Erst setzt der Brandschock ein, es folgt eine tiefe Depression, die dann aber vorsichtiger Hoffnung weicht. Das Senioren-Ehepaar Gisela und Erhard Rigling versucht seit einigen Tagen wieder neuen Lebensmut zu fassen. Ein Feuer, das im Dachstuhl ihres Hilzinger Wohnhauses wütete, versetzte die Beiden in ein Tal der Tränen. Den Brand hatte laut Polizei ein elfjähriger Junge fahrlässig verursacht. Er entstand im Nachbarhaus, in dem die syrische Großfamilie wohnte. Das Feuer griff auf das Haus der Riglings über. Die Feuerwehr konnte den Brand mit 80 Einsatzkräften unter Schwerstarbeit löschen.

Auf der Rückseite des Hauses gab es einen erheblichen Schaden durch den Brand.
Auf der Rückseite des Hauses gab es einen erheblichen Schaden durch den Brand. | Bild: Bittlingmaier, Albert

„Von einem Moment zum anderen sahen meine Eltern alles, was ihnen etwas bedeutet hat, zerstört. Vor allem mein Vater bangte um die vielen Bilder, die er in mehreren Jahrzehnten gemalt hat, und auch um die vielen liebevoll restaurierten Möbel„, schildert Marion Rigling, eine von vier Töchtern der 78-jährigen Mutter und des Vaters (82). Das Haus in der Nähe des Hilzinger Ortskerns ist derzeit nicht bewohnbar. Das Ehepaar Rigling hat vorübergehend in einer Ferienwohnung einer Tochter Unterkunft gefunden.

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„Mein Vater war zwei Tage lang am Boden. Es war, als wenn ihm jemand den Stecker gezogen hätte. So habe ich ihn noch nie gesehen. Dabei strotzt er normalerweise auch im hohen Alter nur so von Energie“, betont Marion Rigling. „Am dritten Tag erkannten wir wieder Leben in den Augen unseres Vaters“, beschreibt die Tochter. Dass sich die stark angeschlagene Gemütslage wieder verbessert, liegt auch daran, dass der Einsatz der Feuerwehr das Atelier samt Ölgemälde und anderen detailverliebten Werken von Erhard Rigling retten konnten. „Das grenzt an ein Wunder. Rund um das Atelier war es am heißesten“, berichtet Rigling. Ein Sachverständiger müsse aber erst prüfen, ob die Werke des Vaters tatsächlich unbeschädigt seien, so Marion Rigling.

Ganze Familie hilft mit

„Die ganze Familie ist nach dem Brand stark gefordert. Das Netzwerk funktioniert. Wir vier Töchter sind derzeit fast pausenlos damit beschäftigt, unsere Eltern aufzufangen und organisatorisch die Folgen des Brands zu bewältigen. Es gibt unglaublich vieles zu klären, wie komplizierte Versicherungsfragen. Von der Gemeinde Hilzingen erfahren wir aber große Unterstützung“, betont Marion Rigling. Sie nennt namentlich Bürgermeister Holger Mayer und Hauptamtsleiter Markus Wannenmacher. „Sie setzen sich in Gesprächen mit uns persönlich stark dafür ein, dass unsere Eltern zumindest vorübergehend eine neue Wohnung bekommen. Und das hilft uns, denn das Wichtigste ist, dass sie wieder Zuversicht haben.“ Zumal der Vater durch eine Herzkrankheit belastet sei.

Der Feuerwehr gelang es dank eines Großeinsatzes beide Brände zu löschen.
Der Feuerwehr gelang es dank eines Großeinsatzes beide Brände zu löschen. | Bild: Bittlingmaier, Albert

„Sie wollen aber nicht jammern, sondern wie gewohnt kämpfen“, sagt Marion Rigling. Den Zustand ihrer Eltern bezeichnet sie eine knappe Woche nach dem Brand als Wechselbad der Gefühle. „Vor allem um unsere Mutter sind wir derzeit sehr besorgt. Sie verfällt immer wieder in ein Trauma. Um dieses zu behandeln, ziehen wir die Einweisung in eine Spezialklinik in Betracht“, so Marion Rigling.

Eines liegt den Brandopfern besonders am Herzen: Sie wollen den Menschen entgegenwirken, die über Internetportale negativ gegen die Flüchtlingsfamilie Stimmung machen. „Wir haben von Anfang die Willkommenskultur gelebt, als die syrische Familie unserer Nachbarn wurden und Hilfe in allen Lebenslagen angeboten und geleistet. Die zwei kleinen Töchter gehörten fast schon zur Familie. Sie haben uns Oma und Opa genannt“, berichtet Gisela Rigling.

Ehepaar besucht Flüchtlingsfamilie

„Die Kinder bedauern es sehr, dass wir uns nun weniger sehen, weil sie nach Binningen umgesiedelt sind. Wenigstens treffen wir uns ab und zu, wenn die Kinder in den nahegelegenen Kindergarten gehen“, sagt Gisela Rigling. Sie suchte zusammen mit ihrem Mann in den vergangenen Tagen die syrische Familie in der Übergangswohnungen in Binningen auf, nachdem sie sich vorher nach der Adresse durchgefragt hatten. „Die Freude bei der Familie war groß, vor allem bei den Kindern“, beschreiben die Riglings. „Wir möchten uns auch bei den Rettungskräften für ihren großen Einsatz und den beiden Notfall-Seelsorgern bedanken, die uns zur Seite gestanden sind und wirklich Großes geleistet haben“, erklärt Erhard Rigling. Der Dank gelte aber auch den vielen Menschen, teils unbekannte, die spontan Hilfe in den verschiedensten Formen angeboten haben. Das überwältigt uns“, sagt Erhard Rigling.

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Vor sieben Jahren ist das Ehepaar Rigling vom Engener Stadtteil Bittelbrunn nach Hilzingen umgezogen. „Wir hatten dort ein tolles Heim. Bittelbrunn ist aber sehr abgelegen. Es gibt dort auch keinen Einkaufsladen. Wir wollten daher altersbedingt zentraler wohnen und haben in der Nähe des Ortskerns von Hilzingen ein passendes Haus gefunden“, erzählt Gisela Rigling. „Wir haben uns von Anfang an sehr wohl gefühlt. Die Hilzinger sind sehr offene und herzliche Leute. Es gelang, schnell Kontakte mit Nachbarn zu knüpfen und mit Mitgliedern des Haus- und Grundstücksvereins, dem wir beigetreten sind“, sagt Erhard Rigling.

Gemeinde stellt Mietwohnung zur Verfügung

Er und seine Frau sind froh, dass ihnen die Gemeinde Hilzingen eine Miet-Wohnung in der Nähe des Ortskerns übergangsweise zur Verfügung stellt. „Es ist ein sehr schönes Haus. Wir sind dankbar und hoffen, dass unser eigenes Haus restauriert werden kann und wir dort später wieder einziehen können“, so Erhard Rigling. „Das wird noch ein harter und steiniger Weg, da der Sanierungsbedarf enorm ist und es noch unglaublich vieles zu klären gibt“, sagt Marion Rigling.

Kater kehrt nach Flucht zurück

Das Ehepaar wirkt dennoch etwas erleichtert. Kater Mäxle schnurrt in der Mitte auf dem Sofa sitzend. Nach dem Brand hatte er die Flucht ergriffen, was Gisela Rigling fast zur Verzweiflung brachte. Allzusehr hängt sie am sechsjährigen Kater. Eine Vertreterin des Tierrettung Baden hatte eine Lebend-Falle aufgestellt. „Dorthin verirrte sich aber nur ein verdutzter Igel“, schildert Gisela Rigling. Und ein kleines Lächeln huscht kurz über ihr Gesicht. „Ich war sehr erleichtert, als meine Nachbarin unseren Mäxle nach dem Brand brachte. Er hatte aus Angst bei ihr übernachtet“, so Gisela Rigling. „Wir wären weiterhin für Hilfe jeder Art dankbar, wie beispielsweise beim aufwendigen Ausräumen des Brandhauses“, so der Aufruf von Marion Rigling. Und sie bremst den abwinkenden, stillen Einwand der Eltern aus. Wohlwissend: Kämpfen geht gemeinsam noch besser.

Haftung von Kindern oder Eltern

  • Straf- und Zivilrecht: Was passiert wenn ein Kind, wie im Hilzinger Brandfall ein elfjähriger Junge, einen Schadensfall verursacht? Kinder sind erst ab dem 14. Jahr bedingt strafmündig. Anders wie im Strafrecht sieht es im Zivilrecht aus. Kinder unter sieben Jahren haften überhaupt nicht (§ 828 Abs. 1 BGB). Im Straßenverkehr gilt das sogar bis zum Alter von zehn Jahren (§ 828 Abs. 2 BGB). Ob ein minderjähriges Kind, das älter als sieben Jahre ist, für den verursachten Schaden haftet, richtet sich nach der Einsichtsfähigkeit des Kindes, wie der Singener Rechtsanwalt Michael Hanke auf SÜDKURIER-Nachfrage erklärt. Entscheidend sei die Frage: Konnte der Nachwuchs die Gefahr selbst erkennen oder war er sich bei seinem Handeln den Folgen bewusst?
  • Es geht auch um Begleitumstände: Früher habe rein das Alter eine Rolle gespielt, so der Rechtsanwalt. Heute werden viele Begleitumstände herangezogen. Jeder Einzelfall müsse individuell geprüft werden. Im Zweifelsfall sei auch zu klären, ob eine Aufsichtspflicht der Eltern vorliegt, wenn es beispielsweise schon weitere Vorfälle gab, in denen ein Kind fahrlässig Gefahren heraufbeschworen hat. Je älter ein Kind ist, muss es damit rechnen, dass es bei verursachten Schäden selbst haftet. Ohne Haftpflichtversicherung wird es schwierig, Schadensummen von einem Kind einzufordern, da es üblicherweise zahlungsunfähig ist.