Über der Feuerstelle gurgelt in einer gusseisernen Kanne der Schwarztee. Am Horizont breiten sich in unterschiedlichen Grüntönen die Hügel des Hegaus aus. Dazwischen: eine saftige Wiese, auf der Ziegen grasen. 130 dürften es mittlerweile sein. Und damit beginnen für Yazid Al Enada die Probleme.

Der Mann mit der drahtigen Figur und dem schwarzen Vollbart stammt aus Syrien. Er hat das ehemalige Landgasthaus „Adler“ in Randegg im Januar 2019 gepachtet und lebt hier mit seinen Verwandten. Gemeinsam kümmern sie sich um die Tiere, die hinter dem in die Jahre gekommenen Gebäude grasen. Wie lange noch ist unklar, denn der 22-köpfigen Großfamilie geht das Geld aus.

Bild: Tesche, Sabine

50 Euro pro Woche koste ihn die Haltung der Geißen und Böcke, rechnet Al Enada vor. „Wenn es so weiter geht, kann ich die Tiere nur noch wenige Wochen ernähren.“ Bitter. Denn eigentlich gibt jede seiner Milchziegen täglich drei Liter Milch. Und die modernen Gerätschaften, mit denen sich diese Milch in Käse umwandeln ließe, stehen seit Wochen im Hauptgebäude des „Adlers“ bereit. „Aber uns fehlt die Erlaubnis der Behörden“, sagt Al Enada. „Wir dürfen nicht anfangen, zu produzieren.“

Die Familientradition fortsetzen

Um diese Situation zu verstehen, muss man die ganze Geschichte kennen. Ihr Ausgangspunkt liegt im Nordwesten Syriens, an der Grenze zum Irak – und schon drei Jahrhunderte zurück. Seit dieser Zeit züchte seine Familie bereits Schafe und Ziegen, berichtet Yazid Al Enada. Zwischenzeitlich habe man zwischen 3000 und 4000 Tiere besessen, erzählt er stolz.

Noch können die Kinder mit den Zicklein spielen. Aber mit jedem Tag nimmt jedoch der finanzielle Druck auf die syrische Flüchtlingsfamilie zu.
Noch können die Kinder mit den Zicklein spielen. Aber mit jedem Tag nimmt jedoch der finanzielle Druck auf die syrische Flüchtlingsfamilie zu. | Bild: Tesche, Sabine

„Syrischer Ziegenkäse ist in der arabischen Welt und darüber hinaus als Delikatesse bekannt“, ergänzt Khaled Khalaf. Er ist ebenfalls Syrer, stammt aus Aleppo und hat im italienischen Udine ein Ingenieursstudium mit Schwerpunkt Milchtechnologie abgeschlossen. Der Kontakt zu Al Enada kam über das Internet zustande. Als die Männer den Entschluss fassten, zusammenzuarbeiten, zog Khalaf mit seiner Familie in den Hegau.

„Die Nachfrage ist da“

Der Beweggrund ist das Potenzial, das er in der gemeinsamen Geschäftsidee sieht. „Die Nachfrage ist da. Und das nicht nur bei Syrern, die in Deutschland leben.“ Khalaf geht davon aus, auch in andere Länder exportieren zu können, zum Beispiel nach Saudi-Arabien oder Katar.

So weit der Plan. Und für dessen Umsetzung haben die Syrer nach eigenen Angaben schon mehr als 45.000 Euro – zum Teil von Freunden und Verwandten geliehen – ausgegeben. Worauf sie allerdings nicht vorbereitet waren: die bürokratischen Hürden. Von denen zeigt sich auch Georg Wengert, der als Vertreter der „Adler“-Eigentümerin auftritt, überrascht.

Khaled Khalaf, Yazid Al Enada mit Georg Wengert (von links), der als Vertreter der Eigentümerin auftritt. Nachdem die Syrer zwei Monate lang das Gelände nahe des „Adler“ freigeräumt und umzäunt haben, ist ein idyllischer Weideplatz entstanden.
Khaled Khalaf, Yazid Al Enada mit Georg Wengert (von links), der als Vertreter der Eigentümerin auftritt. Nachdem die Syrer zwei Monate lang das Gelände nahe des „Adler“ freigeräumt und umzäunt haben, ist ein idyllischer Weideplatz entstanden. | Bild: Tesche, Sabine

„Seit die Familie und ihre Ziegen eingezogen sind, geben sich die Behördenvertreter im „Adler“ ein Stelldichein: die Gewerbeaufsicht, das Baurechtsamt, das Denkmalschutzamt, die Brandschutzbehörde, der Schornsteinfeger, die Gemeinde Gottmadingen...“, berichtet Wengert. „Alle haben etwas auszusetzen.“

Zum Warten gezwungen

So habe die Familie vor kurzem beide Kühlräume mit teuren Fliesen ausgelegt und Kühlanlagen erworben. „Nun wäre alles betriebsfertig, aber der TÜV gibt auf Anweisung des Landratsamtes den Gasanschluss nicht frei. Es kommt einfach immer etwas Neues.“ Wengert sieht das Käserei-Projekt als Musterbeispiel für Integration, dem bewusst Steine in den Weg gelegt werden. „Ich wünsche mir, dass der Flüchtlingsfamilie Zeit eingeräumt wird.“

Die Produktionsräume haben Khaled Khalaf und Yazid Al Enada nach Vorschrift der Behörden fliesen lassen. Die Gerätschaften, die hier aufgebaut sind, dürfen sie bislang nicht nutzen.
Die Produktionsräume haben Khaled Khalaf und Yazid Al Enada nach Vorschrift der Behörden fliesen lassen. Die Gerätschaften, die hier aufgebaut sind, dürfen sie bislang nicht nutzen. | Bild: Tesche, Sabine

Auch Gottmadingens Bürgermeister Michael Klinger betont: „Mir tun die Syrer unheimlich leid. Was sie vorhaben ist ja wirklich gut.“ Aus Klingers Sicht ist das heruntergekommene Landgasthaus in seinem jetzigen Zustand aber vermutlich nicht als Käserei geeignet. Bösen Willen will Klinger den Ämtern nicht unterstellen.

„Herr Wengert wirft den Behörden Ausländerfeindlichkeit vor. Das kann man so nicht stehen lassen. Ausländerfeindlich handelt, wer jemanden aufgrund seiner Herkunft anders behandelt. Das ist hier nicht gegeben“, sagt der Gottmadinger Bürgermeister.

Gleiche Regeln für alle

„Egal, ob Syrer, Badner oder Schwabe: Bevor man anfängt, loszubauen, braucht jeder eine Baugenehmigung.“ Klinger hofft darauf, dass Georg Wengert die Familie bei dem Erstellen von Anträgen unterstützt. Schließlich ließen sich Nutzungsänderungen nur zusammen mit dem Eigentümer einer Immobilie umsetzen.

Das könnte Sie auch interessieren

Viel Zeit bleibt nicht mehr. Schon jetzt sind Yazid Al Enada und Khaled Khalaf gezwungen, täglich 200 Liter Ziegenmilch zu entsorgen. Weitaus schlimmer wäre für die beiden aber, wenn sie ihren Traum von einer eigenen Käserei in Randegg endgültig begraben müssten.

Kein Verständnis für das Verhalten der Eigentümerin: Das Landratsamt bezieht Position

Das Landratsamt Konstanz antwortet schriftlich auf die Fragen des SÜDKURIER.

Schon früher wurde der „Adler“ landwirtschaftlich genutzt, warum gibt es erst jetzt Beanstandungen?

Die Unterbringung einer Vielzahl von Personen und die gewerbsmäßige Produktion von Ziegenmilch mit intensiver Ziegenhaltung, bedarf einer baurechtlichen Genehmigung. Es handelt sich im Verhältnis zu der ursprünglich ausgeübten Nutzung als Gaststätte mit Landwirtschaft um eine andersartige Nutzung, die weitergehenden rechtlichen Anforderungen unterliegt. Das Bauantragsverfahren dient dazu, die Übereinstimmung der nunmehr ausgeübten Nutzung mit den baurechtlichen Vorschriften und damit die Zulässigkeit der aktuellen Nutzung zu überprüfen.

Verletzt das Landratsamt seine Fürsorgepflicht für die Flüchtlingsfamilie, indem es verhindert, dass sie sich eine Lebensgrundlage aufbauen kann?

Das Landratsamt nimmt seinen gesetzlichen Auftrag wahr und prüft die Zulässigkeit der erfolgten Nutzungsänderung. Adressat der baurechtlichen Anordnung ist die Eigentümerin, nicht die Flüchtlingsfamilie. Weshalb sich die Eigentümerin weigert, die erforderlichen Antragsunterlagen einzureichen, erschließt sich dem Landratsamt nicht.

Wäre es denkbar, dass Familie Al Enada in die Produktion einsteigt und sich nach und nach der Umsetzung der Vorschriften annimmt?

Erst wenn die Frage der bauplanungsrechtlichen Zulässigkeit der Nutzungsänderung geklärt ist, wird sich gegebenenfalls zeigen, welche Anforderungen zu stellen und umsetzen sind. Im Übrigen wurde öffentlich-rechtlich die Eigentümerin verpflichtet, die erforderlichen Antragsunterlagen vorzulegen. Die Eigentümerin hat aber privatrechtlich mit der syrischen Flüchtlingsfamilie vereinbart, dass diese als Pächterin selbst für die erforderlichen Genehmigungen zu sorgen hat. Insofern „entledigt“ sich die Eigentümerin ihrer öffentlich-rechtlichen Verpflichtungen, indem sie diese vertraglich auf die Pächter abgewälzt hat. Hätte die Eigentümerin ein ernsthaftes Interesse an der Unterstützung der Flüchtlingsfamilie, würde sie die notwendigen Unterlagen zeitnah einreichen und die Kostentragung später mit den Pächtern klären. Das finanzielle Risiko müsste dann nicht von der Familie getragen werden.

Wäre das Landratsamt bereit, der Familie eine passendere Bleibe anzubieten?

Das Landratsamt Konstanz hat die aktuelle Nutzung bisher nicht untersagt, sodass derzeit keine Alternativen gesucht werden müssen.

Jetzt wieder verfügbar: die Digitale Zeitung mit dem neuen iPad und 0 €* Zuzahlung

*SÜDKURIER Digital inkl. Digitaler Zeitung und unbegrenztem Zugang zu allen Inhalten und Services auf SÜDKURIER Online für 34,99 €/Monat und ein iPad 10,2“ (32 GB, WiFi) für 0 €. Mindestlaufzeit 24 Monate. Das Angebot ist gültig bis zum 12.07.2020 und gilt nur, solange der Vorrat reicht. Ein Angebot der SÜDKURIER GmbH, Medienhaus, Max-Stromeyer-Straße 178, 78467 Konstanz.