Simon Ruh freut sich über Besucher. „Wer sich dafür interessiert, kann immer gerne in meinen Stall schauen“, sagt der junge Mann. Gerade Familien mit Kindern nehmen dieses Angebot gerne an und werfen einen Blick auf die 1500 bis 2000 Legehennen, die sich auf dem Geflügelhof am Ortsausgang von Gottmadingen tummeln.

„Was mich dabei aber oft erschreckt: wie wenig Ahnung von Landwirtschaft bei den Leuten vorhanden ist“, berichtet Ruh. Gerade die Kleinsten seien zum Teil überrascht zu erfahren, dass Eier nicht im Supermarkt wachsen, erzählt der Landwirt und schmunzelt.

Im eigenen Garten lernen

„Dass hinter jedem Ei ein Lebewesen steckt, ist vielen nicht bewusst“, glaubt er. Und weil er genau dieses Wissen praktisch vermitteln möchte, hat Simon Ruh im vergangenen Jahr ein auf den ersten Blick etwas kurioses Projekt gestartet: „Miet (d)ein Huhn„.

Mindestens eine und maximal acht Wochen am Stück können Kunden zwischen April und Winter fünf Hennen des Geflügelhofs mieten. Alles, was es dazu braucht, sind 20 bis 25 Quadratmeter Platz im eigenen Garten. Simon Ruh liefert den Stall, einen Futter- und Wasserautomaten, ein Sandbad sowie einen individuell anpassbaren Zaun mit. Das alles baut er bei der Hühner-Übergabe, falls gewünscht, auch selbst auf.

In dem kleinen Stall gibt es auch ein Legenest, in dem sich das Huhn sichtlich wohlfühlt. Tagsüber sollen sich die Tiere aber im Freien austoben.
In dem kleinen Stall gibt es auch ein Legenest, in dem sich das Huhn sichtlich wohlfühlt. Tagsüber sollen sich die Tiere aber im Freien austoben. | Bild: Bittlingmaier, Albert

Wie er die Hühner für den Außeneinsatz auswählt? „Unsere Hennen sind an mich gewöhnt und zahm“, sagt er. „Normalerweise laufe ich einfach durch den Stall und nehme die Tiere, die mich am neugierigsten anschauen.“

Damit die Kunden die Tiere auseinander halten können, achte er zudem darauf, dass sich die fünf Hennen gut optisch voneinander unterscheiden lassen. „Im Moment vermieten wir vier Hühnergruppen gleichzeitig. Die Nachfrage ist groß, jede Woche erreichen mich neue Anfragen.“

Warme Eier statt kalter Theorie

Pflegeheime, Kindergärten und Schulen hätten bereits Interesse signalisiert, die meisten Mieter sind bis jetzt aber Privatpersonen. „90 Prozent von ihnen junge Familien“, berichtet Simon Ruh. Das freut ihn.

Denn: „Es ist etwas anderes, ob ich den Kindern ein paar Minuten im Stall etwas erzähle oder ob sie die Hühner wirklich bei sich zuhause haben und morgens die warmen Eier aus den Nestern holen können“, ist er überzeugt. Nicht nur das: „Man ist auf einmal für fünf Lebewesen verantwortlich, die man schützen muss. Zum Beispiel vor der Gefahr durch den Marder“, schildert Ruh.

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Den Arbeitsaufwand, den seine Miet-Hühner mit sich bringen, schätzt der Landwirt auf täglich 15 Minuten. „Vor allem morgens machen sie Rabatz“, sagt er und lacht. Es gelte dann zunächst, die Eier zu holen, die Hühner aus dem Stall zu lassen und diesen zu reinigen. „80 Prozent ihres Kots hinterlassen die Tiere in der Nacht. Man muss den Stall deshalb mit Zeitungspapier auslegen und morgens alles entfernen.“

Hühner hinterlassen Spuren

Und im Garten selbst? Müssen Mieter damit rechnen, dass die Gottmadinger Hennen ihren Rasen in eine Wüste verwandeln? „Nein“, sagt Simon Ruh. „Aber man sieht natürlich, dass jemand da war. Hühner scharen den ganzen Tag. Wenn man sie vier Wochen lang im Garten hat, können da auch Löcher entstehen.“

Wie das Zusammenleben mit Legehennen konkret abläuft, muss aber jeder Mieter selbst herausfinden. Gerade die Neugier seiner Kunden ist bei Ruh gut für das Geschäft: „Viele nutzen unser Angebot, weil sie erst einmal ausprobieren möchten, wie es ist, Hühner zu halten“, erklärt er.

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Inspiration aus Hessen

Überhaupt: Dass „Miet (d)ein Huhn„ ankommt, ist kein Zufall. Auf die Idee, seine Tiere gegen Geld zu verleihen, ist Ruh nämlich gekommen, nachdem er einen Beitrag über einen hessischen Landwirt gesehen hatte, der mit einem ähnlichen Konzept erfolgreich ist. „Ich fand das genial“, erinnert er sich. Der hessische Vorreiter in Sachen Hühnervermietung sei deutschlandweit unterwegs und könne inzwischen davon leben, erzählt der Gottmadinger.

In diesen Dimensionen denkt Simon Ruh nicht. Aber auch er hat schon längere Distanzen zurückgelegt, um seine Hennen an den Mann zu bringen. „Die meisten Kunden hatten wir letztes Jahr in Gottmadingen, aber inzwischen habe ich auch schon Hennen nach Konstanz und Balingen vermietet.“ Ab 20 Transportkilometer würde er ein Fahrtgeld berechnen, berichtet er.

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Generell ist der Profitgedanke für den jungen Mann aber untergeordneter Natur. „Es geht mir darum, das Bewusstsein für regionale Lebensmittel zu wecken“, erklärt Simon Ruh. „Eier sollten keine Ramschprodukte sein.“ Und vor allen Dingen wachsen sie nicht in Supermarktregalen...

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