Elmar Veeser nimmt die Hand seiner Mutter Lieselotte und streichelt sie. Die 86-Jährige Dame lächelt und legt ihren Kopf an die Brust ihres Sohnes. „Sie genießt meine Nähe“, ist sich Veeser sicher. Leicht gefallen ist ihm diese körperliche Nähe zu seiner Mutter anfangs nicht. Inzwischen habe er gelernt, dies zuzulassen. „Das hat auch mit Scham zu tun. Als Sohn musste ich dafür eine gewisse Hürde überwinden“, erläutert er. In die Rolle des Altenpflegers seiner Mutter ist er hineingerutscht. So wie viele Angehörigen, welche die 1,7 Millionen Menschen mit Demenz in Deutschland betreuen.

Sohn Elmar (60) wohnte in Andernach am Mittelrhein. Die Mutter besuchte er alle paar Monate. Als Autor und freier Journalist schrieb er unter anderem einen regionalen Gourmetführer. Eine Erkrankung an der Hüfte bremste die Mutter aus. Sie konnte das große Grundstück in Weiterdingen nicht mehr versorgen. Elmar Veeser kehrte also in die südbadische Heimat zurück. Bald traten bei der Mutter erste Gedächtnislücken auf. „Mutter hat immer wieder das Gleiche gesagt. Wie eine Schallplatte, die einen Sprung hat.“ Außerdem begann die Mutter, Töne zu verwechseln. „Das Telefon hielt sie für die Türklingel.“

Die regelmäßige Einnahme ihrer Medikamente ist für Demenz-Patienten schwierig. Auch hierbei brauchen sie Hilfe.
Die regelmäßige Einnahme ihrer Medikamente ist für Demenz-Patienten schwierig. Auch hierbei brauchen sie Hilfe. | Bild: privat

Sie konnte auch Gesichter und Stimmen nicht mehr zuordnen. Die Übergänge in der Demenz seien für den Sohn schleichend gewesen. „Mir fiel das gar nicht so auf, da ich meine Mutter ja jeden Tag gesehen habe. Wenn aber meine Schwester oder auch mein Bruder mal zu Besuch waren, machten sie mich auf diesen Prozess aufmerksam“, so Veeser.

Einschneidend sei der Aufenthalt in einer geriatrischen Klinik für die Mutter gewesen. Innerhalb von gut zwei Wochen hätten sich die demenziellen Symptome rapide verstärkt. Sohn Elmar nennt dafür folgende Gründe: „Meine Mutter war in diesen zwei Wochen in einem veränderten Umfeld. Sie lag dort viel im Bett. Ihr fehlten die gewohnten geistigen Impulse. Zudem wurden die Wassertabletten stark erhöht.“ Alles Faktoren, die den Verlauf der Demenz verstärkt hätten, so Veeser.

Lieselotte Veeser lebt in Hilzingen-Weiterdingen. Sie ist von einer Demenz betroffen und wird von ihrem Sohn betreut und gepflegt.
Lieselotte Veeser lebt in Hilzingen-Weiterdingen. Sie ist von einer Demenz betroffen und wird von ihrem Sohn betreut und gepflegt. | Bild: privat

Als pflegender Angehöriger werde man kritisch beäugt, nimmt Elmar Veeser wahr. „Ja, schaffst du das denn überhaupt?“ wird er manchmal gefragt. Mit zunehmender Demenz der Mutter in Verbindung mit ihrer starken körperlichen Gebrechlichkeit sei kein geregelter Tagesablauf mehr möglich. In den letzten Jahren war Elmar Veeser für den SÜDKURIER viel unterwegs. Veeser konnte abends Termine in Tengen, Hilzingen oder Singen wahrnehmen – und am nächsten Morgen die Geschichten für die Leser aufschreiben.

Statt Tengen, Hilzingen und Singen pendelt er derzeit für seine Mutter – sie hat inzwischen Pflegegrad 4 – zwischen Küche, Bad und Schlafzimmer. Die Sicherheitsvorkehrungen rund um Corona haben den Radius für die Veesers weiter verkleinert. Sohn Elmar erzählt: „Meine Mutter gehört zur Risikogruppe. Wenn ich das Virus einfange, ist sie tot. Ich vielleicht auch.“ Die Einkäufe erledigt er möglichst nur einmal pro Woche – und zwar alles auf einmal.

Je nach Tagesverfassung funktioniert das Gedächtnis

Die gelernte Industriekauffrau Lieselotte Veeser war erfolgreich im Beruf. Bei Alusingen habe sie im Lohnbüro gearbeitet. Als die Kinder größer gewesen seien, habe sie nochmal beruflich bei der Gebäudereinigungsfirma Zehnacker durchgestartet, wie ihr Sohn erzählt. Sie sei eine starke Frau gewesen und habe immer gewusst, sich im Leben durchzusetzen. Nun ist ihr Lebensradius stark eingeschränkt. Je nach Tagesverfassung funktioniert ihr Gedächtnis mal besser und mal schlechter. Manchmal fragt sie ihren Sohn unsicher: „Wie hat mein Mann nochmal geheißen?“ Oder: „Du bist doch der Elmar, oder?“ Das sind dann diese Momente, in denen der Sohn ihre Hand nimmt – und die Mutter weiß, dass sie sich in guter Obhut befindet. Da ist sich Elmar Veeser ganz sicher.

Empfehlungen zum Umgang mit unter Demenz leidenden Patienten

Ein Tipp, den pflegende Angehörige öfter hören: „Nehmen Sie Hilfe von außen in Anspruch.“ Aber, wie funktioniert das denn konkret?

  • Dies sagt der pflegende Sohn Elmar Veeser: „Ich wasche meine Mutter täglich, doch einmal in der Woche kommt die Sozialstation zur umfassenden Körperpflege und Kontrolle hinzu. Eine Fachkraft begutachtet meine Mutter – und gibt mir Tipps: Wie kann ich wunden Körperstellen bei ihr vorbeugen? Ist ihre Haut trocken – und wenn ja, welche Salbe soll ich verwenden? Oder: Wie haben sich die Beinödeme entwickelt? Hat sich das Wasser, das sich aufgrund des schwachen Herzens in ihren Beinen staut, vermehrt? Bereiten ihr die engen Stützstrümpfe Schmerzen? Brauchen wir eine andere Lösung?“
  • Bei medizinischen Fragen ist natürlich der Hausarzt erster Ansprechpartner, der sie regelmäßig zuhause untersucht und, falls notwendig, zeitnah vorbeischaut. Zudem besucht eine Betreuungskraft der Sozialstation jede Woche Lieselotte Veeser.
  • Sohn Elmar berichtet, wie die beiden die Zeit zusammen gestalten: „Gemeinsam reden, basteln und im Fotoalbum blättern. Oder auch manchmal nur aus dem Fenster schauen, um zu sehen, was die Katzen aus der Nachbarschaft gerade machen.“ Auch Besuche sind eine willkommene Abwechslung. Eine Freundin kommt regelmäßig bei der Mutter vorbei. „Die anderen Freundinnen liegen inzwischen fast alle auf dem Friedhof. Meine Mutter weiß, dass auch ihre Tage gezählt sind, doch trotz aller Beschwernisse im Alltag hat sie noch den Funken Lebenswille und auch -freude. Wir hangeln uns von Tag zu Tag“, erklärt Veeser.
  • Tipps vom Seniorenbüro: Menschen mit Demenz im häuslichen Umfeld sind von den Sicherheitsempfehlungen rund um das Coronavirus stark eingeschränkt. Zudem ist es schwierig, mit ihnen darüber zu reden, da sie das Thema Corona überfordern kann. Welche Empfehlungen gibt es zum Umgang mit Menschen mit Demenz für pflegende Angehörige in der Corona-Pandemiekrise?
  • Gabriele Glocker vom Seniorenbüro Singen gibt einige Tipps:

- Wirken Sie positiv auf den Betroffenen ein und schüren Sie keine Sorgen. Zeigen Sie als Angehöriger Ihre Sorgen und Ängste nicht offen. Dadurch können Sie vermeiden, dass sich die Unruhe auf Ihren dementen Angehörigen überträgt.

- Schaffen Sie eine klare Tagesstruktur: Feste Zeiten für Mahlzeiten, Ruhephasen und Beschäftigungszeiten helfen Menschen mit Demenz, sich zu orientieren.

- Beziehen Sie Ihren Angehörigen in die Hausarbeit ein. Welche Aufgaben machen ihnen Spaß? Was machen sie gerne? Loben und unterstützen Sie Ihre Angehörigen.

- Bauen Sie ein privates Netz an Unterstützern auf, die stundenweise Verantwortung übernehmen und mit dem Betroffenen Zeit gestalten.

- Machen Sie zumindest kleine Pausen, in denen Sie sich als pflegendem Angehörigen etwas Gutes tun. Lassen Sie sich von einem ambulanten Pflegedienst in dieser Zeit entlasten.

- Pflegen Sie als Angehöriger trotz aller Einschränkungen rund um Corona soziale Kontakte. Ein Telefonat oder eine ausführliche Mail kann Ihnen helfen, die eigenen Gedanken zu ordnen, Sorgen und Probleme zu benennen und Lösungen zu finden.