Um Bosnien war es lange still geworden, aber in letzter Zeit gibt es beunruhigende Nachrichten. Nationalistische Töne werden laut, serbische Landesteile drohen offen mit Abspaltung. Seit der zweiten Hälfte der 1990er-Jahre gibt es die Bosnienhilfe, die inzwischen unter dem Dach der Arbeiterwohlfahrt (AWO) Gottmadingen arbeitet. In mühsamer Kleinarbeit wurden über zwei Jahrzehnte in allen Landesteilen Projekte der Jugendarbeit und Suchtprävention aufgebaut – fast ausschließlich in Freiwilligenarbeit. Ethnische und religiöse Zugehörigkeiten spielten nie eine Rolle. Keine Selbstverständlichkeit in dem vom Bürgerkrieg zutiefst verwundeten Land. War jetzt alles umsonst? Sind in dieser Krise eigentlich die Spendengelder sicher?

„Wir sind angewiesen auf Spendengelder und Förderprogramme und wir sind uns unserer Verantwortung bewusst.“ Schwester ...
„Wir sind angewiesen auf Spendengelder und Förderprogramme und wir sind uns unserer Verantwortung bewusst.“ Schwester Madeleine Schildknecht, Mitgründerin der Hilfsprojekte | Bild: Narko-Ne

Drei Personen, die es wissen müssen, sind die Franziskanerin Schwester Madeleine Schildknecht (68), Mitgründerin der Projekte, Amir Hasanovic (38), seit 2015 Leiter der Partnerorganisation Narko-Ne, und Ivana Radic (28), verantwortlich für das Projekt „Älterer Bruder, ältere Schwester“. In den vergangenen Jahren flossen alle Spendengelder der AWO-Bosnienhilfe in dieses Projekt für Kinder in Risikosituationen, von denen manche im Heim leben oder in die Bettelei gezwungen wurden. Trotz aller Sorgen – alle drei Ansprechpartner sind sich einig: Die Spendengelder seien sicher und die praktische Arbeit in den verschiedenen Landesteilen funktioniere weiterhin sehr gut, sagen sie.

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Schwester Madeleine bringt es auf den Punkt: „Wir sind angewiesen auf Spendengelder und Förderprogramme und wir sind uns unserer Verantwortung bewusst. Deshalb behalten wir bei allen Budgets volle Kostenkontrolle.“ Als Hilfsorganisation müsse man mit den bestehenden Strukturen klarkommen. „Aber in einem dysfunktionalen und korrupten Staat ziehen wir klare Grenzen und halten diese ein.“ De facto bedeutet das auch, dass öffentliche Projektförderung manchmal eher tröpfelt statt fließt. „Tatsächlich stärkt es uns sogar, dass unsere Finanzierung auf unterschiedlichen Füßen steht und die Verwendung der Gelder von den Gebern strikt überprüft wird“, führt Amir Hasanovic aus. Als einziger anerkannter Trainer für das europäische Präventionscurriculum in Bosnien steht er für Professionalität und ist es gewohnt, „dicke Bretter zu bohren“.

„Nicht die Politik, sondern die Kinder stehen bei uns im Mittelpunkt.“ Ivana Radic, verantwortlich für ein Projekt der ...
„Nicht die Politik, sondern die Kinder stehen bei uns im Mittelpunkt.“ Ivana Radic, verantwortlich für ein Projekt der Bosnienhilfe | Bild: Narko-Ne

Nach Jahren der Vorbereitung geht nun endlich ein Herzensprojekt an den Start: Eine Fachstelle für Suchtprävention und Gesundheitsförderung. „Am ehesten kann man das mit der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung vergleichen“, erklärt er. Vorerst ist es nur ein Pilotprojekt mit Startfinanzierung aus Stiftungen und von den Vereinten Nationen. Im Vielvölkerstaat hat diese Fachstelle Standorte im bosnischen Mostar und im serbischen Banja Luka. Koordiniert wird in Sarajevo.

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Was auf staatlicher Ebene oft lähmend wirkt, da sich die einzelnen Nationalitäten gegenseitig blockieren, wirkt in der alltäglichen Projektarbeit eher beflügelnd, wie Ivana Radic schildert. Während des Studiums hat sie als freiwillige Helferin im Kinderprojekt gearbeitet und betreut nun ein Netzwerk aus elf Organisationen, die über das ganze Land verteilt etwa 185 Kinder und deren Mentoren betreuen. „Wir machen Graswurzelarbeit – ganz von unten“, betont sie. „Nicht die Politik, sondern die Kinder stehen bei uns im Mittelpunkt. Und inzwischen gibt es eine gute Zusammenarbeit mit Jugendämtern, Schulen und Eltern.“

Die Sozialsysteme sind in Bosnien extrem unterentwickelt, aber mittlerweile hat sich herumgesprochen, dass Geld, das in die Entwicklung von Kindern investiert wird, eine gute Rendite bringt – für die ganze Gesellschaft. In einigen Gemeinden sollen die Leistungen von „Älterer Bruder, ältere Schwester“ nun stärker öffentlich gefördert werden. „Es gibt viele Anfragen und vielleicht wird das Projekt wachsen“, überlegt Ivana Radic. „Allerdings nicht um jeden Preis. Die Qualität der Versorgung steht für uns im Vordergrund.“

Zur Autorin: Ulrike Blatter lebte von 1996 bis 2001 auf dem Balkan, gründete damals die Bosnienhilfe und ist bis heute eine Triebkraft der Organisation

Das Land und das Hilfsprojekt

  • Das Land: Von 1992 bis 1995 kam es nach dem Zerfall des ehemals sozialistischen Jugoslawien zum Bürgerkrieg in Bosnien-Herzegowina. Die Auseinandersetzungen waren ethnisch-nationalistisch geprägt. Etwa 100.000 Menschen starben, 40 Prozent davon Zivilisten. 2,2 Millionen Menschen flüchteten, viele innerhalb Bosniens. Das Dayton-Abkommen 1996 sollte die Situation befrieden, indem alle drei Akteure des Krieges an der Regierung beteiligt werden. Tatsächlich führte dies zu aufgeblähter Administration und einem weitgehend nicht funktionierenden Staat, der von Korruption geprägt ist. In der politischen Auseinandersetzung wird nun sogar angebliche Kriegsgefahr heraufbeschworen.
  • Das Hilfsprojekt: Als Folge des Bürgerkriegs mit seinen zahlreichen Traumata wurde ein starker Anstieg des Konsums von Suchtmitteln beobachtet. Narko-Ne machte es sich zur Aufgabe, für Kinder und Jugendliche ein umfassendes Präventionskonzept zu entwickeln. Mittlerweile ist die Organisation landesweit mit Jugendarbeit und Gesundheitsförderung aktiv. „Älterer Bruder, ältere Schwester“ ist ein Teilprojekt. Seit 2002 werden hier studentische Freiwillige ausgebildet, die für etwa zwei Jahre ein Kind begleiten. Die Kinder kommen aus schwierigen Familienverhältnissen, leben teilweise im Heim oder auf der Straße. Von dieser Arbeit profitieren auch die jungen Erwachsenen, die erste berufliche Praxis in einem sozialpädagogischen Umfeld sammeln und durchgehend Weiterbildung und Supervision erhalten.
  • Spendenkonto: AWO-Bosnienhilfe Gottmadingen, IBAN DE45 6925 1445 3027 2404 68, Spendenzweck: Projekte in Bosnien.