Es ist ein warmer Frühlingsabend an jenem 20. April 2018, als mehrere Polizeiwagen mit Blaulicht den Gottmannplatz anfahren. Auf der Straße sind Blutspuren, Passanten winken die Polizisten zu zwei Männern am Boden. Der eine liegt mit dem Gesicht zum Boden, schlägt um sich, der andere sitzt auf ihm und hält ihn fest, ein dritter blutet am Kopf.

Die Situation ist unübersichtlich. Wer ist der Angreifer? Wer war noch beteiligt? Gibt es Zeugen?

Fast ein Jahr später treffen alle Beteiligten wieder im Gerichtssaal aufeinander. Die Polizisten haben den vermeintlichen Angreifer ermittelt, Zeugen befragt, Beweismittel gesichert. Die Staatsanwaltschaft hat Anklage gegen den 27-jährigen Mann erhoben, der damals am Boden lag. Jetzt geht es um die Frage, was wirklich geschehen ist – und was eine gerechte Strafe ist.

Wie schwierig der Weg bis dorthin ist, für die Richter wie die Opfer gleichermaßen, zeigt dieser Fall ganz besonders.

Einblicke in die Kindheit

In der Gerichtsverhandlung geht es in der Regel zuerst um die Frage, wer auf der Anklagebank sitzt – und was aus der Vergangenheit ihn möglicherweise zum Täter hat werden lassen. Der 27-Jährige wächst in einer Großfamilie im türkischen Konya auf, 2,1 Millionen Einwohner. Als er neun Jahre alt ist, zieht die Familie nach Deutschland. Er habe eine glückliche Kindheit gehabt, berichtet der Angeklagte. Von der Zeit, die er offenbar auf richterliche Anordnung in einem Jugendheim und später in einer Entzugsklinik verbringen musste, berichtet er weniger.

Den Hauptschulabschluss macht er im Jugendgefängnis, Ausbildungsversuche scheitern. 2012 zieht der damals 20-Jährige mit seiner Partnerin nach Konstanz, eröffnet ein eigenes Geschäft und wird Vater von drei Kindern.

Immer wieder Anzeigen

Doch immer wieder liegt Post vom Gericht im Briefkasten. Sein Vorstrafen-Register zählt mittlerweile 18 Einträge. Körperverletzung, Drogen, Beleidigung, Sachbeschädigung. 2017 wird er zu einer Haftstrafe verurteilt, weil er den Gast einer Shisha-Bar im Industriegebiet provoziert und niedergeschlagen hatte. Und auch in seinem Wohn-Viertel in Petershausen kommt es immer wieder zu Vorfällen und teils heftigen Auseinandersetzungen.

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Warum er all diese Menschen angreift – von jung bis alt, Deutsche und Ausländer – dazu gibt es unterschiedliche Wahrnehmungen. So sagte der 27-Jährige immer wieder, dass eigentlich er das Opfer sei, dass er nur sich oder seine Familie verteidigt habe, immer wieder fällt das Wort Respekt.

Die Nachbarn versuchen, ihm und seinem Hund aus dem Weg zu gehen.

Sie kommen ungern alleine im Dunklen von der Arbeit nach Hause, wie eine Zeugin erzählt. Bringen den Müll lieber am nächsten Morgen statt abends raus, sagt ein Nachbar. Immer wieder hallen die Schreie des 27-Jährigen durch das Treppenhaus, „die durch Mark und Bein gehen“, so berichtet eine Nachbarin. Im Laufe eines Jahres gehen mehrere Anzeigen gegen den 27-Jährigen bei der Polizei ein, die gesammelt vor Gericht landen.

Es hätten vor allem wegen Beleidigung mehr sein können, sagt eine Nachbarin. Doch viele wollten lieber ihre Ruhe haben.

Ruhe hatte Gisela K. in den vergangenen Monaten kaum. Sie ist eine Nachbarin, die zwei Mal als Zeugin vor Gericht aussagte. Einmal vor dem Konstanzer Amtsgericht, das zweite Mal vor dem Landgericht – denn der 27- Jährige hatte das erste Urteil nicht akzeptiert und ging in Berufung.

„Als ich die Vorladung vom Landgericht erhielt, dass ich als Zeugin wieder geladen wurde, hatte ich schlaflose Nächte.“
Gisela K.

„Ich wollte damit abschließen“, sagt ein junger Mann im Zeugenstand, der von dem 27-Jährigen wohl massiv bedroht wurde. Ein anderer Zeuge, den er geschlagen haben soll, wollte seine Anzeige tatsächlich zurückziehen.

Das Gericht lehnte ab.

Zwar haben Opfer durch die Justiz in jüngster Zeit mehr Schutzmöglichkeiten bekommen – ihnen kann etwa ein Rechtsanwalt als Zeugenbeistand zur Seite gestellt werden. Wollen sie aber nicht aussagen, müssen sie teilweise mit drastischen Maßnahmen rechnen, angefangen mit einem Ordnungsgeld.

Gisela K. dagegen ließ sich auch von massiven Drohungen des Angeklagten, die der 27-Jährige selbst im Gerichtssaal gegen sie und andere Nachbarn äußert, nicht einschüchtern und suchte den Kontakt zu den Behörden, legte sogar Beweise gegen Behauptungen des Angeklagten vor.

„Man darf die Augen nicht verschließen, schweigen und denken, irgendjemand wird schon was tun.“
Gisela K.

Sie kenne den Grundsatz „Im Zweifel für den Angeklagten“. Aber jetzt erst wisse sie, was das wirklich bedeute und wie schwer all das für die Opfer manchmal sei. Es ist ein allgemeiner Grundsatz im Prozessrecht: Da es kaum zu beweisen ist, dass etwas nicht passiert ist, muss die andere Partei die Beweise liefern, dass etwas passiert ist.

Klares psychiatrisches Gutachten

Für das Gericht spielen nicht nur die Zeugen, sondern oft auch die Einschätzung eines psychiatrischen Gutachters eine wichtige Rolle. Er soll die Frage beantworten, ob der Angeklagte psychisch krank ist oder zum Zeitpunkt der Tat nicht zurechnungsfähig war – nicht selten hofft darauf auch die Verteidigung.

In diesem Fall erstellte das Gutachten der forensische Psychiater Ernst Baljer, der klar formulierte:

„Der Angeklagte hat eine Menge Macken. Aber kein Krankheitswert in juristischem Sinne.“

Dem 27-Jährigen falle es zwar schwerer als anderen Menschen, sich normgerecht zu verhalten. Er erlebt Dinge als Kränkung, die andere nicht so sehen. All das aber sei eine „Spielart des menschlichen Wesens“ – und keine psychische Krankheit. Eine Strafmilderung oder gar ein Freispruch wegen Schuldunfähigkeit scheidet damit aus.

Das Urteil fällt ähnlich aus

Vier lange Prozesstage, zwei Verfahren, mehrere dicke Aktenordner: Am Ende fällt vor dem Landgericht in zweiter Instanz das Urteil. „Ich war extrem angespannt und nervös, wie das neue Urteil aussehen wird, ob es mehr oder weniger Haftzeit gibt“, sagt Gisela K.

Was ist ein Berufungsverfahren?

Weil dem Angeklagten nicht nachgewiesen werden konnte, dass er seinen Hund auf einen Mann gehetzt hatte, fällt das Urteil tatsächlich zwei Monate niedriger aus. Drei Jahre und acht Monate beträgt nun die Haftzeit für den 27-Jährigen. Dabei wurden mehrere Straftaten zusammengefasst – von der Körperverletzung bis zur Beleidigung.

Wie geht es weiter?

Schon bei beiden Urteilsverkündigungen zeigte sich der 27-Jährige wenig einsichtig und stellenweise sogar aggressiv. Weil der Verurteilte die Kosten für den Prozess tragen muss, hat der 27-Jährige Schulden. Dennoch will er nun den letzten Rechtsweg gehen, der ihm bleibt: die Revision.

Ein entsprechender Antrag liegt beim Landgericht bereits vor, bestätigt Mirja Poenig, Richterin und Pressesprecherin. Dabei werden das Verfahren und das Urteil noch einmal überprüft, aber nicht komplett neu verhandelt.

Der 27-Jährige soll ausgewiesen werden

In der Zwischenzeit hat der Mann Post vom Regierungspräsidium Freiburg erhalten. Er soll ausgewiesen werden. Denn er ist türkischer Staatsangehöriger und nur nach islamischen Recht mit einer Deutsch-Iranerin verheiratet, nicht standesamtlich.

Er könne sich gut vorstellen, in der Türkei mit seiner Familie auf einem Bauernhof zu leben, soll er dem psychiatrischen Gutachter noch gesagt haben.