Die Revolution ist voll im Gang, aber das schert die Kitty nicht. Gemächlich trottet die Katze über den Hofplatz des Weinguts Vollmayer und einmal sogar nimmt sie auf dem einzigen nicht besetzten Stuhl in der ersten Reihe in direkter Nachbarschaft zu Claudius Marx Platz. Neben dem Hauptgeschäftsführer der IHK Bodensee-Hochrhein sind etliche Vertreter aus Politik und Gesellschaft am Donnerstagabend nach Hilzingen gekommen, aber auch interessierte Bürger und auffällig viele junge Menschen. Man will wissen, was die Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut, die gleichzeitig für die Bereiche Arbeit und Wohnungsbau zuständig ist, zu sagen hat.

Das Thema hat es in sich – und das im Sinne des Wortes. Die Digitalisierung erobert einen Lebensbereich nach dem anderen, dennoch gleicht sie einer Black-Box. Die Ministerin ist diesbezüglich nicht schlauer als ihre Zuhörer, in einem Punkt aber wähnt sie sich sicher. Bei der Digitalisierung bleibt in der Gesellschaft und zumal im Arbeitsleben kein Stein auf dem anderen. "Zwei Drittel der heutigen Schulkinder werden später Arbeitsplätze haben, die es heute noch gar nicht gibt", prophezeit sie. Dass das so kommt, hängt nach ihrer Auffassung aber entscheidend von der Veränderungsbereitschaft ab. Ist sie nicht vorhanden, könnte Deutschland abgehängt werden – und dann gäbe es hierzulande nur noch wenig zu tun.

Die Zukunft ist bereits da

Ein Schreckgespenst? Nicole Hoffmeister-Kraut beschreibt am Beispiel des US-Giganten Amazon, dass die Zukunft längst begonnen hat. Der Konzern bekomme jetzt Konkurrenz aus China, während Europa im globalen Spiel der neuen Vertriebs- und Handelsstrukturen in der Zuschauerrolle bleibt. Just in diesem Moment fährt ein Lufthauch über den Hof und bringt das Werbe-Banner der Jungen Union zu Fall, die die Veranstaltung zusammen mit der Mittelstandsvereinigung in die Wege geleitet hat. Der Sturz des Banners wirkt wie ein Menetekel für das, was mit dem politischen System samt der gesellschaftliche Einrichtungen geschehen könnte, wenn man hierzulande den Anschluss an die weltweiten Entwicklungen in der Wirtschaft verpasst.

Doch das Fähnlein der Jungen Union bleibt nicht lange liegen. Noch mehrmals im Laufe des Abends wird es schwer schwanken und einmal noch kippen, doch die Mitglieder der CDU-Nachwuchsorganisation sind zur Stelle und richten es wieder auf. Immerhin, die Blicke der Besucher werden von dem Windspiel zum Banner gelenkt und selbst Kittys Interesse ist geweckt. Gelassen schreitet sie zum Ständer, nimmt das Konstrukt flehmend mit den Sinnen auf und dreht dann mit katzenhafter Eleganz weiter ihre Runde.

Recht hat sie. Denn so schlimm, dass hierzulande im Zuge der Digitalisierung alles zusammen bricht, wird es nicht kommen. Nicole Hoffmeister-Kraut liefert Beispiele, dass man zumal in Baden-Württemberg gut Schritt hält bei der Digitalisierung – etwa in der Automobilindustrie. Und sie versucht sich in Ermutigung: Was etwa sollte schlecht sein an einer datengesteuerten Ausrichtung des Handwerks, bei der der Computer den Schaden anzeigt und der Handwerker gleich mit dem Ersatzteil zwecks Reparatur anfährt. "Das spart Geld und Zeit", sagt die Ministerin.

Auch die Gesundheitsbranche sieht sie vor einem fundamentalen Wandel, zum Beispiel durch die Möglichkeiten der individuell gesteuerten Medikation. Und wenn's nach Nicole Hoffmeister-Kraut geht, darf man sich auch gerne bei anderen Länder schlau machen. Sie schwärmt mehrfach von Estland, wo man anschaulich studieren könne, wie Verwaltung in Zeiten der Digitalisierung funktioniert.

Sämtliche Beispiele münden in einer zentralen Botschaft: Der technologische Fortschritt passiert – ob mit oder ohne Widerstand. Und weil das so ist, empfiehlt die Politikerin die aktive Mitgestaltung. "Wir schaffen das", könnte Nicole Hoffmeister-Kraut sagen, wäre denn diese Aussage nicht schon verbraucht. Wie gerufen kommt ihr dabei der Einwurf eines Besuchers, dass die Politik dafür Sorge zu tragen habe, die Ängste der Menschen angesichts der Veränderungen ernst zu nehmen und sie auf dem Weg ins digitale Zeitalter an die Hand zu nehmen.

Laut Nicole Hoffmeister-Kraut ist genau das der Plan. Man müsse den Prozess flankieren – in der Politik zum Beispiel durch infrastrukturelle Investitionen und Ermutigung, in den Betrieben durch Fortbildungen für die Mitarbeiter anstelle einer Personalpolitik nach dem Gusto des Hire-and-Fire. Den Dank dafür erntet sie in Form des Schlussworts von Markus Marschall, für den sich die nüchternen und vernünftigen Aussagen wohltuend zu gegenwärtig hoch im Kurs stehenden populistischen Heilsversprechen unterscheiden. Dann gibt es viel Applaus für die Ministerin – und Claudius Marx bemerkt, dass das Kitty nicht gefällt. Katzen lieben die Ruhe und eine Revolution ist für sie kein Grund den Kopf zu verlieren.