Eine Fake-Pandemie ist daran zu erkennen, dass Menschen um Toilettenpapier kämpfen. So unterhaltsam das klingen mag, so ernst gemeint sind die Aussagen, die derzeit in Gottmadingen und Gailingen in Briefkästen gelandet sind: Corona-Kritiker verteilten dort in den vergangenen Tagen Flugblätter. SÜDKURIER-Recherchen ergeben, dass dahinter eine Querdenken-Initiative aus dem Hegau steckt. Die Flyer stehen auf der zugehörigen Webseite zur Verbreitung bereit. Darunter sind auch Flugblätter, die speziell für Kinder an Schulen gedacht sind.

Wer die Flyer letztlich verteilt hat, ist bislang unklar, wie die Rathauschefs und die Polizei erklären. Ein Sprecher von Querdenken 773 Hegau hatte am Freitag keine Zeit für eine Stellungnahme, will sich aber nächste Woche äußern.

Recht auf freie Meinungsäußerung: Ja. Doch auch für Flugblätter gibt es Regeln

Verboten ist das Verteilen von Flugblättern ohnehin nicht, sondern von dem Recht auf freie Meinungsäußerung gedeckt, erklärt Uwe Vincon, Pressesprecher des Polizeipräsidiums Konstanz. Die Polizei will das Geschehen im Auge behalten: „Möglicherweise besteht die Gefahr, dass der Urheber letztendlich doch einmal strafrechtliche Inhalte verteilt. Oft wissen die Leute nicht, wo die Grenze ist.“

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Kopfschmütteln in Gottmadingen. Und ein ganz praktischer Tipp

Bei Gottmadingens Bürgermeister Michael Klinger sorgt die Aktion für Kopfschütteln. Nachdem sich ein Leser beim SÜDKURIER meldete und seinen Unmut über die Flugblätter kund tat, hatte Klinger einen Tag später selbst mehrere Flyer im Briefkasten.

„Lasst die Masken fallen“ ist eine der deutlichsten Aussagen, die Macher warnen vor vermeintlichen Risiken des Mund-Nasen-Schutzes – auch wenn Experten nicht müde werden zu betonen, dass die Schutzmaßnahme keine Beeinträchtigungen mit sich bringt. „Wir müssen offen über Fakten informieren“, sagt Michael Klinger. Denn damit könne man Behauptungen solcher Flugblätter meist widerlegen. Seine Empfehlung ist eindeutig: „Relativ nah zum Briefkasten steht die Altpapiertonne und da gehört sowas rein.“

Dieses Flugblatt wurde in Gottmadingen verteilt. Es soll zeigen, dass ein Großteil der Menschen in Deutschland nicht von Corona betroffen ist – Menschen, die zwischenzeitlich nach einer Corona-Infektion genesen sind oder mit dieser gestorben sind, wurden aber explizit herausgerechnet. Wenn man die Verstorbenen und die positiv getesteten Menschen dazu rechnet, sind es 0,37 Prozent – Stand Ende September, seitdem ist die Zahl deutlich gestiegen.
Dieses Flugblatt wurde in Gottmadingen verteilt. Es soll zeigen, dass ein Großteil der Menschen in Deutschland nicht von Corona betroffen ist – Menschen, die zwischenzeitlich nach einer Corona-Infektion genesen sind oder mit dieser gestorben sind, wurden aber explizit herausgerechnet. Wenn man die Verstorbenen und die positiv getesteten Menschen dazu rechnet, sind es 0,37 Prozent – Stand Ende September, seitdem ist die Zahl deutlich gestiegen.

Argumente stammen von einem HNO-Arzt, dessen Aussagen immer wieder widerlegt werden

Informativ findet Thomas Auer, Bürgermeister von Gailingen, eines der zwei Flugblätter, die er selbst in seinem Briefkasten fand: Impfkritiker erklären dort auf zwei Seiten ihre Bedenken, als Quelle wird der Hals-Nasen-Ohren Arzt Bodo Schiffmann aus Sinsheim genannt. Schiffmann machte zuletzt Schlagzeilen, weil er unter anderem in Videos immer wieder davon spricht, dass Kinder beim Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes gestorben seien. Für diese Fälle gibt es laut Experten aber keine Belege: Entweder ist kein Todesfall bekannt oder es gibt eine andere Todesursache.

In einem Video, erschienen am 1. Oktober, bezeichnet Schiffmann die Bundesregierung als faschistisch und den Verschwörungsideologe Attila Hildmann „charmant“ – ein Verschwörungstheoretiker will er selbst aber nicht sein. Die Plattform Facebook markiert inzwischen einige der Videos von Schiffmann mit einem Warnhinweis, dass darin falsche Tatsachenbehauptungen wiedergegeben werden.

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Zwischen Aluhut und verständlicher Sorge: Thomas Auer will niemanden in die Ecke stellen

Gailingens Bürgermeister Thomas Auer hat den Eindruck, dass manche Querdenker tatsächlich einen sinnbildlichen Aluhut aufhaben – jedoch nicht alle: „Diese Leute darf man nicht in eine Ecke stellen.“ Impfkritik gebe es schon lange und immer wieder. Jeder wisse, dass eine Impfung auch Nebenwirkungen mit sich bringen könne. Schwierig werde es dann, wenn reißerisch und mit falschen Fakten argumentiert werde. Dass die Flugblätter eine Tendenz haben, sei klar – doch das sei bei allen Flugblättern so.

Manchmal sei es schwer verständlich, wenn die Regeln im Zuge der Corona-Pandemie nicht aufeinander abgestimmt und konsistent seien, findet Thomas Auer. In die gleiche Richtung gehen auch die Forderungen von Querdenken 773 Hegau, die auf der Internetseite festgehalten sind: „Wir fordern alle Parteien auf, ... den Bürgern darzustellen, wie und unter welchen Lebensumständen in der Sonderlage Pandemie zu rechnen ist.“ Gailingens Bürgermeister Thomas Auer sagt aber auch: „Die Maßnahmen sind richtig und einzuhalten.“ Gailingen sei mit bislang vier bestätigten Coronafällen bisher gut durch die Krise gekommen.

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Flugblätter sind erlaubt, brauchen aber ein Impressum

Polizeisprecher Uwe Vincon erklärt rechtliche Hintergründe. Eigentlich sei das Verteilen von Flugblättern kein Anlass für Polizeiermittlungen, es liegen bislang auch keine Anzeigen vor. Allerdings sei es eine Ordnungswidrigkeit, wenn nicht gemäß Landespressegesetz ein Impressum vorliege. Im entsprechenden Gesetzestext heißt es: „Auf jedem ... erscheinenden Druckwerk müssen Name oder Firma und Anschrift des Druckers und des Verlegers, beim Selbstverlag des Verfassers oder des Herausgebers, genannt sein.“ Und das ist bei den verteilten Flugblättern nicht immer der Fall. Das Landratsamt Konstanz erklärt auf Nachfrage, dass sich die Behörden austauschen, wenn solche Flugblätter auftauchen. Ähnliche seien bereits in Konstanz, Singen und Stockach verteilt worden.

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