Der Mann in dem silbergrauen Opel legt beinahe eine Vollbremsung hin. Dann steigt er aus, zückt sein Handy und hält den historischen Moment mit der Kamera fest. Die Absperrung vor der alten Holzbrücke in Gailingen ist tatsächlich verschwunden. Der kleine Grenzübergang ist offen. Der Verkehr rollt wieder, als wäre nichts gewesen. Neun Wochen durfte hier niemand über den Rhein fahren. Wer zur Arbeit in die Schweiz oder umgekehrt nach Deutschland wollte, musste große Umwege in Kauf nehmen. Seit dem Schengen-Abkommen, das die Freizügigkeit an den Grenzen in Europa ermöglicht, hatte niemand mit so einer Situation gerechnet.

Der alemannische Sprachraum diesseits und jenseits der Grenze hat mehr Verbindendes als Trennendes. Aber das Corona-Virus hat die Grenzen unerwartet sichtbar gemacht. Zur Eindämmung der Pandemie haben sich die Länder eingeigelt. Die Entwicklung der Infektionszahlen bestätigt diese Strategie. Doch die Menschen verlangen nach Lockerung und nach einer Rückkehr zur Normalität.

Das könnte Sie auch interessieren

Viele Paare konnten sich über Wochen nicht sehen

Der Gailinger mit deutschem und Schweizer Pass hatte sogar noch Glück. Der Mann will zwar nicht namentlich in der Zeitung stehen; seine Freude über die Grenzöffnung, die einem ungläubigen Staunen ähnelt, will er dennoch gerne teilen. „Für mich hat die Grenze bis zum Lockdown eigentlich nie existiert“, sagt er. Zwar sei die Abriegelung anfangs sinnvoll gewesen, zuletzt aber nicht mehr verhältnismäßig. Anders als viele Liebespaare, durfte er als Doppelbürger seine Partnerin im gegenüberliegenden Diessenhofen besuchen, während sie ihr Land nicht verlassen durfte.

Das könnte Sie auch interessieren

Verwandte besuchen? Geht in Ordnung, heißt es nun bei der Kontrolle

Die Fahrt mit dem Auto durch den Hegau macht an diesem besonderen Samstag richtig Freude. Das sieht man auch Oliver Kowahl und seiner Tochter Jessica aus Dörflingen an, die endlich mal wieder die Schwester und Tante im drei Kilometer entfernten Gailingen besuchen wollten. „Bei der Einfahrt nach Deutschland wurden wir kontrolliert“, sagt Kowahl. „Der Verwandtschaftsbesuch reichte als Grund aus.“ Auch die Betonklötze zwischen Rielasingen und Gottmadingen oder zwischen Randegg und Dörflingen ist weggeräumt. Die Durchfahrt ist wieder möglich.

Eine Barriere am Straßenrand wirkt wie eine Mahnung. Das Signal: Bei ansteigenden Infektionszahlen fällt der Schlagbaum wieder. Das Abstandsgebot gilt weiter.

Das könnte Sie auch interessieren