Es begann mit einer festlich geschmückten Dampflok und es endete mit einem mit Trauerflor bekränzten Triebwagen: Am 21. November 1913 wurde die Randenbahnlinie von Singen nach Beuren am Ried eröffnet. 53 Jahre lang band der von der Bevölkerung liebevoll Randenbähnle genannte Lokalzug die Weiler und Dörfer Twielfeld, Hilzingen, Riedheim, Storzeln, Binningen, Beuren und Büßlingen zeitgemäß an den Verkehrsknoten Singen an. Am 24. September 1966 wurde die Bahnlinie offiziell stillgelegt. Die Randenbahn war schon längst unrentabel.

Einige Bahnhofsgebäude stehen noch

Im Juli und August 1967 wurden die Gleise abgebaut, 1970 die Straßenüberführungen gesprengt, um einen weiteren Ausbau der Bundesstraße B 314 unter Umgehung von Hilzingen und Riedheim für den die Schweiz umfahrenden Automobil- und Schwerlastverkehr möglich zu machen. Erhalten geblieben sind einige Bahnhofsgebäude, Dämme und Brücken.

Das Bähnle brachte Arbeiter in die Betriebe

Jahrzehnte hatte die Region vom Randenbähnle profitiert. Die Arbeiter aus dem westlichen Hegau und vom Randen fuhren damit in die Singener Industriebetriebe. Auch nach Gottmadingen zur Firma Fahr zu kommen, war mit Umsteigen in Singen nun mit einem im Vergleich zu vorher akzeptablen Zeitaufwand möglich. Der Besuch weiterführender Schulen scheiterte für die Dorfkinder nun nicht mehr an der Erreichbarkeit der Bildungseinrichtungen in Singen oder Konstanz.

Kaum verändert wirkt die alte Bahnstation von Beuren/Büßlingen. Nur die Gleise fehlen. Sie wurden durch eine Asphaltdecke ersetzt. Ein Zeichen dafür, dass sich der Verkehr mit dem Wirtschaftswunder zunehmend von der Schiene auf die Straße verlagerte. <em>Bild: Ingeborg Meier </em>
Kaum verändert wirkt die alte Bahnstation von Beuren/Büßlingen. Nur die Gleise fehlen. Sie wurden durch eine Asphaltdecke ersetzt. Ein Zeichen dafür, dass sich der Verkehr mit dem Wirtschaftswunder zunehmend von der Schiene auf die Straße verlagerte. | Bild: Ingeborg Meier

Das Lagerhaus der Badischen Landwirtschaftlichen Genossenschaft in Hilzingen und das Hartsteinwerk in Twielfeld erhielten Gleisanschlüsse. Die Randenbahn transportierte die Milch, die das Hofgut Storzeln für Stuttgart erzeugte. Tengen hatte sich schon seit nahezu fünfzig Jahren um Anschluss an das Eisenbahnnetz bemüht.

Für seine Bürger und die von Blumenfeld blieb der Endbahnhof Beuren-Büßlingen jedoch der nächstgelegene. Pläne, die Trasse bis Tengen weiterzuführen, wurden nicht realisiert. Der hohe Bau- und Betriebsaufwand rechtfertigte letztlich keine Verlängerung der Linie.

Werner Wocher ist der wohl beste Kenner der Randenbahn-Geschichte. Er war zehn Jahre auf Spurensuche, die Ergebnisse füllen zwei Bücher. Bild: Ingeborg Meier
Werner Wocher ist der wohl beste Kenner der Randenbahn-Geschichte. Er war zehn Jahre auf Spurensuche, die Ergebnisse füllen zwei Bücher. | Bild: Ingeborg Meier

Das Wirtschaftswunder und seine Autos

Fünf Jahrzehnte später hatte das Wirtschaftswunder auch im Hegau dafür gesorgt, dass sich die Arbeiterschaft eigene Autos leisten konnte. Der Gütertransport verlagerte sich mehr und mehr auf die Straße. Die Auslastung der Lokalbahn ließ nach.

Waren Anfang der 1950er Jahre die Züge teilweise überbesetzt, hatte sich die Zahl der verkauften Fahrkarten zehn Jahre später auf rund 10 000 im Jahr gedrittelt. Ähnlich sah es im Güterverkehr und bei den Expressgutsendungen aus. Um 1960 wurden die mit Dampfloks bespannten Personenzüge durch wirtschaftlichere Schienenbusse ersetzt. Nach der Stillegung der Linie übernahmen Busse den Personentransport.

Radler lieferten sich sportliche Wettrennen mit der Bahn

  • Anekdoten vom Randenbähnle: Werner Wochers erste Fahrt mit der Randenbahn war in der Nachkriegszeit. Der Singener Bub fuhr mit der Oma zum Hamstern aufs Land. Die Fahrt war für den Eisenbahn-Enthusiasten ein so unvergessliches Erlebnis, dass sich der Architekt und ehemalige Kantonsbaumeister-Stellvertreter von Schaffhausen nach seiner Pensionierung zehn Jahre lang auf Spurensuche entlang der früheren Bahntrasse und in Archiven gemacht hat. Was er dabei – auch in Gesprächen mit Zeitzeugen – an Fakten und Anekdoten zutage förderte, füllt heute zwei reich illustrierte, detailreiche Bücher. Und deren Lektüre ist nicht nur interessant, sondern auch oft sehr amüsant.
  • Ehrgeizige Radfahrer: So wollten sportlich ambitionierte Mitarbeiter von Maggi und Georg Fischer immer wieder wissen, wer schneller ist: Sie auf dem Rad oder die Randenbahn. Das Wettrennen wurde von den im Zug mitfahrenden Kollegen stets mit Begeisterung verfolgt, wie Wocher erzählt. „Das war ein Riesenspaß für alle. Gewonnen haben meist die Radfahrer. Und der Sieg wurde dann am Abend im Biergarten der Bahnhofswirtschaft mit einer Halben gebührend gefeiert“, erzählt Wocher.
  • Extra-Service für den Dorfladen: Die Ware des Dorfladens in Schlatt am Randen wurde mit der Randenbahn am Bahnhof Storzeln angeliefert, der von Schlatt aus gut zu sehen war. Der Bahnhofsvorstand hisste dann ein Tuch am Gebäude: das Zeichen für den Ladeninhaber, dass seine Bestellung da war.
  • An der Steigung aufspringen: Am Lohrenwald zwischen Binningen und Storzeln musste die Randenbahn eine Steigung bewältigen und wurde langsamer. Passagiere, denen der Zug in Binningen knapp davon gefahren war, nahmen eine Abkürzung und sprangen an der Steigung auf. So mancher Zugführer hielt auch an den Bahnhöfen die Lok wieder an, wenn das Bähnle noch nicht allzu viel Fahrt aufgenommen hatte, und wartete auf die hinterher rennenden Passagiere. Und wenn es wirklich dringlich war, fuhr der Lokführer auch mal eine Sonderfahrt. Zum Beispiel um eine Lehrerin, die andernfalls den pünktlichen Unterrichtsbeginn versäumt hätte, von Singen kommend nach Binningen zu fahren, obwohl der Zug nur bis Riedheim eingesetzt war.
  • Das Buch: Werner Wochers hat noch einige Exemplare seines Büchleins „Das war 53 Jahre lang unser Randenbähnle“. E-Mail: wernerwocher@shinternet.ch