen seiner Freunde mit wenig Selbstvertrauen und ohne Erfolg bei der Frauenwelt.

Der Deutsche Thomas Lachmaier und der Schweizer Stefan Jetzer haben an diesem Tag Dienst. An Klein Venedig läuft seit mehreren Monaten das viel beachtete Projekt der gemeinsamen Grenzabfertigung beider Länder. Thomas Lachmaier hält den Mitsubishi, aus welchen Gründen auch immer, an und fragt nach Pass und mitgeführten Waren. Routine. An diesem Tag tödliche Routine. Thomas Lachmaier entdeckt eine Sporttasche mit Munition, er ruft telefonisch nach Verstärkung.

Das ist der Moment, so wird später rekonstruiert, in dem der Täter eine automatische Waffe zückt und den Zöllner kaltblütig erschießt. 34 Schuss gibt er aus einer Pistole vom Typ Glock 18 ab. Dem herbei eilenden Stefan Jetzer gelingt es zwar noch, seine Dienstwaffe zu ziehen und einen Schuss auf den Täter abzugeben, aber auch er hat keine Chance mehr.
 

Auch in Sachsen sterben an diesem Tag zwei Zollbeamte

Nicht nur in Konstanz spielen sich an diesem Tag dramatische Szenen ab. Kurz nach drei Uhr morgens fährt der Linienbus von Alma Ata nach Frankfurt/Main am deutsch-polnischen Grenzübergang Ludwigsdorf bei Görlitz vor. An Bord: 22 Passagiere – zehn Frauen, zehn Männer, zwei Kinder. Die Zöllner Ralph Schulze (34) und Thomas Haupt (30) steigen ein.

Schulze steht im Heck des Busses, hebt gerade die Arme, um ein Lüftungsgitter zu kontrollieren – da reißt der Kasache Viktor Diner (38) ihm die Pistole aus dem Holster und schießt sofort wild um sich. Je zwei Kugeln aus der Sig-Sauer P6 treffen die Zöllner. Ein Buspassagier erleidet einen Steckschuss im Oberschenkel, ein anderer einen Lungendurchschuss. Thomas Haupt kann noch zurück feuern und sich aus dem Bus retten. Diner springt durch eine Fensterscheibe auf die Straße. Schwer verletzt versucht er zu fliehen – doch Beamte des Bundesgrenzschutzes (BGS), alarmiert von den Schüssen, können ihn stellen.

Ralph Schulze stirbt noch im Bus. Sein Kollege Thomas Haupt erliegt seinen schweren Verletzungen wenige Minuten später. Ein Sprecher der Staatsanwaltschaft Görlitz: "Der Mann soll schon die ganze Bus-Fahrt über auffällig und sehr aggressiv gewesen sein. Vermutlich ist er psychisch krank." Buspassagiere hatten den Mann bis zur Grenze mit Schlaftabletten ruhiggestellt.

Theo Waigel (CSU), der damalige Bundesfinanzminister, erklärt noch vor den Schüssen in Konstanz, er sei erschüttert über die Tat und den Tod der beiden sächsischen Zollbeamten Ralph Schulze und Thomas Haupt. "Dies ist der schwerste Zwischenfall in der Nachkriegsgeschichte des deutschen Zolls."

Der Vorsitzende des Bundes der Deutschen Zollbeamten, Heinz Schulze, sagt: "Wir stehen vor den Auswirkungen der unseren Kolleginnen und Kollegen tagtäglich begegnenden Gewaltbereitschaft, die im wahrsten Sinn des Wortes grenzenlos ist." Zu diesem Zeitpunkt ahnt noch keiner, dass die nächste Tragödie ihren Lauf nimmt. Sieben Stunden später das zweite Blutbad – diesmal in Konstanz am Übergang Klein-Venedig an der Grenze zur Schweiz.

Der Todesschütze richtet sich selbst

Der Italiener flieht nach seinen tödlichen Schüssen mit seinem Auto Richtung Innenstadt. Nach 400 Metern muss er am geschlossenen Bahnübergang bei der damaligen Eisenbahnbrücke stoppen. Auf der anderen Seite des Übergangs sieht er Polizeiautos mit Blaulicht. Der 29-Jährige erkennt offenbar seine aussichtslose Situation und schießt sich in den Kopf. "Wir wussten nicht genau, was los war", erinnert sich Nikolaus Spießer, der zum Grenzübergang gerufen wird. Er war damals schon Sport- und Schießausbilder beim Zoll.

Da am frühen Morgen in Ludwigsdorf bei Görlitz zwei Zöllner erschossen wurden, halten die Konstanzer Kollegen die Warnungen vor Schüssen an der Grenze zunächst für Schilderungen aus Ludwigsdorf. "Von weitem habe ich dann einen Menschen in einem stehenden Auto gesehen, den blutenden Kopf zur Seite geklappt." Ab diesem Moment befindet sich der Zöllner in einem Tunnel, wie er sagt: "Ab hier funktionierst du nur noch rational".

In diesem roten Mitsubishi schoss sich der Täter in den Kopf. | Bild: Claudia Rindt

Er holt mit Kollegen die blutüberströmte Person aus dem Auto. Oben auf dem Stellwerkturm steht der zuständige Bahnbeamte und beobachte die Szene. "Wir haben später erfahren, dass er die Schranke extra unten ließ, da er ahnte, dass etwas nicht stimmen würde." Womöglich hat er damit ein weiteres Blutbad verhindert.

Außerdem warnt er zwei BGS-Beamte, die laut Polizei zufällig die Brücke Richtung Hafen überqueren, vor dem bewaffneten Mann im Mitsubishi. "Wer weiß, ob er nicht auch auf diese beiden Menschen in Uniform geschossen hätte?", fragt sich Martin Johne, der damals als Dezernatsleiter bei der Polizei für die Endsachbearbeitung zuständig war.

"Thomas schlief nicht. Er war tot."

Eine ältere Dame kommt zu Spießer und seinen Kollegen, die den Täter erstversorgen. "Sie sagte, dass drüben am Zoll noch zwei Menschen liegen würden", erinnert er sich. Die Beamten laufen Richtung Klein Venedig. "Da haben wir Thomas und den Schweizer Kollegen gesehen", sagt Nikolaus Spießer. Die Bilder laufen wie in einem Film vor ihm ab. Es ist, als würde er die Szenerie von außerhalb seines eigenen Körpers beobachten.

"Thomas sah aus, als würde er schlafen. Doch Thomas schlief nicht. Er war tot." Die damalige Freundin des Opfers ist auf dem Weg zum Zollgebäude, um den Lebensgefährten nach Dienstschluss abzuholen. "Einer von uns musste ihr sagen, dass er nicht mehr war", berichtet Nikolaus Spießer. "Ein unglaublich trauriger Tag. Das beschäftigt einen noch heute ab und zu."

Nikolaus Spießer an der Stelle, wo sich der Täter selbst in den Kopf schoss. Rechts das Stellwerk. Der damalige Bahnmitarbeiter ließ die Schranke unten, da er ahnte, dass etwas nicht stimmte. Links befindet sich die neue Brücke, wo damals der Bahnübergang war. Bild: Oliver Hanser
Nikolaus Spießer an der Stelle, wo sich der Täter selbst in den Kopf schoss. Rechts das Stellwerk. Der damalige Bahnmitarbeiter ließ die Schranke unten, da er ahnte, dass etwas nicht stimmte. Links befindet sich die neue Brücke, wo damals der Bahnübergang war. | Bild: Oliver Hanser

Motiv des Täters konnte nie geklärt werden

Es gibt mehrere Theorien, was der Täter ursprünglich vorhatte. Zunächst wurde der Verdacht geäußert, der Italiener sei ein Waffenschmuggler. Waffennarr traf es dann eher, er hatte eine riesige, legal erstandene Sammlung in seiner Wohnung. Er war spielsüchtig, hatte hohe, stetig wachsende Schulden und ging im Konstanzer Jackpot-Casino ein und aus. Kurz nach seinem Grenzübertritt sollte wie jeden Morgen der Geldbote vors Casino fahren.

Womöglich hatte der Täter vor, den Boten auszurauben. Oder hatte er gar einen Rachefeldzug geplant und wollte das Gebäude am Bahnhof mit seinen Waffen dem Erdboden gleich machen? Genaue Antworten erhielten die Ermittler nie. Der Italiener wurde ins Krankenhaus eingeliefert. Maschinen hielten ihn am Leben, er war bereits hirntot. Sein Bruder stimmte einer geplanten Organentnahme zu. "Vielleicht hilft sein Herz ja einem anderen", soll er zu den Ärzten gesagt haben, als seine Herz-Lungen-Maschine direkt nach der Transplantation abgeschaltet wurde.

Die polizeilichen Ermittlungen wurden von der damals für Mord, Tötungsdelikte oder Brände zuständigen Kriminalinspektion 1 der Polizeidirektion Konstanz übernommen. Eine Sonderkommission wurde laut Polizeisprecher Bernd Schmidt nicht gebildet, da der Täter bekannt war und sich selbst getötet hatte: "Allerdings wurden umfangreiche Maßnahmen ergriffen. Dazu gehörten die kriminaltechnischen Maßnahmen an den Tatorten, am Grenzübergang und am Auffindeort des Täters, Durchsuchungen am Wohnort des Täters oder umfangreiche Zeugenvernehmungen."

Dezernatsleiter war damals Martin Johne. Er hatte Dienst im neu bezogenen Gebäude am Benediktinerplatz. Zusammen mit allen anderen zur Verfügung stehenden Beamten machte er sich umgehend auf den Weg Richtung Klein Venedig. Da sie von der geschlossenen Schranke wussten, eilten sie durch die Unterführung der Markstätte, vorbei am Hafen zum Wagen des Täters. Kriminaltechniker waren schon im Einsatz, sicherten Spuren.

Der Fall machte Polizisten und Zollbeamte sehr betroffen

Martin Johne und sein Team gingen weiter zum Übergang. "Wir haben erste Zeugen befragt, Spuren gesichert, Waffen sicher gestellt oder Lagepläne gemacht", berichtet er. "Der Fall hat uns persönlich sehr beschäftigt, da dort zwei erschossene Kollegen am Boden lagen. Thomas Lachmaier ist wie ich im November 1957 geboren. Das führt dir vor Augen, wie schnell es gehen kann." Jedes Jahr erscheint er am 10. Februar an der Gedenkstätte. "Da geht es zunächst einmal darum, mit Respekt an die getöteten Kollegen zu denken", erzählt er. "Aber auch darum wachzurütteln, immer vorsichtig zu sein."

Kollegen legten bei der Trauerfeier Blumen am Tatort ab. Bildarchiv: Erich Gropper

Im Mitsubishi fanden Ermittler mehrere Pistolen samt Munition, drei Maschinenpistolen, zwei Munitionskisten, Sprengstoff und Handgranaten. Im Nachgang waren noch umfangreiche Ermittlungen zur Herkunft der Waffen und Handgranaten und zum Motiv des Täters notwendig. Die Gesamtermittlungen dauerten rund drei Monate. Das Verfahren wurde von der Staatsanwaltschaft schließlich wegen des Todes des Tatverdächtigen eingestellt.

Das hat sich für Zollbeamte seit dem 10. Februar 1998 geändert

Die schrecklichen Taten in Ludwigsdorf und Konstanz lösten eine bundesweite, sehr emotional geführte Diskussion über die Sicherheit an den Grenzen aus. Gewerkschaften übten schwere Kritik an den Arbeitsbedingungen, die sich seither laut aller Beteiligten deutlich verbessert haben.

Viermal pro Jahr müssen die Zollbeamte heute den Ernstfall proben, Lehrgänge in Selbstverteidigung sind zur Pflicht geworden, die Schießausbildung ist perfektioniert und Kontrollen dürfen nur noch unter Schutz einer zweiten Person mit Hand an der Waffe ausgeübt werden. Kugelsichere Westen gehören mittlerweile ebenfalls zum Standard. "Es hat sich steil nach oben entwickelt", erzählt Nikolaus Spießer.

Die Eidgenössische Zollverwaltung EZV beschreibt es so: "Dass der Beruf der Grenzwächter Risiken mit sich bringt, wissen die Korpsangehörigen. Und trotzdem nehmen sie diese in Kauf, denn es braucht Menschen, die dieses Risiko in Kauf nehmen. Der Staat muss die Rechtsordnung durchsetzen können, damit die Bewohner unseres Landes sicher sein können. Doch der Tod wird auch nicht als unvermeidliches Berufsrisiko in Kauf genommen. Ausbildung, Ausrüstung und Dienst werden deshalb immer wieder angepasst, um das Risiko so weit wie möglich zu senken."

Thomas Lachmaier und Stefan Jetzter starben am 10. Februar 1998 bei der Ausübung ihrer Pflichten, der Verteidigung der Landesgrenzen. Für viele Zöllner sind sie den Heldentod gestorben. Am Tatort, dort, wo die Beamten getötet wurden, steht ein Gedenkstein, der an die beiden Zöllner erinnert. Am 10. Februar treffen sich hier Deutsche und Schweizer Zollbeamte sowie Familie und Freunde der Opfer zu einer internen Gedenkfeier. Die beiden beliebten Menschen sind auch heute noch allgegenwärtig.

 

Thomas Lachmaier (*1957 +1998)

Das deutsche Opfer vom 10. Februar 1998 galt als lebensfroher Mann, der voll im Leben stand. Er trieb viel Sport, liebte Tennis und Fußball. Thomas Lachmaier engagierte sich als Fußball-Schiedsrichter fürs Ehrenamt, ihm lag der Nachwuchs am Herzen. Als Unparteiischer schaffte er es bis in die Oberliga Baden-Württemberg.

Als 14-Jähriger war er der jüngste Teilnehmer, der die Prüfung zum Schiedsrichter des Südbadischen Fußball-Verbandes erfolgreich ablegte. In der Bundesliga war er als Linienrichter Ende der 80er Jahre im Einsatz. Beim FC Konstanz übernahm er zudem Verantwortung auf Funktionärsebene.

Thomas Lachmaiers Vater war ein bekannter Konstanzer Friseur, er starb wenige Jahre nach dem tragischen Tod seines Sohnes. Thomas Lachmaiers Mutter lebt noch. Der Zollbeamte selbst war weder verheiratet noch hatte er Kinder. Der 40-Jährige war sehr beliebt und sollte eigentlich kurz nach seinem Tod befördert werden.

Auf der Website www.odmp.info wird gestorbenen oder getöteten Zoll- oder Polizeibeamten ein bleibendes Andenken gesichert. Hier besteht auch die Möglichkeit zu kondolieren. Zu Thomas Lachmaier schreibt ein Freund unter anderem: "Auch zehn Jahre danach ist es mir immer noch unbegreiflich, wie so was passieren konnte. Da ich leider nicht mehr in der Umgebung wohne, ist es mir nicht möglich, Dich, lieber Thomas, auf dem Waldfriedhof besuchen zu kommen. Aber ich bin seit zwei Tagen ganz, ganz nah mit den Gedanken bei dir."

Der Schweizer Stefan Jetzer sollte an jedem Tag eigentlich frei haben. "Bei der Trauerfeier erzählte der Pfarrer, dass er für einen Kollegen eingesprungen ist, damit der mit seinem Sohn zum Eishockey gehen kann", erzählt der Konstanzer Polizeibeamte Martin Johne. Er hinterließ seine Ehefrau und zwei Kinder.

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