Der kleine Zeiger der Küchenuhr steht auf 10, der große springt auf 12. „Eine Sekunde“, ruft Doris Buhl. Bevor das Interview starten kann, muss die Frau mit dem Kurzhaarschnitt schnell noch die große Schale Kartoffelgratin in den Backofen schieben. „Die Männer sind gerade mit der Kürbisernte beschäftigt“, erklärt die Bäuerin, während sie die Zeitschaltuhr des Ofens aktiviert. "Um Punkt 12 Uhr muss das Essen auf dem Tisch stehen", sagt sie und nimmt an dem massiven Holztisch Platz. Nach dem Mittagessen gehe es für Doris Buhl, ihren Ehemann, ihren Sohn und den rumänischen Erntehelfer direkt wieder aufs Feld. „Anschließend werden im Stall die Kühe gemolken“, rattert sie die gedankliche To-Do-Liste ab. "Für uns beginnt gerade die anstrengendste Jahreszeit."

Die nächsten zwei Monate starten auf dem Hofgut Homboll um 6.30 Uhr mit dem Melken der 50 Milchkühe und enden erst um 22.30 Uhr, wenn die letzten Kunden des Besenstüble ihre Rationen Bauernvesper und Most bezahlt haben. Dass ausgerechnet in jener Zeit, in der die Apfel- und Zwetschgenbäume vollhängen, zusätzlich zu Feldarbeit und Viehhaltung, die Besucher der Besenwirtschaft auf dem Bauernhof aufschlagen, ist Doris Buhl gewohnt. Trotz ihres gewaltigen Arbeitspensums – die Bäuerin geht davon aus, dass es im ganzen Jahr nur zehn Tage gibt, an denen sie ausschlafen kann – ist der anstrengende Herbst für sie mehr als verkraftbar. Viel schlimmer sind die Folgen des Sommers, mit denen die Familie Buhl und viele andere Landwirte derzeit zu kämpfen haben.

Müssen die Tiere zum Schlachter?

"Hitze hatten wir ja schon in den Jahren davor", sagt Doris Buhl. "Aber nicht diese Trockenheit." Auf den ausgedörrten Weiden fänden die Rinder und Kühe seit Monaten nicht mehr ausreichend Nahrung. "Deshalb verfüttern wir jetzt schon Futter, das eigentlich für den Winter eingelagert war." Die Ungewissheit, ob die kommenden Wochen noch genügend Regen und in der Folge frisches Gras für einen letzten Schnitt mit sich bringen, liegt im Moment wie ein Schatten über dem Hofgut und seinen Bewohnern. "Im schlimmsten Fall, müssen wir zehn Tiere schlachten", fasst Doris Buhl die aktuellen Kalkulationen zusammen.

Falls es – was die Bäuerin nicht hofft – wirklich dazu kommen sollte, ist noch nicht einmal gesagt, dass die Buhls vom Schlachter ausreichend entlohnt werden. Erst vor kurzem hat der Bundesverband deutscher Milchviehhalter eine Pressemitteilung herausgegeben, in der genau auf diese Gefahr hingewiesen wird. Es sei ein Unding, dass Schlachtkonzerne die Notsituation der tierhaltenden Betriebe regelrecht ausnutzen würden, indem sie die Schlachtviehpreise sehr stark senken, schrieb der Bundesvorsitzende Stefan Mann. "Steigende Mengen führen zu sinkenden Preisen – aber müssen in einer derartigen Extremsituation Lieferanten wirklich bis auf den letzten Cent gedrückt werden?“

Doris Buhl hat die Hoffnung, dass es nicht so weit kommen wird. Sie und ihr Mann hängen an den Tieren: "Weil ich die Kühe zweimal am Tag melke, erkenne ich jede einzelne an ihrem Euter", meint sie und schmunzelt. "Mein Mann ist für das Füttern zuständig – er erkennt sie eher am Gesicht."

Ungewisse Zukunft: Wenn das Ehepaar Buhl in Rente geht, wird es am Hofgut wohl keine Milchviehhaltung mehr geben.
Ungewisse Zukunft: Wenn das Ehepaar Buhl in Rente geht, wird es am Hofgut wohl keine Milchviehhaltung mehr geben. | Bild: Tesche, Sabine

Die Fürsorge für das eigene Vieh wurde am Hofgut Homboll von einer Generation Landwirte an die nächste vererbt. Seit 1912 werden hier, zwei Kilometer von Weiterdingen entfernt, Milchkühe gehalten. Damit könnte es allerdings bald vorbei sein.

Der Grund: Die Milchpreise sind so schwankend, dass ein vergleichsweiser kleiner Milchviehbetrieb mit nur 50 Kühen nicht konkurrenzfähig ist. Die Familie sei auf ihr Besenstüble und die hofeigene Biogasanlage angewiesen, um überhaupt Profit zu machen, erklärt Doris Buhl. Alleine von seinen Kühen könne der Familienbetrieb nicht leben. Im Gegenteil: "Im Moment bekommen wir für einen Liter Milch 34 Cent – wir bräuchten aber mindestens 40 Cent für die reine Kostendeckung", erklärt sie. Da am Hofgut im Schnitt täglich 1000 Liter Milch produziert werden, müsse die Familie im Moment 60 Euro am Tag zahlen "damit wir überhaupt arbeiten dürfen", wie Doris Buhl es sarkastisch ausdrückt. Sie könne es ihrem 27 Jahre alten Sohn nicht guten Gewissens empfehlen, weiter Milchvieh zu halten, wenn sie und ihr Mann den Hof eines Tages an ihn abgeben werden.

Ganz hoffnungslos ist die Situation für die Buhls aber noch nicht. Denn auch, wenn sie unter der Trockenheit leiden, haben sie bereits ein Stück weit gelernt, die Folgen des Klimawandels positiv zu nutzen. "In diesem Jahr haben wir zum ersten Mal Melonen angepflanzt", verrät Doris Buhl. Drei Tonnen habe man im ersten Sommer ernten können. "10,2 Kilo schwer war die größte", berichtet die Bäuerin stolz. Immerhin eine Folge des heißen Sommers, die ihr ein Lächeln aufs Gesicht zaubert.

Immerhin eine positive Folge des heißen Sommers: Doris Buhl kann dieses Jahr zum ersten Mal Melonen ernten.
Immerhin eine positive Folge des heißen Sommers: Doris Buhl kann dieses Jahr zum ersten Mal Melonen ernten. | Bild: Tesche, Sabine

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