Steter Tropfen höhlt den Stein. Nach diesem Leitsatz bearbeitet Gottmadingens Bürgermeister nicht nur die Deutschen Bahn AG, Abteilung Regionalverkehr in Baden-Württemberg, sondern auch das Landesverkehrsministerium. Zumindest dort hat der Rückhalt gegenüber der DB als Vertragspartner zu bröckeln begonnen. Bereits im Dezember hatte der zuständige Ministerialdirigent Uwe Lahl seine Unzufriedenheit mit den Leistungen der DB Regio auf der Strecke Singen-Schaffhausen öffentlich eingeräumt und den Versuch eines vorzeitigen Vertragsausstiegs angedeutet.

Das Problem zieht sich nun schon eineinhalb Jahre hin

Seit September 2019 kommt es besonders im morgendlichen Schülerverkehr immer wieder zu eklatanten Zugausfällen. Aus anfänglichem Verständnis ist in Gottmadingen mittlerweile Wut geworden, weil es der Bahn trotz vielfältiger Beteuerungen immer noch nicht gelungen ist, Zugausfälle zu verhindern. Sehr belastend war die Situation in völlig überfüllten Zügen in der Corona-Pandemie im Sommer 2020. Schüler aus Gottmadingen und Gailingen, die zum Präsenzunterricht in die weiterführenden Schulen nach Singen fahren mussten, konnten im Gedrängel in den zu kurzen Zügen die vorgeschriebenen Abstände nicht einhalten oder wurden überhaupt nicht transportiert. Zumindest diese Lage hat sich entspannt, weil zur Zeit wegen der Pandemie mit wenigen Ausnahmen kein Präsenzunterricht stattfindet.

Bilder aus den Chaostagen im Herbst 2020. Schüler und Berufspendler quetschen sich in Gottmadingen in den 7.20 Uhr-Zug, obwohl längst die Corona-Abstandsregeln gelten. Auch nach den Versprechungen der Bahn, mehr Wagenmaterial einzusetzen kam es immer wieder zu Zugausfällen.
Bilder aus den Chaostagen im Herbst 2020. Schüler und Berufspendler quetschen sich in Gottmadingen in den 7.20 Uhr-Zug, obwohl längst die Corona-Abstandsregeln gelten. Auch nach den Versprechungen der Bahn, mehr Wagenmaterial einzusetzen kam es immer wieder zu Zugausfällen. | Bild: Tesche, Sabine

Trotz Nachbesserung läuft der Betrieb auf der Strecke noch nicht zuverlässig

Die Bahn besserte nach und setzte Busse ein, die die Schüler sogar direkt zu den Schulen fuhren. Die dauerhafte Beendigung dieses Zustandes sollte eine fünfte Wagengarnitur bringen, die die Bahn ausschließlich für die Strecke Singen-Schaffhausen einsetzen wollte. Die Ankündigung las sich wie ein Weihnachtsgeschenk, dabei sollte mit diesem zusätzlichen Wagen nur die Pflichtaufgabe erfüllt werden. Doch selbst mit dieser Ausstattung funktioniert das immer noch nicht ohne Ausfälle.

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Neue Beschwerden von Pendlern im Januar

Erst vor wenigen Tagen sah sich Michael Klinger wieder mit Beschwerden von Pendlern konfrontiert, weil im Januar jeder zweite Regionalzug auf der Strecke ausfiel. Das sei offensichtlich nicht nur dem unerwartet heftigen Wintereinbruch geschuldet, sondern auch dem defekten Wagenmaterial, wie Klinger aus einer Beschwerde von Pendlern zitiert. Der Gottmadinger Bürgermeister wird nicht müde, die Bahn als Dienstleister auf dieser Strecke auf die Mängel hinzuweisen und an ihre Verpflichtungen zu erinnern. Dabei bezieht er jeweils das Verkehrsministerium und die Landtagsabgeordneten des Wahlkreises Dorothea Wehinger (Grüne) und Jürgen Keck (FDP) in seine Schreiben mit ein. Von den gewählten Vertretern aus der Region erwartet er Unterstützung für sein Anliegen durch die Landesregierung als Vertragspartner der DB Regio. Zusammen mit Keck, der auch Mitglied im Verkehrsausschuss in Stuttgart ist, hat Klinger eine Kleine Anfrage an den Ausschuss formuliert, die beide am Montag, 1. Februar um 13 Uhr bei einem Vor-Ort-Termin auf dem Bahnsteig genauer erläutern wollen.

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Auch das Verkehrsministerium verliert langsam die Geduld

Klingers Ziel ist ein vorzeitiger Ausstieg aus dem Vertrag und die schnelle Suche nach einem zuverlässigeren Dienstleister auf der Strecke. Zumindest hier kommt Bewegung in die Sache, wenn auch nur sehr schleppend. „Das Verkehrsministerium und die DB Regio AG suchen nach Wegen für eine alternative Erbringung von Verkehrsleistungen durch ein anderes Eisenbahnverkehrsunternehmen und gegebenenfalls Neuausschreibung des Netzes“, teilt eine Sprecherin des Ministeriums mit. „Auch eine Reduktion der Vertragslaufzeit steht hier zur Diskussion.“ Fahrzeugbedingte Ausfälle hätten durch den Einsatz eines zusätzlichen Fahrzeugs seit November gesenkt werden können. Der ergänzende Busverkehr habe ebenfalls zur Entlastung des Schülerverkehrs beigetragen, konstatiert die Sprecherin. Sie erwähnt allerdings nicht, dass der Schülerverkehr corona-bedingt im zweiten Lockdown kaum noch stattfindet.

Zwischenzeitlich hat die Bahn auch Busse eingesetzt, um die Schüler von Gottmadingen direkt zu den Singener Schulen zu bringen. Zur Zeit ist das nicht nötig, weil für die meisten Schüler wegen der Corona-Pandemie kein Präsenzunterricht stattfindet.
Zwischenzeitlich hat die Bahn auch Busse eingesetzt, um die Schüler von Gottmadingen direkt zu den Singener Schulen zu bringen. Zur Zeit ist das nicht nötig, weil für die meisten Schüler wegen der Corona-Pandemie kein Präsenzunterricht stattfindet. | Bild: Tesche, Sabine

Mit einem Doppelstockwagen will‘s die Bahn ab 2022 richten

Für das Jahr 2022 werde derzeit geprüft, ob ein zusätzlicher Zug mit Doppelstockwagen als Entlastungszug für den stark nachgefragten Schülerzug um 7.20 Uhr eingerichtet werden kann, heißt es weiter aus dem Ministerium. Auf SÜDKURIER-Nachfrage, warum das erst für 2022 angedacht ist, gibt es folgende Antwort: „Es geht um einen zuverlässigen Betrieb, für den eine entsprechende Ausschreibung durchgeführt werden muss. Und das geht nicht von heute auf morgen. Die Fahrzeugfrage wird im Ausschreibungsverfahren geklärt werden.“ Wie das Ausstiegsszenario aus dem bestehenden Vertrag aussehen könnte, bleibt auch eher vage: „Gemeinsam mit dem derzeitigen Betreiber könnte ein vorzeitiges Ende des Verkehrsvertrags vereinbart werden und parallel eine Neuausschreibung stattfinden.“

Dorothea Wehinger hakt im Ministerium nach

Diese Antworten dürfte die Pendler in Gottmadingen bei erneuten Zugausfällen in der Akutsituation kaum befriedigen. Aber mehr kann Dorothea Wehinger, Parteigenossin des Grünen Verkehrsministers Winfried Hermann, trotz beharrlichen Nachhakens beim Minister und Uwe Lahl nicht sagen. „Die Verhandlungen mit der DB sind schwierig, die Prozesse schwerfällig“, sagt sie. „Ein schneller Vertragsausstieg, wie ihn sich Michael Klinger vorstellt, ist nicht möglich. Und der Wunschpartner SBB ist unverhältnismäßig viel teurer.“ Gewundert hat sich die Abgeordnete, dass in ihrer digitalen Wahlkampfveranstaltung mit Verkehrsminister Hermann keine Anfragen aus der Region zum Thema kamen.

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Die Mobilitätswende kann nur mit zuverlässigen Zügen gelingen

Der Brief, den Michael Klinger an das Verkehrsministerium geschrieben hat, spricht eine deutliche Sprache: „Ich fordere die Landesregierung erneut auf, endlich den Druck auf die Deutsche Bundesbahn zu erhöhen.“ Bei einer Neuausschreibung dürfe nicht der Preis im Vordergrund stehen, sondern die Qualität und die Betriebssicherheit. Gottmadingen arbeitet an der Mobilitätwende und will den Umstieg auf den öffentlichen Verkehr forcieren. Das kann jedoch nicht gelingen, wenn die Transportmittel nicht zuverlässig funktionieren.