Gottmadinger Eck: Dieser Name ist ein Täuschungsmanöver. Als die Einladung zur Stellungnahme vom Freiburger Regierungspräsidium auf den Schreibtisch flattert, herrscht zunächst Verwirrung. Ist die kleine Erweiterung des Industriegebietes nach Osten gemeint? Was für eine dumme Frage. Eberhard Koch kann sich ein verschmitztes Lächeln nicht verkneifen und verspricht Aufklärung. „Das Gottmadinger Eck bezeichnet FFH-Gebiete von Singen bis Gailingen„, erklärt Koch. Der Naturschützer und Mitbegründer der BUND Ortsgruppe Gottmadingen ist der beste Kenner der Materie. Mit einem kleinen Trupp freiwilliger Helfer beschäftigt er sich täglich mit der Pflege und Erhaltung wertvoller Lebensräume. Ziel ist es, das Artensterben zu verhindern.

Der Engensee bei Ebringen entstand als Ausgleich für den Geländeverbrauch beim Bau der Autobahn. Damit er nicht zuwächst, muss der Uferbereich gelegentlich gemäht werde.
Der Engensee bei Ebringen entstand als Ausgleich für den Geländeverbrauch beim Bau der Autobahn. Damit er nicht zuwächst, muss der Uferbereich gelegentlich gemäht werde. | Bild: Trautmann, Gudrun

Aus Unverständnis ist Interesse geworden

Als Koch sich in den 1980er Jahren zusammen mit Bernd Dietrich und Bruno Scherbarth für die Vernetzung von Biotopen stark machte, schlug den Naturschützern noch viel Unverständnis und Kritik entgegen. Mittlerweile hat überall im Land ein Umdenken in Sachen Naturschutz stattgefunden. Das jüngste Beispiel ist das Volksbegehren Pro Biene. Auf Bundes- und Landesebene sowie mit europäischer Förderung werden unter dem Label „Natura 2000“ seit 20 Jahren Anstrengungen unternommen, um Lebensräume für gefährdete Pflanzen und Tiere zu erhalten. Nichts anderes verbirgt sich hinter der Abkürzung FFH (Flora, Fauna, Habitat). Die Länder waren aufgefordert, schützenswerte Gebiete zu benennen. Auf diese Weise soll ein europäisches Naturschutznetz entstehen.

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Europa spannt mit „Natura 2000“ ein Netz von Schutzgebieten auf

„Bei der ersten Meldung im Jahr 2003 hat Deutschland zu wenig Gebiete ausgewiesen“, erinnert sich Eberhard Koch. „2005 wurden Gebiete nachgemeldet. Für alle FFH-Gebiete werden Managementpläne erstellt.“ In den Plänen wurden Bestände ermittelt und Ziele festgelegt. Gleichzeitig wurden auch konkrete Maßnahmen benannt. Das sind Empfehlungen für die Pflege. Sie besagen zum Beispiel, wo Uferbereiche oder Wiesen in welchen Abständen gemäht werden müssen. Sie schreiben vor, wo Bannwälder nicht angetastet werden dürfen. Die Managementpläne enthalten auch Aussagen über die Förderung von extensiver Landwirtschaft. So erhält der Landschaftserhaltungsverband Geld vom Land für die Pflege der Landschaft. „1,3 Millionen Euro fließen in den Landkreis Konstanz„, erklärt Eberhard Koch. „Davon gehen 90 Prozent an die Landwirte.“

Im Sommer blühen auf den Hardtseen am Rande des Ruhewaldes Seerosen. Im Winter strahlen die Relikte der letzten Eiszeit eine mystische Atmosphäre aus.
Im Sommer blühen auf den Hardtseen am Rande des Ruhewaldes Seerosen. Im Winter strahlen die Relikte der letzten Eiszeit eine mystische Atmosphäre aus. | Bild: Trautmann, Gudrun

Die meisten Verfahren sind schon abgeschlossen

Für 80 Prozent der Flächen im Hegau seien die Verfahren für Natura 2000 bereits abgeschlossen, weiß Koch. Dazu gehört der westliche Hegau, der Bodanrück, das Gebiet Hegau-Alb, der Schienerberg und der Hohentwiel, der zudem auch noch als Vogelschutzgebiet ausgewiesen ist. Noch offen sind die Gebiete Radolfzeller Aach und Mettnau sowie das Gottmadinger Eck. In den Gebieten darf sich der Zustand nicht verschlechtern. Alle sechs Jahre muss das Land Baden-Württemberg einen Bericht nach Brüssel schicken und schildern, wie sich die Flächen entwickelt haben. Landwirten droht Subventionsentzug, wenn sie die gekennzeichneten Flächen nicht in den Urzustand zurücksetzen.

Die Lebensräume verteilen sich auf mehrere Gemeinden

Das Gottmadinger Eck ist mehr als nur ein Eck. Es enthält Flächen in Singen (Seewadel), am Heilsberg bis Ebringen, Bietingen und Murbach. Doch die größte zusammenhängende Fläche befindet sich in Gailingen. Dort geht es besonders um nachhaltige Waldwirtschaft.

Erstaunlicher Reichtum für Entdecker

Wie reich die Landschaft an Besonderheiten ist, erfährt man bei einer kleinen Expedition mit Eberhard Koch. Da sind zum Beispiel die Hardtseen am Rande des Gottmadinger Ruhewaldes. Es handelt sich um bizarr anmutende Teiche aus der letzten Eiszeit. Was der Schutz besonderer Lebensraumtypen und Arten in der Praxis bedeutet, ist am Beispiel der Hardtseen gut nachzuvollziehen. Wegen der großen Nachfrage nach Bestattungen im Ruhewald, müsste dieser in naher Zukunft erweitert werden. Das ist jedoch nur sehr bedingt möglich, weil die nahe gelegenen Hardtseen nicht tangiert werden sollen. Das wäre aber der Fall, wenn der Ruhewald bis ans Ufer heranreichen würde. So wird sich die Gemeinde Gottmadingen entscheiden müssen, ob sie den Ruhewald für die Bürger im Dorf reserviert und Fremden die letzte Ruhe verwehrt oder ob sie eine andere Waldfläche anbieten kann.

Der lichte Wald am Heilsberg gehört ebenfalls in das Pflegeprogramm der Gottmadinger BUND-Gruppe. Auch hier wird in verschiednen Phasen gemäht. Das sorgt für ein artenreiches Pflanzenwachstum und lockt in der Folge Insekten an.
Der lichte Wald am Heilsberg gehört ebenfalls in das Pflegeprogramm der Gottmadinger BUND-Gruppe. Auch hier wird in verschiednen Phasen gemäht. Das sorgt für ein artenreiches Pflanzenwachstum und lockt in der Folge Insekten an. | Bild: Trautmann, Gudrun

Naturschutz und Landwirtschaft können auch gut zusammen

Ein Beispiel für das Zusammenspiel von Naturschutz und Landwirtschaft ist die Mutterkuhhaltung der Familie Schlatter am Heilsberg. Die Anzahl der Tiere wird an die Fläche angepasst. Die Kühe sorgen dafür, dass die ehemaligen Weinberge nicht verbuschen und blühende Pflanzen genügend Licht und Luft bekommen. Die Blumenwiesen locken wiederum Insekten an.

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Alte Arten, die kaum noch jemand kennt

Ein Schwingrasenmoor, Orchideen, Kammmolche, Sumpf-Glanzkraut, firnisglänzendes Sichelmoos, Bocks-Riemenzunge, Ohnsporn oder Pfeifengraswiesen: es sind Pflanzen und Tiere, von denen die meisten noch nie etwas gehört haben. Wer sich die Mühe macht, den Entwurf des Natura 2000 Management-Plans zu studieren, der wird erstaunt sein, was sich in dem Gottmadinger Eck alles befindet. Neugierige können ihre Heimat besser kennenlernen.

Hier geht es zu den Details des Gottmadinger Ecks

Den Entwurf des Natura 2000-Managementplans hat das Regierungspräsidium jetzt in die Offenlage gegeben. Das bedeutet, dass sich die Bürger und Besitzer der Flächen die Pläne anschauen und sich dazu bis zum 14. Februar 2021 äußern können. Der Download-Link steht unter www.rp-freiburg.de in der Rubrik „Aktuelles“ zur Verfügung. Fragen und Stellungnahmen können online an susanne.wolfer@rpf.bwl.de oder auf dem Postweg an die Adresse: Regierungspräsidium Freiburg, Referat 56, z. Hd. Susanne Wolfer, Bissierstr. 7, 79114 Freiburg gerichtet werden.