Die Serie kleiner Erdbeben im Hegau hat sich seit Anfang der Woche wieder etwas beruhigt. Nach den letzten Erdstößen vom Montag, als es gleich mehrfach in rund fünf bis sechs Kilometern Tiefe mit Epizentrum bei Hilzingen rumorte, blieb es die Woche über weitgehend ruhig. Für die Seismologen des Landeserdbebendienstes in Freiburg ist das jedoch noch kein sicheres Zeichen dafür, dass die Serie schon wieder zu Ende sein könnte. „Aus solchen Pausen können wir nichts ableiten. Sie sind bei solchen Serien normal“, erklärt Erdbeben-Experte Wolfgang Brüstle vom Freiburger Regierungspräsidium. Die Kette von Erdstößen könne jederzeit wieder einsetzen und schwach wie bisher oder auch stärker den Boden beben lassen. Die Forscher haben in Hilzingen ein eigenes Messgerät, einen Seismografen, aufgestellt, um noch genauere Daten geliefert zu bekommen und um die Erdbewegungen besser verstehen zu können. Die letzten spürbaren Beben im Hegau liegen ziemlich genau zwei Jahrzehnte zurück. Am 28. Juni 1996 wurde das letzte stärkere Beben in der Hegau-Region aufgezeichnet. Es hatte die Stärke von 3,3 auf der Richterskala und war damit noch heftiger als alle bisherigen 60 Beben der aktuellen Serie von diesem Herbst. Da hatten die Messgeräte Stärken von 3,0 (3. November), 2,7 (19. November) und 2,6 (14. November) registriert. Dazwischen lagen Dutzend noch schwächere Beben und nach Einschätzung der Erdbeben-Fachleute noch viele weitere, ganz minimale Erdstöße, die von den Messstationen gar nicht aufgezeichnet wurden.

Beim letzten Erdbeben im Sommer 1996, als die Seismografen-Nadeln bis zur Stärke 3,3 ausschlugen, registrierten die Bürger im Hegau diese Erdbewegungen zwar auch, es gab aber weit weniger intensive Reaktionen als aktuell. Seinerzeit erschütterte das Beben die Region morgens um 5.43 Uhr. Es geschah in drei Kilometern Tiefe mit Epizentrum Gottmadingen. Im Umkreis von 20 Kilometern wurde dieser Erdstoß von Menschen wahrgenommen, berichtete der SÜDKURIER damals. Lediglich drei, vier Anfragen von besorgten Bürgern waren bei diesem Beben bei der Polizei in Singen eingegangen, hieß es vom damaligen Polizeichef Fritz Marxer. Von Schäden durch das Beben wurde seinerzeit nichts bekannt. Auch ein Jahr zuvor, am 24. März 1995, hatte es im Raum Singen ein spürbares Beben gegeben, mit gar Stärke 3,5 auf der Richterskala. Doch seinerzeit hatte dies kaum jemanden beunruhigt, offizielle Meldungen sucht man im Zeitungsarchiv vergebens.

Gut möglich, dass der Erdbebenherd der gleiche war wie bei der aktuellen Bebenserie, heißt es dazu aus dem Landeserdbebendienst. Vor 20 Jahren waren die Messmöglichkeiten noch nicht so fein wie heute. Es sei nicht ausgeschlossen, dass es damals schon mehrere leichte Beben gegeben hatte, die aber nie bekannt wurden. Erdstöße von deutlich unter 2,0, wie sie derzeit reihenweise festgestellt werden, seinen seinerzeit noch nicht registrierbar gewesen, weiß Fachmann Wolfgang Brüstle. Als mögliche Ursache für die aktuelle Bebenreihe können die Geologen und Seismologen des Regierungspräsidiums zumindest Geothermie-Bohrungen ziemlich sicher ausschließen. Solche Bohrungen, mit denen Erdwärme gewonnen werden soll, lösten andernorts teils schlimme Schäden durch Erdbewegungen aus.

Die Bohrungen reichten aber jeweils nur wenige hundert Meter in den Boden. Als Auslöser für die aktuellen Hegau-Beben müsste es aber eine Bohrung in vier, fünf, sechs Kilometern Tiefe gegeben haben. Und davon ist im Freiburger Regierungspräsidium nichts bekannt. Solche extremen Bohrungen müssten behördlich genehmigt werden. Und ein Grund für derlei kostspielige Löcher in der Tiefe ist auch nicht zu erkennen.

Die Geologen des Regierungspräsidiums halten die Vulkane im Hegau seit sechs Millionen Jahren für erloschen. Dort gebe es auch keine sogenannte Magmenschicht, also eine Ebene mit flüssiger Magma, wie sie tief im Erdinnern vorkommt, erklärt Professor Jörg-Detlef Eckhardt, der Abteilungsleiter des Landesamtes für Geologie, Rohstoffe und Bergbau im Regierungspräsidium auf Nachfrage unserer Redaktion.

Dass die Hegau-Berge mit ihrem vulkanischen Ursprung so markant aus der Landschaft ragen, lässt viele Bürger an klassische Vulkane denken, wie man sie von anderen Teilen der Erde kennt: Ein steiler Berg ragt aus dem Boden und oben spuckt Lava aus dem Erdinneren heraus. Doch die Hegau-Kegel spuckten tatsächlich nie in dieser Form. Sie entstanden komplett unterirdisch und waren zunächst gar nicht zu sehen. In der Mitte des Erdzeitalters Miozän, vor rund 14 Millionen Jahren, rumpelte es im heutigen Hegaugebiet ganz gewaltig. Auslöser soll Geologen zufolge eine Absenkung des Rheingrabens gewesen sein. Der Hegau lag damals an der Nahtstelle zweier sogenannter Störungssysteme. Unterirdisch setzte in der Erdkruste starker Vulkanismus ein. Riesige Mengen Magma, wie Lava genannt wird, bevor sie an die Erdoberfläche kommt, wurden nach oben gedrückt.

Rund ein Dutzend Vulkane entstanden so, blieben aber unter der Erdoberfläche verborgen. Verschiedene Gesteinsschichten und -sorten entstanden. Unter anderem der Hegauer Basalt, der in früheren Jahrzehnten unserer heutigen Zeit dann abgebaut wurde, etwa am am Hohenstoffeln.

Über Jahrmillionen blieben diese Hegau-Vulkane unter dem Erdboden. Vor gut 150 000 Jahren bedeckte dann eine mächtige Eisschicht den Hegau. Dieser Gletscher bewegte sich und schliff aus dem Boden weichere Gesteinsarten ab. Übrig blieben die harten Kerne der erloschenen Vulkane, die so heute noch aus dem Boden ragen und die hügelige Hegau-Landschaft prägen, „Herrgotts Kegelspiel“, wie Heimatdichter Ludwig Finckh dies nannte.

 

Keine Lava in Sicht

Kann der Hohentwiel plötzlich wieder ausbrechen und Lava spucken? Das fragen sich derzeit viele Hegauer. Doch die Geologen geben Entwarnung. Einen Zusammenhang der aktuellen Beben-Serie mit Vulkanismus halten sie für unwahrscheinlich. Unter dem Hohentwiel schlummere keine Schicht mit Magma. Die feste Erdkruste ist je nach Ort und geologischer Formation mehrere Dutzend Kilometer dick und besteht aus festem, spröden Gestein. Erst danach beginnt langsam ein fließender Übergang ins flüssige Erdinnere. (jöb)