Der größte Unterschied zum motorisierten Fliegen liegt für Eberhard Oser in der Konzentration. „In einem Segelflugzeug muss ich alle fünf Sekunden eine Entscheidung treffen“, sagt der Mann aus Worblingen. Dabei reiche es nicht, sich auf die Anzeigen im Cockpit zu verlassen.

„Als Pilot muss ich neben dem Erdboden vor allem die Wolkenbildung im Auge behalten.“ Für das Aufspüren geeigneter Aufwinde lohne es sich sogar, das Flugverhalten von Greifvögeln und Störchen zu beobachten.

Eberhard Oser aus Worblingen war schon als Kind vom Fliegen fasziniert. Heute ist er Mitglied der Segelfliegergruppe Singen/Hilzingen und stolzer Shark-Besitzer.
Eberhard Oser aus Worblingen war schon als Kind vom Fliegen fasziniert. Heute ist er Mitglied der Segelfliegergruppe Singen/Hilzingen und stolzer Shark-Besitzer. | Bild: Tesche, Sabine

Volle Konzentration auch als Organisator

Dass er ein Multitasker ist, beweist der 55-Jährige auch am Boden. Auf der Wiese des Hilzinger Flugplatzes vergeht keine Viertelstunde, ohne dass sich die Teilnehmer des internationalen Shark-Treffens an den Organisator wenden. Wo ein Lotkölben aufzutreiben sei, will einer wissen. Ein anderer macht sich Sorgen um den zur Neige gehenden Inhalt des Treibstofftanks. Und dann gilt es noch zu entscheiden, mit welcher Art von Anzünder das Feuer für die abendliche Grillrunde entfacht werden soll.

Trotzdem nimmt sich Eberhard Oser gerne Zeit für den SÜDKURIER. Seine Sonnenbrille baumelt ihm lässig um den Hals, während er die Eigenheiten der elf Shark-Flugzeuge, die im Verlauf des einwöchigen Treffens vom Hegau aus abheben, erklärt.

Der Blick ins Cockpit.
Der Blick ins Cockpit. | Bild: Tesche, Sabine

Die Flosse am Ohr

„Ins Deutsche übersetzt, bedeutet Shark: Hai. Das bezieht sich auf diese haifischförmigen Ohren“, sagt er und deutet auf die Flügel-Enden seines schlanken Fliegers. Im Gegensatz zu klassischen Segelflugzeugen, die von einer Propellermaschine per Schleppseil nach oben befördert werden, sind Sharks Eigenstarter.

Mit ausgefahrenem Propeller rollt das Flugzeug über die Graspiste. In der Luft, kann ein Shark im schnellen Geradeausflug bis zu 260 Stundenkilometer erreichen.
Mit ausgefahrenem Propeller rollt das Flugzeug über die Graspiste. In der Luft, kann ein Shark im schnellen Geradeausflug bis zu 260 Stundenkilometer erreichen. | Bild: Tesche, Sabine

„Mein Flugzeug, ein 304S Shark, hat einen 52 PS starken Motor an Bord und kann deshalb mit eigener Kraft abheben“, erklärt Oser – er beeilt sich, zu ergänzen: „Sobald die Thermik stimmt, schalte ich den Motor natürlich ab.“

Video: Schottmüller, Daniel

Vor etwa einer Woche habe er seinen Zweitakter drei Minuten in Betrieb gehabt: „Anschließend konnte ich ohne Motoreinsatz quasi geräuschlos bis nach Sinsheim und zurück fliegen. Am Montag ging es sogar bis Regensburg und zurück“, berichtet er.

Nach Rimini und Korsika

Distanzflüge reizen den Worblinger. „Mit einem guten Freund bin ich auch schon in einem Motorsegler nach Rimini in Urlaub geflogen“, erzählt er. Da die beiden damals Höhen erreichten, in denen Airliner unterwegs sind, hätten sie über Funk Kontakt zu den Flughäfen in Zürich, Mailand und Padua gehalten.

Ein weiterer Höhepunkt seiner Fliegerkarriere: Als Oser zusammen mit seiner Freundin die Mittelmeer-Insel Korsika ansteuerte. „Ich hab‘ ihr noch gesagt: Für den Notfall orientieren wir uns besser anhand der Schiffe unter uns“, meint der Hegauer verschmitzt.

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Eine Wasserlandung wäre sicher nicht angenehm gewesen: „Im Gegensatz zu dem Airline-Piloten, der damals auf dem Hudson River in New York gelandet ist, kann ich nicht das Fahrwerk einziehen“, erklärt Oser. Wie lange sich ein mehrere 100 Kilo schwerer Motorsegler über Wasser halten könnte? „Das will ich gar nicht erst ausprobieren...“

Außenlandung, ja – Notlandung, nein!

Beim Segelfliegen spreche man übrigens nicht von Not-, sondern von Außenlandungen. „Wenn die Aufwinde nicht ausreichen, kann es vorkommen, dass man auf einem Feld oder Acker landet. Das ist nicht ungewöhnlich und wird in der Ausbildung trainiert.“

Ein Twin-Shark wiegt knapp 500 Kilogramm. Deshalb braucht es mehrere Personen, um das Segelflugzeug in Position zu bringen.
Ein Twin-Shark wiegt knapp 500 Kilogramm. Deshalb braucht es mehrere Personen, um das Segelflugzeug in Position zu bringen. | Bild: Tesche, Sabine

Ein weiteres Missverständnis, das Oser gerne ausräumen möchte: „Segelfliegen ist kein Reichen-Sport. Ich selbst fahre ein 15 Jahre altes Auto„, meint er und schmunzelt. Er und andere Mitglieder der Hilzinger Segelfliegergruppe hätten lange gespart, um sich ihre Flugzeuge leisten zu können.

Dass sich die Investition gelohnt hat, merkt man Eberhard Oser an – spätestens als das Interview beendet ist. Der 55-Jährige setzt seine Sonnenbrille auf und blickt lächelnd in Richtung seines Fliegers: „Dann mache ich mich jetzt mal startklar.“

Die wichtigsten Infos rund um das zweite internationale Shark-Treffen

  • Das Treffen: Zum zweiten Mal kommen Piloten aus Deutschland, der Schweiz und Österreich zum Shark-Treffen zusammen. Die erste Veranstaltung fand im vergangenen Jahr im kärntischen Friesach statt, nächstes Jahr geht es voraussichtlich nach Bayern. Sofern es die Verhältnisse zulassen, brechen die Teilnehmer eines Shark-Treffens eine Woche lang täglich zu Flügen auf. Vom Hegau aus haben die Piloten in den vergangenen Tagen zum Beispiel die Schwäbische Alb, den Schwarzwald, das Schweizer Jura, die Vogesen und die Alpen angesteuert.
  • Die Flugzeuge: Der Name Shark (von englisch: Hai) bezieht sich auf das nach oben abgeknickte Ende des Flügels, das bei der 304er-Baureihe des tschechischen Segelflugzeugherstellers HpH Sailplanes an eine Haifischflosse erinnert. In den meisten Fällen handelt es sich bei Sharks um Einsitzer mit einer Spannweite von 18 Metern, in einem Twin-Shark (Spannweite 20 Meter) haben zwei Personen Platz.
  • Der Verein: Der Ausrichter des diesjährigen Shark-Treffens, die Segelfliegergruppe Singen/Hilzingen, hat 68 Mitglieder, davon 14 Jugendliche. Der Verein bietet an, Anfänger bei ihrer Segelflugausbildung zu unterstützen. Überregional bekannt wurde er durch seine Großflugtage mit Auftritten der englischen Kunstflugstaffel The Red Arrows in den Achtzigern. Damals waren bis zu 25 000 Zuschauer vor Ort. Auf der 650 Meter langen Graspiste am Ortsausgang von Hilzingen sind auch schon große Flugzeuge wie die Transall und diverse Warbirds (Me109, Mustang, Spitfire und weitere) gelandet.