„Ich könnte jetzt in einem Call-Center arbeiten“, sagt Franz Konrad mit einem verschmitzten Lächeln. Von Januar bis März hat er zusammen mit seinen neun Mitstreitern vom Seniorenbeirat und Gästen einen Telefonmarathon hingelegt, der ihn zum Teil bis in die Nacht verfolgte. „Auslöser war ein Fernsehbeitrag im WDR im Dezember“, berichtet Konrad. „Da erzählte ein Rentner, wie er in der Corona-Hotline bei der Suche nach einem Impftermin zur Nummer wurde: 621.“ Franz Konrad kontaktierte den Vorsitzenden des Seniorenbeirats, Walter Benz. Schnell waren sie sich einig, dass man die hochbetagten Gottmadinger nicht im Stich lassen dürfe. „Wir müssen uns um die über 80-Jährigen kümmern“, beschlossen sie.

Ein Hilferuf kam aus der Verwaltung

Hauptamts-Chefin Marion Haas hatte sich fast zeitgleich mit der Bitte um Unterstützung an den Seniorenbeirat gewandt. Und nachdem die Seniorenvertreter ihre Hilfe zugesagt hatten, informierte auch Bürgermeister Michael Klinger alle über 80-Jährigen schriftlich über das Angebot der Gemeinde bei der Suche nach einem Impftermin. „Das waren 840 Briefe“, staunt Walter Benz über die große gruppe der Hochbetagten.

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153 Menschen auf einer eigenen Warteliste

Fortan standen die Telefone bei den Seniorenräten nicht mehr still. Wer aus dem Gremium nicht so mit dem Computer vertraut ist, übernahm andere Dienste als Postbote oder beim Ausfüllen der Anamnesebögen für die Impfungen. Bei Franz Konrad liefen die Fäden zusammen. Er sammelte die Namen und Telefonnummern von Impfwilligen Gottmadingern und trug sie in eine Exeltabelle ein. „Schon am 6. Januar hatten wir die ersten Anmeldungen für unseren Service“, erzählt Walter Benz. „Am Ende standen 153 Personen auf unserer Warteliste, für die wir alle einen Impftermin beschaffen mussten.“

Walter Benz schaut sich das Geschehen in der Goldbühlhalle am Gemeindeimpftag von oben an. Mit seinem Team hat er 153 Hochbetagten zu einem Imftermin verholfen. An der Gemeindeaktion war der Seniorenbeirat aber nicht beteiligt.
Walter Benz schaut sich das Geschehen in der Goldbühlhalle am Gemeindeimpftag von oben an. Mit seinem Team hat er 153 Hochbetagten zu einem Imftermin verholfen. An der Gemeindeaktion war der Seniorenbeirat aber nicht beteiligt. | Bild: Trautmann, Gudrun

Das Impfchaos verursachte viele Missverständnisse

Charlotte Benz wählte sich auf der offiziellen Hotline 116 117 die Finger wund und jubelte, als sie glaubte, 40 Impftermine auf einen Schlag ergattert zu haben. „Das war für uns unvorstellbar“, erinnert sich der Beiratsvorsitzende. Und wie sich herausstellen sollte, war das eines der vielen Missverständnisse in dem anfänglichen Impfdesaster. Die Mitarbeiterin der Termin-Hotline hatte Charlotte Benz weisgemacht, dass eine Kontaktperson unter ihrem Namen 20 Personen für eine Impfung anmelden könne. Franz Konrad bekam eine ähnliche Auskunft, allerdings nur für fünf Personen. Beides entpuppte sich als Falschmeldung.

Menschen haben ein Jahr lang ihr Haus nicht verlassen

Die Gottmadinger Seniorenvertreter hörten unterdessen jede Menge herzzerreißende Geschichten von Menschen, die sich seit Beginn der Corona-Pandemie nicht mehr aus dem Haus getraut hatten. Zwei alte Leute ließen sich alles Nötige besorgen und vor die Tür stellen. „Als ich ihnen den Anamnesebogen zum Ausfüllen brachte, war ich eine Dreiviertelstunde dort“, erzählt Franz Konrad. „Wir waren für viele der einzige soziale Kontakt in der Pandemie. Heute kenne ich viele Krankengeschichten.“ Die Leute hätten einen Redebedarf, weil sie durch Corona vereinsamten.

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Herkulesaufgabe: Noch einmal alle Daten neu erfassen

Für 153 Betagte haben die Seniorenräte einen Impftermin vermittelt. Wer sich selber schon wochenlang erfolglos auf der offiziellen Seite um einen Termin in einem Impfzentrum bemüht hat weiß, welche Herkulesarbeit die Gottmadinger Seniorenräte mit ihren Helfern geleistet hat. „Das wäre uns nicht gelungen, wenn wir nicht vom Landratsamt unterstützt worden wären“, erzählt Franz Konrad anerkennend. Allerdings musste er seine Gottmadinger Warteliste jetzt an die Landkreisliste anpassen. Wieder musste viel telefoniert und Geburtsdaten eingesammelt werden.

Nachdem die meisten Hochbetagten geimpft sind, kehrt wieder etwas Ruhe ein

Zwischen Januar und März standen die Telefone praktisch nicht mehr still. Langsam kehrt wieder mehr Ruhe ein bei den Seniorenvertretern. „Das liegt daran, dass die Ältesten mittlerweile zum größten Teil zweimal geimpft sind“, erklärt Walter Benz. Hört man den Erzählungen der Seniorenbeiräte zu, so fühlt man sich nach Schilda versetzt. Noch immer möchte man kaum glauben, dass die Vergabe von Impfterminen im hoch entwickelten Deutschland so chaotisch verlaufen würde. Die Pandemie hat schonungslos Schwächen der Bürokratie offengelegt. Übrigens kommen jetzt in Gottmadingen immer noch Anrufe aus dem Call-Center an, das die Wartelisten abarbeitet. Da wird gefragt, ob noch Interesse an einem Impftermin besteht. Die betreffenden Personen sind aber längst geimpft.

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