Vor genau 100 Jahren gründete Walter Gropius in Weimar die Kunst-, Design- und Architekturschule Staatliches Bauhaus. Bundesweit wird das Jubiläum in diesem Jahr gefeiert. In Weimar, in der späteren Bauhaus-Heimat Dessau und in Berlin, um nur einige zu nennen, sind bedeutende Bauten dieser Architekturrichtung erhalten.

Ganz im Süden, in Konstanz, sucht man klassische Bauhaus-Gebäude vergeblich.

„Bauhaus-Architektur im eigentlichen Sinne, das heißt Architektur aus der Zeit des Bauhauses, die direkt mit dessen Wirken in den 1920er- und 1930er-Jahren in Beziehung steht, gibt es in Konstanz nicht“, sagt Andreas Schwarting, Professor für Baugeschichte und Architekturtheorie an der HTWG Konstanz. Allerdings lasse sich ein gewisser stilistischer Einfluss finden, „der sich aber nur an wenigen Bauten festmachen lässt“, wie Schwarting weiter ausführt.

Einer der Gründe dafür: „Der Architekt und Absolvent des Dessauer Bauhauses, Hermann Blomeier, der 1932 sein Diplom bei Ludwig Mies van der Rohe gemacht hatte und danach für ein Bauprojekt in Zürich an den Bodensee gezogen war, stand in direkter Verbindung mit dem Bauhaus und war einer der wenigen, vielleicht der einzige Vertreter dieser neuen Richtung, den es nach Konstanz verschlagen hatte“, wie der HTWG-Professor weiß.

Hermann Blomeiers Sohn Christoph ist selbst Architekt und lebt in Konstanz – natürlich in seinem vom Bauhaus inspirierten Haus in Allmannsdorf. Er erzählt die bewegte Lebensgeschichte seines Vaters.

Christoph Blomeier im Pavillon der Ländebauten in Konstanz-Staad, die sein Vater Hermann in den 1950er Jahren geplant hat. Sie gehören zu den vom Bauhaus-Stil geprägten Gebäuden in Konstanz.
Christoph Blomeier im Pavillon der Ländebauten in Konstanz-Staad, die sein Vater Hermann in den 1950er Jahren geplant hat. Sie gehören zu den vom Bauhaus-Stil geprägten Gebäuden in Konstanz. | Bild: Julia Russ

„Von dem Moment an, als die Nationalsozialisten an der Macht standen, hatten es alle neuen Kunstrichtungen – und damit auch die Bauhaus-Architektur – schwer, die sich vom Alten abwenden wollten“, erklärt er. „Die Bauhausschüler hatten ab den 1930er Jahren so gut wie keine Chance mehr, die Ideen ihrer Meister und ihrer Schule auch nur ansatzweise in Deutschland umzusetzen.“

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Da das Bauhaus nur 14 Jahre existierte, bis es 1933 aufgrund von Repressalien zur Selbstauflösung gezwungen wurde, gab es gar nicht so viele Absolventen, die sich dieser modernen Architekturrichtung verschrieben hatten. Hermann Blomeier war einer von ihnen.

Drei ausgewählte Beispiele für Hermann Blomeiers von der Bauhaus-Lehre geprägten Architekturstil



  1. Wartepavillon und Ländebauten


    Der Wartepavillon in Meersburg (1951), die heutige „Möwe“, und die Ländebauten in Konstanz-Staad (1952/53) sind zwei der frühesten Bauten der Nachkriegsmoderne in Deutschland.
    Die Ländebauten in Staad von Hermann Blomeier in den 1950er-Jahren.
    Die Ländebauten in Staad von Hermann Blomeier in den 1950er-Jahren. | Bild: privat
    Obwohl der neue Wartepavillon in Meersburg laut Christoph Blomeier zunächst blankes Entsetzen bei der Bevölkerung hervorrief, wurde er zum architektonischen Paukenschlag und führte zu den Ländebauten auf der anderen Seeseite in Konstanz-Staad.
    Der Pavillon der Ländebauten in Staad und der ebenfalls von Hermann Blomeier entworfene in Meersburg symbolisieren zwei Brückenköpfe.
    Der Pavillon der Ländebauten in Staad und der ebenfalls von Hermann Blomeier entworfene in Meersburg symbolisieren zwei Brückenköpfe. | Bild: Julia Russ
    Die beiden runden verglasten Pavillons symbolisieren laut Hermann Blomeier am jeweiligen Ufer die Brückenköpfe einer unsichtbaren Brücke über das Wasser, die gebildet wird von den Fährschiffen zwischen Konstanz-Staad und Meersburg. Die Ländebauten in Konstanz-Staad stehen heute unter Denkmalschutz.



  2. RV Neptun Konstanz


    „Der damalige Präsident Reinhold Walter Schwarz gehörte zum Freundeskreis meines Vaters, und der stellvertretende Vorsitzende Ludwig Marquardt, ein Schreinermeister, war ein besonderer Unterstützer von Hermann Blomeier“, erinnert sich dessen Sohn Christoph Blomeier. Bedarf an einem Clubhaus für den RV Neptun bestand lange, aber es fehlte am nötigen Geld.

    Hermann Blomeier verzichtete laut dem Seminarbuch „Konstanz und die Moderne, der Architekt Hermann Blomeier", sogar auf sein Honorar über ca. 16.000 Mark und hat damit seinen Beitrag zur Realisierung des Neubaus (1954/55) geleistet.
    Das Clubhaus des RV Neptun Konstanz von Hermann Blomeier in den 1950er-Jahren.
    Das Clubhaus des RV Neptun Konstanz von Hermann Blomeier in den 1950er-Jahren. | Bild: privat
    Ursprünglich war das Gebäude an der alten Rheinbrücke doppelt so groß geplant, der zweite Abschnitt konnte aber aus finanziellen Gründen nicht realisiert werden. Den Bau prägen klare geometrische und kubische Formen. Die Belassung der Sichtbarkeit der Materialien ist eines der typischen Zeichen für den Bauhaus-Stil. Die Ausfachung aus gelbem Stein zwischen den Stahlstützen steht stellvertretend für die Ideen von Walter Gropius und die Stahlskelettkonstruktion des blauen Gerüstes für die von Mies van der Rohe.

    „Von der ursprünglichen Leichtigkeit und Offenheit des Gebäudes ist heute leider nicht mehr viel zu erkennen“, sagt Christoph Blomeier und fährt fort: „Durch diverse Umbauten, zum Beispiel das Schließen offener Bereiche zur Raumgewinnung, wurde das bis dahin transparente Erscheinungsbild des Gebäudes zerstört."
    Das Vereinsgebäude des Rudervereins Neptun sieht heute so aus.
    Das Vereinsgebäude des Rudervereins Neptun sieht heute so aus.
    Derzeit wird das Gebäude, das heute unter Denkmalschutz steht, zur weiteren Raumgewinnung baulich erweitert, was zu dem schon von verschiedener Seite mehrfach geäußerten Vorschlag zu einem Rückbau der geschlossenen Bereiche führt. "Das ursprüngliche, bauhausgerechte Erscheinungsbild würde wiederhergestellt, was ein wertvoller, verantwortungsbewusster Beitrag aller Beteiligter zum Jubiläum 100 Jahre Bauhaus wäre“, meint Christoph Blomeier.



  3. Wessenbergschule


    Für das Projekt der damaligen Handelslehranstalten Konstanz gewann Hermann Blomeier bei einer Ausschreibung den ersten Preis. Das von 1966 bis 1968 gebaute Schulgebäude in Stahlbetonskelettkonstruktion greift auf die Architektur von Hermann Blomeiers Studienzeit zurück.
    Auch die Wessenbergschule ist eine vom Bauhaus inspirierte Anlage nach Plänen von Hermann Blomeier. Sie wurde 1968 als Handelslehranstalten eröffnet.
    Auch die Wessenbergschule ist eine vom Bauhaus inspirierte Anlage nach Plänen von Hermann Blomeier. Sie wurde 1968 als Handelslehranstalten eröffnet. | Bild: Julia Russ
    In seinen Plänen zur Wessenbergschule ist das nie realisierte Studienprojekt im Weserbergland „Hotel Kiekenstein“ in Ansätzen wieder zu erkennen. Als das Gebäude mit der Stahlbetonkonstruktion, den schwarz-grünen Elementen und dem prägenden Ziegelsichtmauerwerk aus hellgelbem Backstein fertiggestellt wurde, bezeichnete der SÜDKURIER es als „schönste und modernste Schule in Konstanz“.

    1989 wurde die heutige Wessenbergschule unter Denkmalschutz gestellt.