Meine Sorgen hätte ich gern! Dieser Satz wird Kurt Tucholsky zugeschrieben und er meinte ihn selbstironisch. Klar, auch ich habe Sorgen, aber darf ich die vergleichen mit einem Satiriker in den Wirren der Weimarer Republik, in Zeiten des heraufdämmernden Nationalsozialismus? Blöde Frage, nicht wahr? Aber ich möchte sie trotzdem stellen. Weil einem das Hemd nämlich näher ist als die Jacke, schmerzen mich meine eigenen Sorgen sehr viel stärker als die eines vor Jahrzehnten verstorbenen Kollegen – auch wenn ich ihn noch so gern lese.

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Stichwort Berufsverbot für Soloselbstständige. Viele glauben ja noch immer, dass wir Autorinnen und Autoren vom Verkauf unserer Bücher leben können. Aber denkste! Wenn man nicht gerade die Bestsellerlisten anführt, verdient an den Büchern eigentlich nur der Verlag – und selbst für den rechnet es sich nicht immer. Wir „kleinen“ Autoren leben vor allem von Veranstaltungen. Da gibt es nämlich Gage (manchmal) und wir können unsere Bücher selbst verkaufen, wobei dann auch etwas liegenbleibt. Nach Auskunft der Künstlersozialkasse bleiben summa summarum viele Künstler unter Mindestlohn und sind für den Lebensunterhalt auf einen zweiten Brotberuf angewiesen; das gilt besonders für die schreibende Zunft. Wer es schafft, 3000 Exemplare eines Romans zu verkaufen, kann sich über einen Stundenlohn zwischen 42 Cent und 1,45 Euro freuen.

„Ich erinnere mich nur zu gut an Gespräche mit Veranstaltern, die keine Gage zahlen wollten, dafür aber Saalmiete erwarteten“, lautet die Bilanz von Autorin Ulrike Blatter, wenn sie auf ihre Versuche zurückblickt, eine Lesung zu organisieren.
„Ich erinnere mich nur zu gut an Gespräche mit Veranstaltern, die keine Gage zahlen wollten, dafür aber Saalmiete erwarteten“, lautet die Bilanz von Autorin Ulrike Blatter, wenn sie auf ihre Versuche zurückblickt, eine Lesung zu organisieren. | Bild: Picasa

Ok, ich habe also Sorgen. Vor allem durch das Auftrittsverbot während der Pandemie. Nachdem mir 2020 fast alle Auftritte weggebrochen waren, gab ich die Hoffnung fast auf, wieder Veranstaltungen anzubieten. Lohnte es sich, eine Akquise – auf gut Deutsch „Klinkenputzen“ – zu starten? Ich erinnere mich nur zu gut an Gespräche mit Veranstaltern, die keine Gage zahlen wollten, dafür aber Saalmiete erwarteten. An Veranstalter, die von den Zuhörern Eintritt verlangten, mich aber mit Nullkommagarnix abspeisen wollten mit dem Argument: „Was wollen Sie eigentlich? So eine Lesung ist doch prima Werbung für Ihre Bücher!“ Wenn ich daran zurückdachte, fühlte ich nur eins: bodenlose Erschöpfung.

Dann schreibe ich eben und warte einfach mal ab, entschloss ich mich. Eine kluge Entscheidung. Nach und nach melden sich nämlich alle Veranstalter, bei denen ich früher regelmäßig aufgetreten bin, und wollen mich wieder buchen. Für einige Veranstaltungen gibt es sogar Fördermittel, wie zum Beispiel bei einer Schule in Hessen, wo ich an drei Tagen neun Lesungen absolvieren werde. Klar habe ich Sorgen. Aber ich bin froh, dass ich nicht in der Weimarer Republik lebe, ganz zu schweigen von dem, was danach kam. Jetzt habe ich aber ein neues Problem: Lampenfieber. So lange bin ich nicht mehr live aufgetreten. Ob ich das überhaupt noch kann? Wie gesagt: Meine Sorgen hätte ich gern.