Ein junger Mensch, der sich im Ausland für eine gute Sache engagiert, ist heute eigentlich nicht mehr ungewöhnlich. Was Johannes Stanulla seit knapp zwei Jahren in der indischen Stadt Delhi macht, ist aber etwas ganz Besonderes. Der heute 30-Jährige arbeitet nicht nur einfach eine Zeit lang für eine gemeinnützige Organisation, sondern hält in der indischen Stadt Delhi als Projektleiter bei der Bono-Direkthilfe alle Fäden für den Neubau eines großen Schutz- und Rehabilitationszentrums für aus der Zwangsprostitution befreite Mädchen in der Hand. Triveni Acharya, die Präsidentin der indischen Partnerorganisation Rescue Foundation, wird im November in Stockach zu Gast sein und Einblicke in die Arbeit der Vereine geben (siehe Infoteil).
 

Das Zentrum der Rescue Foundation bei Delhi in Indien soll im Dezember fertig werden und im kommenden Januar den Betrieb aufnehmen.
Das Zentrum der Rescue Foundation bei Delhi in Indien soll im Dezember fertig werden und im kommenden Januar den Betrieb aufnehmen. | Bild: privat

"Die Anfrage, ob ich für das Bauprojekt nach Indien möchte, kam zwei Monate, bevor ich mit der Uni fertig war", erzählt Johannes Stanulla, der 2007 sein Abitur am Nellenburg-Gymnasium in Stockach gemacht hat. "Ich hatte noch keine Pläne und habe relativ schnell zugesagt." Jetzt, fast zwei Jahre später, steht das Projekt kurz vor der Fertigstellung. Momentan laufen zum Beispiel der Einbau der Fenster und die letzten Arbeiten an der Fassade, ehe die Farbe darauf kommt. Ende Dezember ist die Eröffnung und Anfang Januar beginnt der Betrieb.

Das Bauprojekt läuft inzwischen länger als ursprünglich geplant. Eigentlich sollte es ein Jahr dauern, jetzt sind es zwei. "In Indien ist es mit der Disziplin auf der Baustelle anders als in Deutschland. Aber wir haben einen Puffer eingebaut", sagt Stanulla. Auch bei den Maßeinheiten sieht es in Indien etwas anders aus. "Es wird in Fuß gerechnet." Ein Fuß entspricht etwa 30 Zentimetern. In dem neuen Gebäude können auf vier Stockwerken rund 100 gerettete Mädchen unterkommen. Es gibt Zimmer für die Mädchen sowie Betreuungspersonal, eine Büroeinheit, eine Art Krankenhaus in drei Räumen, Küche und Speisesaal sowie eine Trainingseinheit. Außerdem gibt es die Möglichkeit das Gebäude später um ein Stockwerk zu erweitern.

Johannes Stanulla beschreibt die Zeit in Indien und das Projekt als "spannend". Er sei sehr gut aufgenommen worden. "Die Organisation ist mit internationalen Gästen sehr erfahren." Indien habe Englisch als zweite Amtssprache, so dass die Verständigung meistens gut klappe. Es sei aber auch immer jemand in der Nähe, um etwas zu übersetzen. Oder zur Not klappe es auch mit Händen und Füßen.
 

Johannes Stanulla ist nicht nur Projektleiter, sondern hilft auch mal selbst mit.
Johannes Stanulla ist nicht nur Projektleiter, sondern hilft auch mal selbst mit. | Bild: privat

Die Organisation Rescue Foundation hat ihren Hauptsitz in Mumbai, zwei Zentren in Pune sowie Boisar und lässt nun das neue Zentrum in Delhi bauen. Die deutsche Partnerorganisation, für die Stanulla arbeitet, ist die Bono-Direkthilfe. "Tausende Mädchen und Frauen werden in den Rotlichtvierteln Mumbais (Bombays) und Punes unter unvorstellbaren Bedingungen zur Prostitution gezwungen. Die Rescue Foundation hilft ihnen mit Rettungseinsätzen, bei denen sie befreit und im Anschluss medizinisch und psychologisch betreut werden", beschreibt die Bono-Direkthilfe die Arbeit der Rescue Foundation in Indien. Ein Ermittler sei im Untergrund unterwegs, gehe Hinweisen auf verschleppte Mädchen im Alter zwischen neun und 18 Jahren nach und hole sie aus der Zwangsprostitution, beschreibt Stanulla. Dieser Investigator, so die englische Bezeichnung, ist im November bei der Veranstaltung in Stockach mit der Präsidentin der Rescue Foundation dabei. "Er holt Mädchen in großen Städten aus dem Rotlicht heraus", sagt der 30-Jährige. Der Verein kümmert sich dann um die Versorgung, Unterbringung und Ausbildung der Mädchen, die von ihren Eltern bei einer Rückkehr verstoßen werden würden. Sie lernen zum Beispiel, Schmuck herzustellen oder am Computer zu arbeiten.
 

Johannes Stanulla (rechts) bei der Besprechung der Baupläne.
Johannes Stanulla (rechts) bei der Besprechung der Baupläne. | Bild: privat

Zum Vortrag im November im Stockacher Pallottiheim erzählt Stanulla, dass die Vertreter der Rescue Foundation eine Tour durch Deutschland, Österreich und die Schweiz machen. Der Vater von Johannes Stanulla, Olaf Graf-Stanulla, hatte die Idee, dass es auch einen Abend in Stockach geben könnte. Der Fokus der Veranstaltung liege aber nicht auf dem Neubauprojekt, sondern auf der allgemeinen Arbeit der gemeinnützigen Organisation, die auf sich aufmerksam machen möchte und auf Unterstützung hofft.

Und wie geht es bei Johannes Stanulla weiter, wenn das Projekt fertig ist? "Das ist noch nicht entschieden", sagt der 30-Jährige, der seit März verheiratet ist. Klar sei nur, dass er den Aufenthalt in Indien nicht verlängern werde. Zunächst freut er sich aber auf die Eröffnung des Zentrums, zu der auch seine Familie aus Deutwang anreisen will.

Präsidentin in Stockach

  • Vereine: Die Bono-Direkthilfe ist die deutsche Partnerorganisation der indischen Rescue Foundation, die seit 1997 in Indien gegen Menschenhandel und Zwangsprostitution kämpft. Die Bono-Direkthilfe setzt sich für Kinder- und Frauenrechte ein.
  • Veranstaltung: Am Mittwoch, 22. November, kommen Triveni Acharya, Präsidentin der indischen Rescue Foundation (Rettungsstiftung), und Ashok Rajgor, der die Mädchen in Not aufspürt und rettet, im Rahmen eine Tour nach Stockach. Ab 20 Uhr sprechen sie im Pallottiheim über die Hilfsorganisation. Es gibt auch einen Dokumentarfilm aus dem Rotlicht Indiens und über den mutigen Einsatz von Menschen, die Mädchen aus der Zwangsprostitution befreien. Der Eintritt ist frei.
Infos im Internet:www.rescuefoundation.netwww.bono-direkthilfe.org