In gewissen Kreisen gilt es als chic, wenig zu schlafen. Politiker brüsten sich mit dem Durchhaltevermögen bei kräftezehrenden Nachtsitzungen. Nur Hohlköpfe schlafen mehr als fünf Stunden, behauptete Napoleon. Und die Querdenker bezeichnen ihre Gegner als „Schlafschafe“. In der Suchtberatung sah ich jedoch die Folgen: Erfolgsmenschen, die nur mithilfe von Substanzen auf Zack waren, unfähig abzuschalten und chronisch am Rande des Nervenzusammenbruchs. Kokain und Speed rauschen tonnenweise durch die Toiletten der Nation und finden sich in den Kläranlagen.

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Klassischer Mittagsschlaf oder besser ein „Powernap“?

Mein Opa genoss noch ganz altmodisch den Mittagsschlaf: Er lag auf dem Küchensofa, das Haupt gebettet auf das Gobelinkissen mit dem röhrenden Hirsch. Eine halbe Stunde später erwachte er erholt, obwohl er während des Schlafens zig Bäume umgesägt hatte. Küchensofas gibt es nicht mehr und auch der gestickte Hirsch hat ausgedient. Der Mittagsschlaf heißt jetzt „Powernap“. Ich hatte einen Kollegen, der umklammerte mittags seinen Schlüsselbund. Wenn die Schlüssel nach maximal fünf Minuten runterfielen, erwachte der schlafende Kollege und behauptete allen Ernstes, sich erholt zu haben.

Die große Lebensuhr, die viele Auswirkungen hat

Natürlich gibt es individuelle Unterschiede beim Schlafbedürfnis. Aber bei den Schlafgewohnheiten der westlichen Welt gibt mehr die Kultur den Takt vor, als die Natur. Der Tag-Nachtrhythmus ist die große Lebensuhr, tief verankert in uns allen. Stoffwechsel, Konzentrationsfähigkeit und vieles mehr geraten aus dem Tritt, wenn diese Uhrzeiger manipuliert werden. Wir alle kennen den Jetlag auf Reisen oder bei Umstellung auf die Sommerzeit. Schichtarbeit macht krank und ich selbst spüre es als Diabetikerin sofort, wenn nach einer unruhigen Nacht die Zuckerwerte spinnen. Unsere Biorhythmus-Uhr tickt noch im Steinzeittakt, will mit den Hühnern schlafen gehen und aufstehen, wenn sich die Sonne zeigt.

Aber wir machen die Nacht zum Tage, fliegen über Zeitgrenzen, sind rund um die Uhr erreichbar und haben alle Abläufe des alltäglichen Lebens in fast unerträglicher Weise beschleunigt und verdichtet. In den vergangenen 100 Jahren hat sich der Nachtschlaf in westlich geprägten Kulturen um mehr als zwei Stunden verringert. Stress- und Stoffwechselerkrankungen haben im gleichen Zeitraum erheblich zugenommen. Dafür gibt es noch andere Gründe.

Homeoffice erspart Pendler-Stau. Und gibt Zeit zum Ausschlafen

Aber wir sollten froh sein, dass Corona vielen von uns endlich einmal die Möglichkeit schenkt, so richtig auszuschlafen. Wer im Homeoffice sitzt, steht nicht im Pendler-Stau. Und wer weiß, wie viele politische Fehlentscheidungen uns seit Napoleon erspart geblieben wären, wenn der Mittagsschlaf zum Kulturgut würde.

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