Yazid Al Enada fühlt sich in der Rolle des Bittstellers sichtlich unwohl. „Ich will keine Spenden, kein Geld. Ich brauche einfach nur die Genehmigung, damit ich endlich anfangen kann“, betont der Mann aus Syrien. Von seiner Geschäftsidee ist er immer noch überzeugt: eine Käserei aufbauen, deren Produkte er in Deutschland und vielleicht sogar darüber hinaus verkaufen kann (der SÜDKURIER berichtete).

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„Die Kunden sind da. Sie warten nur darauf, dass wir starten“, berichtet der Familienvater, der sich mit den Mitgliedern seiner Großfamilie um 130 Ziegen in Gottmadingen-Randegg kümmert.

Die Wiese ist schon abgegrast

Das Problem: Yazid Al Enada und seinem Geschäftspartner Khaled Khalaf, ein Ingenieur mit Schwerpunkt Milchtechnologie, fehlen nach wie vor die behördlichen Genehmigungen, um in die Produktion einsteigen zu können. Zumindest indirekt leiden darunter auch die Tiere, denn die Wiese hinter dem ehemaligen Landgasthaus „Adler“ ist weitgehend abgegrast. Geld um in ausreichender Menge Futter kaufen zu können, scheint nicht vorhanden.

Bild: Tesche, Sabine

Zwar hat sich Al Enada mit Familienmitgliedern und Bekannten bereits vor Jahren eine kleine Reinigungsfirma aufgebaut. In Zeiten von Corona sei der Bedarf an Putzkräften aber so stark gesunken, dass er statt 20 nur noch vier Mitarbeiter beschäftigen könne.

„Ich habe mir von Freunden Geld leihen müssen, damit ich meine Familie und meine Ziegen ernähren kann“, sagt er. Zuletzt habe ein Ziegenhalter aus dem Landkreis Tuttlingen, der von der Misere der Familie erfahren hat, Heu zur Verfügung gestellt. Dafür sei er sehr dankbar sei, betont Al Enada.

Tierschutzverein und Veterinäramt

Aus Sicht von Marion Czajor, Vorsitzende des Singener Tierschutzvereins, war es auch dringend notwendig, dass sich jemand der Geißen und Böcke annimmt. „Mir wurde mitgeteilt, dass die Tiere in schlechtem Zustand sind“, sagt sie auf SÜDKURIER-Anfrage. Deshalb habe sie das Veterinäramt eingeschaltet. Dieses sei als Behörde dafür zuständig, Missstände abzuwenden, wenn es um das Wohl von Tieren geht.

„Eine artgerechte Versorgung muss sichergestellt sein. Wenn auf dem Gelände kein Gras sichtbar ist und kein Heu zur Verfügung gestellt wird – weil angeblich kein Geld da ist – gibt das Anlass zum Handeln.“ Czajor geht davon aus, dass es aufgrund von Sprachbarrieren zu Missverständnissen zwischen den Syrern und gleich mehreren Ämtern gekommen ist – und dass es eines Vermittlers bedarf. „Es kann aber nicht sein, dass der Konflikt auf dem Rücken der Tiere ausgetragen wird.“

Bild: Tesche, Sabine

Moderator gesucht

Georg Wengert, der als Vertreter der „Adler“-Eigentümerin auftritt, beschreibt den Zustand der Ziegen als erbärmlich. Er bedauert aber auch, dass es ihm nicht gelungen ist, den von Marion Czajor angesprochenen Moderator zu finden. Er habe die Grünen-Landtagsabgeordnete Dorothea Wehinger, Landrat Zeno Danner und den Gottmadinger Bürgermeister Michael Klinger mehrfach eingeladen, die Lage vor Ort in Augenschein zu nehmen – seiner Darstellung zufolge vergeblich.

„Man hätte der Familie viel früher klar machen müssen, wie unrealistisch ihre Pläne sind“, blickt Wengert zurück. „Jetzt, wo das Problem da ist, gibt es niemanden, der mit ihr Schritt für Schritt plant, was zu tun ist.“ Er selbst sieht sich dazu offenbar nicht in der Lage.

Vor dem „Adler“: Georg Wengert zusammen mit Obada, Taem und Yazid Al Enada (von links).
Vor dem „Adler“: Georg Wengert zusammen mit Obada, Taem und Yazid Al Enada (von links). | Bild: Tesche, Sabine

Auf eigenen Beinen stehen

Yazid Al Enada schildert seine Sicht der Lage so: „Meine Familie arbeitet seit Hunderten von Jahren als Schaf- und Ziegenzüchter. Ich kann sehr gut mit Ziegen umgehen und ich will arbeiten!“ Seit seiner Flucht nach Deutschland sei es ihm ein Anliegen gewesen, dem Staat keine Kosten zu verursachen. Er wolle seinen Lebensunterhalt selbst verdienen. „Deshalb habe ich meine Reinigungsfirma gegründet.“

Auch in seine aktuelle Geschäftsidee habe er viel investiert – alleine 30.000 Euro für den Kauf und Transport der Tiere von Leipzig in den Hegau. „Dazu kommen die Kühlräume, die Maschinen für die Käsezubereitung.“ Gerade weil er viel Aufwand betrieben hat, will Al Enada seine Tiere nicht verkaufen. „Mit dem Veterinäramt haben wir auch keine Probleme, die waren schon vor Monaten hier und haben alles gut gefunden“, beschwichtigt er.

„Adler“-Umbau wird teuer

Das größere Hindernis, das seinen Plänen im Weg steht, dürfte der „Adler“ selbst sein. „Das Gebäude steht unter Denkmalschutz“, erklärt Georg Wengert. „Wenn ein Architekt Pläne anfertigt, die den Anforderungen des Denkmalschutzamts gerecht werden, kostet alleine das 10.000 Euro“, schätzt er. Der Umbau würde noch wesentlich kostspieliger ausfallen. Wengert geht von einer halben Million Euro aus. Geld, das die Familie nicht besitzt. Ist die Situation ausweglos? Vielleicht nicht ganz.

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Standortwechsel als Ausweg?

Denkbar wäre für die Syrer, dass sie ihre Produktionsstätte verlagern. „Wenn wir Räumlichkeiten anmieten könnten, in denen wir unsere Maschinen aufbauen“, stellt Al Enada Überlegungen an. Eine weitere Möglichkeit, Konflikten mit dem Denkmalschutz aus dem Weg zu gehen: ein Container als mobile Molkerei. Selbst in diesem Fall bräuchte es aller Wahrscheinlichkeit nach einen Investor, der die Familie solange unterstützt, bis sie ihre Produkte gewinnbringend verkauft.

Mit den Gerätschaften, die im „Adler“ bereitstehen, habe man bereits probeweise Käse hergestellt, der sehr gut angekommen sei, berichtet Al Enada. Gerade in Deutschland lebende Syrer hätten großes Interesse an der Art von Ziegenkäse, wie sie ihn aus ihrer Heimat kennen. In diese Marktlücke möchte er vorstoßen. Aber auch unter Deutschen beobachtet Yazid Al Enada ein wachsendes Interesse an laktosefreien Erzeugnissen aus Ziegenmilch.

Noch ist der Familienvater aber – so ungern er das auch zugibt – auf Hilfe angewiesen. Es fehle ihm Heu zum Füttern der Tiere, bestätigt der Syrer zerknirscht. „Das könnten wir im Moment wirklich gut gebrauchen.“

Von der Geschäftsidee bis zum Kontrollbesuch des Veterinäramts: Was bisher geschah

  • Ein Familienprojekt: Yazid Al Enada hat den „Adler“ Anfang 2019 gepachtet. Seitdem lebt der Syrer mit seiner 22-köpfigen Großfamilie in dem ehemaligen Landgasthaus. Da dieses über ein größeres Wiesenareal verfügt und seine Familie Erfahrung in der Aufzucht von Ziegen hat, entschied sich Al Enada, 130 Tiere zu kaufen, um zusammen mit seinem Geschäftspartner eine Käserei zu etablieren.
  • Probleme mit den Behörden: Die neue Nutzung des Gebäudes brachte bürokratische Herausforderungen mit sich, die bislang nicht gelöst sind. Ein grundlegendes Problem: Der „Adler“ steht unter Denkmalschutz, Umbaumaßnahmen sind – falls möglich – abzustimmen und potenziell kostspielig. Auch wenn die benötigten Maschinen bereitstehen, konnten Yazid Al Enada und Khaled Khalaf noch nicht in die Käseproduktion einsteigen. Seit Monaten müsse er täglich um die 200 Liter Milch entsorgen, berichtet Al Enada. Aus Kostengründen erweist sich auch die Ernährung der Tiere als Herausforderung.
  • Das sagt das Veterinäramt: Einen Tag, nachdem Hinweise eingegangen waren, habe sich das Amt die Situation vor Ort angesehen. „Dabei wurde festgestellt, dass die Futterfläche für die große Anzahl von Tieren zu gering ist“, schreibt das Amt auf SÜDKURIER-Nachfrage. Futter müsse zugekauft oder der Tierbestand an die vorhandene Futtermenge angepasst werden. „Dies wurde mit dem Halter besprochen, entsprechende Maßnahmen wurden angeordnet.“ Akute Gefahr für die Tiere bestehe aber nicht.