Das schwierigste Möbelstück, das er je herstellen musste? Baldur Noebel, Inhaber der „Schreinerei Beuter“, die am 24. November 2021 ihr hundertjähriges Jubiläum feierte, muss nicht lange überlegen. „Das war ein Couchtisch für ein Ehepaar, das vor dem Fernseher auch essen wollte.“ Und zwar jeder an seinem Platz, also asymmetrisch ausschwenkbare Platten zu den Sesseln hin, die auch noch so parallel nach oben fahren mussten, dass von der bereits servierten Suppe auch ja kein Tropfen verschüttet wurde. “Allein in das dafür nötige Gelenk habe ich 25 Stunden Entwicklungsarbeit gesteckt.“ Die Augen des Schreinermeisters leuchten, denn das sei das, was ihn antreibe: „Etwas neu konstruieren, immer wieder individuelle Lösungen finden, diese Herausforderungen ziehen mich an.“

Jedes Stück ein Unikat

Und so steht in der 400 Quadrameter großen, erst seit sechs Wochen bezogenen Werkstatt in der Fritz -Arnold-Straße ein Kaufmannladen in Puppenhausgröße, den eine Kundin vorbeigebracht hat. „Den sollen wir für ihre Enkelin nachbauen.“ Sodass er an Weihnachten fertig ist, was rund 2500 Euro kosten wird. „Dafür hat der dann aber auch gezinkte Mini-Schubladen.“ Zinken, das ist eine handwerkliche Fähigkeit, bei der die Holzverbindungen an der Ecke einer Schublade hergestellt werden. „Das muss bei uns jeder Geselle perfekt beherrschen.“ Für die Restaurierung alter Möbel unbedingt notwendig. Denn darauf ist Noebel mit seinem fünfköpfigen Team spezialisiert. Klassisches Handwerk, Verarbeiten von Massivholz, liebevolles Aufbereiten von historischen Möbeln. „Wir haben keine dieser modernen computergesteuerten Schreinerei-Maschinen.“ Bei ihnen, so Noebel, gebe es keine Wiederholungen, jedes Stück werde einzeln und individuell gefertigt. Dafür kommt hier noch eine voll funktionstüchtige Bandsäge aus den 60er Jahren und eine ähnlich alte Hobelmaschine zum Einsatz, die allerdings inzwischen einen solchen Lärm macht, dass sie nun durch eine neue mit einer „Flüsterwelle“ ersetzt wird.

Die hundertjährige Firmengeschichte ist auch in der neuen Umgebung präsent. Da ist der Gewerbe-Anmeldungsschein von Vitus Beuter, ausgestellt auf den 24. November 1921, mit dem er mit seiner Schreinerei in der Niederburggasse 1 offiziell an den Start ging, da liegt ein Schwarz-Weiß-Foto des Firmengründers daneben, und wenn man hereinkommt, steht an der Wand ein alter Leiterwagen, mit dem Vitus Beuter wahrscheinlich schon seine Ware auslieferte und der 40 Jahre unbenutzt im Schopf in einem Hinterhof von Stadelhofen stand. Dorthin war Beuter von der Niederburg aus umgezogen.

Baldur Noebel ist in Oberdorf vor den Toren von Konstanz aufgewachsen. Als Jugendlicher hat er in der Nachbarschaft bei dem Wagner Berthold Brachat mitgeholfen, hat Grundkenntnisse in der Arbeit mit Holz erworben, an der Drechselbank seine eigenen Kerzenleuchter hergestellt. Eine Schreinerlehre schloss sich bei der Schreinerei Markquart auf der Laube an, 1985 machte er seinen Meister, leitete darauf die Werkstatt des Konstanzer Einrichtungshauses „Itta & Bremer“, bevor er vor 17 Jahren von Gustav Bergmann die „Schreinerei Beuter“ übernahm. Im Hinterhof der Zogelmannstraße war es aber- eigentlich schon immer- zu beengt, auch für Anlieferer, sodass sich Baldur Noebel letztlich für den Umzug in das Industriegebiet entschied. Der 62-Jährige denkt dabei auch an einen Nachfolger, dem er einmal ein gut aufgestelltes Unternehmen übergeben möchte. „Und dafür haben wir hier nun die passenden Räumlichkeiten.“ Viel Fläche, um ihrem Handwerk nachzugehen.

Das Wissen übers Holz

Seit Jahrzehnten beschäftigt er sich täglich mit hochwertigen Möbeln, nicht umsonst steht unter seinem Firmennamen der Slogan „Edles aus Holz“. Im Eingangsbereich stapelt sich 30 Jahre lang abgelagertes Kiefern- und Eichenholz und wartet auf Verarbeitung, daneben – höchst selten – Hölzer aus Ginkgo-Bäumen. „Die hat die Stadt am Bahnhof gefällt, da habe ich mich gleich erkundigt und die Stämme gekauft.“ Noebel hat noch selbst Wald in Oberdorf und „erntet“ dort auch „mondphasengeschlagenes Holz“. Kein Hokuspokus, sondern wissenschaftlich bewiesen, betont er. Schlägt man Bäume „nahe am Neumond“, ist in dem Holz am wenigsten Saft, es trocknet also besser aus, reißt wenig und enthält außerdem kaum noch Nährstoffe für Holzwürmer. Dass der Umgang mit Holz eine eigene Wissenschaft ist, wird spätestens hier klar.

Baldur Noebel beherrscht beides, die Wissenschaft und das Holz. Und er wird auch die nächsten Jahre die Herausforderungen annehmen, mit denen ihn seine Kunden konfrontieren. Ob sie Intarsienarbeiten bestellen, Holzsockel erneuert, Oberflächen aufgebessert oder einen Mini-Kaufladen geschreinert haben wollen: „Geht nicht gibt’s nicht!“ Dieses Motto gilt auch weiterhin, wenn man sich in der Fritz-Arnold-Straße an die Arbeit macht. Immer mit dem Anspruch, „dass der Kunde absolut nichts mehr zu bemängeln hat.“ Zum Jubiläum gab es deshalb auch viele Mails von zufriedenen Auftraggebern: „Stil, Qualität und Zuverlässigkeit zeichnen Ihre Firma aus.“

So kann der Auftrag fürs nächste, noch schwierigere, Möbelstück kommen. Baldur Noebel und sein Team freuen sich schon auf jede neue Herausforderung.