Für die einen sind es einfach nur viele Bäume, die die Fahrbahn säumen. Für die anderen sind die 323 Birken entlang der Kreisstraße zwischen Liggersdorf, Mindersdorf und Schwackenreute etwas Besonderes. Mit Recht: Die Birkenallee, die genau genommen nur eine Halballee ist, weil die Baumreihe nur auf der Nordseite der Straße steht, ist ein Naturdenkmal.

Die Birken wurden wegen ihrer Eigenart und Schönheit sowie als landschaftsprägendes Element als Einzeldenkmal ausgewiesen. Sie stehen unter strengem Schutz und dürfen nicht gefällt werden. Da Birken aber weniger stabil sind als andere Baumarten, gab es bereits Überlegungen, sie nach und nach durch andere Bäume zu ersetzen, sagt Sabrina Molkenthin, Leiterin des Umweltzentrums Stockach.

Die Sandbirken wurden etwa 1910 gepflanzt, wie sich aus einer Luftaufnahme von 1921 schließen lässt. Zwischen Liggersdorf und Mindersdorf säumen 158 Bäume die Straße, zwischen Mindersdorf und Schwackenreute stehen 165 Birken. Sabrina Molkenthin vermutet, dass die Allee früher als Wegmarkierung in der kargen Landschaft gedient hat. Bevor es Teerstraßen gab, wurden Birken auch gerne als Wegumrandung genutzt, da sie die Böden recht stark entwässern. Vor allem die Sandbirke hat ein dichtes, flaches Wurzelwerk, mit dem sie auf trockenen Böden die Niederschläge schnell aufnehmen kann, bevor diese versickern.

Das Denkmal verändert sich stetig. Birken leben etwa 120 Jahre lang. In absehbarer Zeit werden hier immer mehr Bäume ihr natürliches Ende finden. Schon in der Vergangenheit wurden beschädigte Bäume ersetzt – beispielsweise 1990, als ein Sturm 30 Bäume zerstörte. Die nachgepflanzten Birken sehen heute stattlich aus. In der langen Reihe stehen an mehreren Stellen ganz junge Bäumchen zwischen riesigen Exemplaren. Dann wieder wachsen zwei Birken mit dem gleichen kecken Schwung in eine andere Richtung als ihre Artgenossen. Die eine oder andere tanzt aus der Reihe, manche wachsen hinter der gedachten Linie, andere ganz schräg. So bilden die 323 Bäume zwar eine Einheit, haben aber allesamt ihren eigenen Charakter.

Naturdenkmal und Lebensraum

Sabrina Molkenthin findet die Allee sehr schön und als Naturdenkmal besonders erhaltenswert, auch, weil es davon nicht mehr viele gibt. „Es ist schade, dass dieses alte Kulturgut heute aus der Mode gekommen ist“, bedauert sie. Immer wieder müssen Verkehrssicherungsmaßnahmen vorgenommen werden. „Die Bäume sind wertvolle Lebensräume, stellen aber auch eine gewisse Gefahr für Autofahrer dar“, gesteht sie ein. „Ich bin aber sehr zufrieden, dass die Bäume der Mindersdorfer Birkenallee regelmäßig kontrolliert und alte und morsche Bäume durch Nachpflanzungen ersetzt werden, sodass die Allee langfristig erhalten werden kann.“

Der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) weist darauf hin, dass Alleen nicht nur schützenswerte kulturelle Monumente sind, sondern Schadstoffe aus der Luft filtern, natürliche Lebensräume verbinden und oft Zufluchtsstätten gefährdeter Tierarten sind. Jedes Jahr prämiert der BUND Fotos der schönsten Allee des Landes – am 20. Oktober, dem Tag der Allee.

Wenn sich im nächsten Frühling das erste zarte Frühlingsgrün zeigt, lohnt sich ein Besuch dieses außergewöhnlichen Denkmals besonders. Der Weg dorthin ist leicht erklärt: Aus Stockach geht es über die K 6180 in Richtung Zoznegg. Etwa drei Kilometer nach Stockach biegt man rechts in Richtung Mindersdorf ab und erreicht den Ort nach drei Kilometern. Am Ende der Ortsdurchfahrt stößt man auf die K 6176. In Richtung Liggersdorf/Hohenfels stehen auf der nördlichen Seite die Birken. Zum zweiten Teil der Allee gelangt man, wenn man von Mindersdorf aus der Kreisstraße in Richtung Schwackenreute folgt.

Alle, deren Interesse an Naturdenkmalen nun geweckt ist, erfahren mehr in der Broschüre von Sabrina Molkenthin, die für einen Euro im Umweltzentrum, der Tourist-Information und bei Bücher am Markt erhältlich ist.

Die Serie

In oder hinter bekannten und alltäglichen Dingen kann sich Interessantes verbergen. In der Serie „Perspektivwechsel“ macht die Redaktion genau das, was der Name sagt und schaut sich etwas aus einem anderen, neuen Blickwinkel an. Was verbirgt sich zum Beispiel in diesem einen Gebäude, an dem jeden Tag so viele vorbeigehen? Gibt es vielleicht aktuelle Forschungen, die ein neues Licht auf einen historischen Ort werfen? Auch die scheinbar ganz normale Natur hält hier und da noch eine Überraschung parat. Die Serie geht dem Ungewöhnlichen im Alltäglichen auf die Spur. Die Reaktion nimmt auch Leservorschläge an: Was hat Sie schon immer fasziniert und würde Sie aus einer anderen Perspektive interessieren? Kontakt: SÜDKURIER Stockach, Hauptstraße 16, 78333 Stockach oder stockach.redaktion@suedkurier.de (sk)