Als Kolumnistin habe ich ziemliche Narrenfreiheit und spitze im Meinungsbeitrag meine Standpunkte auch durchaus mal zu. Dabei ändere ich meine Meinung zwischendurch auch schon einmal – oder auch zweimal. Bin ich eine hemmungslose Opportunistin? Nein, es ist eher so, dass ich mich überzeugen lasse. Öfters widerwillig. Aber, tja, äh, bei genauer Betrachtung und wenn ich es mir recht überlege: So ging es mir zum Beispiel mit der Maskenpflicht. Als Studentin erhielt ich vor meinem ersten OP-Einsatz eine detaillierte Einweisung. In der Corona-Pandemie konnte ich mir nicht vorstellen, dass Masken vor irgendetwas schützen, wenn sie mehrfach verwendet ihr Dasein in Hosentaschen fristen, womöglich noch neben durchgerotzten Taschentüchern. Ich habe mich eines Besseren belehren lassen.

OP-Masken sollen in der Corona-Pandemie etwas bringen? Unsere Autorin hat sich davon überzeugen lassen – und nennt die ...
OP-Masken sollen in der Corona-Pandemie etwas bringen? Unsere Autorin hat sich davon überzeugen lassen – und nennt die Masken-Frage als ein Beispiel für Meinungsänderungen. | Bild: Robert Michael/dpa

Weitere Meinungsänderungen gefällig? Stichwort Frauenquote. Ich war immer dagegen. Denn selten hat es vor uns eine Frauengeneration gegeben, die besser ausgebildet war als mein Jahrgang. Die Welt und alle Karrieremöglichkeiten standen uns offen. Dachten wir zumindest. Bis sich Küchen- und Kinderzimmertüren mit lautem Rumms hinter uns schlossen. Der Platz in dieser Kolumne und meine Energie reichen nicht, um das Teilzeitelend zu schildern, das für viele Frauen meiner Generation folgte. Erst kürzlich sagte mir ein junger (!) Mann, ich hätte mit meinem Wunsch nach finanziell auskömmlicher Berufstätigkeit wohl ein Luxusproblem; immerhin habe mein Mann ja einen Job. Geschenkt. Aber jetzt bin ich für die Quote: bei Frauen in Führungspositionen und bei Männern in Familienzeit. Da habe ich meine Meinung gründlich geändert.

Ich war anfangs auch strikt gegen die Freigabe der Patente für die Corona-Impfstoffe. Aber inzwischen stehen in Afrika und Asien genügend Produktionskapazitäten zur Verfügung, und mit sporadisch gespendetem Impfstoff kurz vor dem Verfallsdatum werden wir die Entstehung von immer neuen Mutationen nicht aufhalten können. Noch eine Meinung gefällig? Auch wenn meine Leser es vielleicht nicht glauben: Ich bin gegen die Impfpflicht. Eigentlich. Aber das, was ich in den letzten Jahren an kollektiver Verantwortungslosigkeit erleben musste, wird uns wohl in diese Richtung zwingen. Schade, denn ich hoffe immer noch auf Diskussion und Konsens. Das wäre für unsere Gesellschaft der bessere Weg. Aber das ist kein sogenannter Spaziergang. Und dabei werde ich mich auch nie betätigen.