Neun Flugstunden liegen zwischen Alberta und Zürich; acht Stunden Zeitverschiebung zwischen Calgary und Singen. Wenn Jochen Fahr seine Ebringer Familie aus Turner Valley um 17.30 Uhr anruft, dann ist bei ihm in Kanada der Arbeitstag um 8.30 Uhr noch jung. In jüngster Zeit hatte Jochen Fahr viele Gründe, seine Familie im Hegau zu kontaktieren. Der 39-Jährige erlebt in der Ferne eine beispiellose Erfolgsserie, die sehr viel mit seinen Wurzeln im Hegau zu tun hat. Seit Neuestem darf sich Jochen Fahr nicht nur als bester Bierbrauer Kanadas bezeichnen; in London holte er im Blindtest mit seiner kleinen Brauerei den World-Beer-Award für das weltbeste Weizenbier. Ein Preis, der bisher regelmäßig von den großen traditionellen Brauereien in Deutschland kassiert wurde.

Traumkarriere in Kanada: Vom Tellerwäscher zum Weltmeister

Spricht man mit Jochen Fahr, so fühlt man sich ein bisschen an die traumhaften Tellerwäscher-Karrieren aus dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten erinnert. Oder an die Gründung von Wirtschaftsimperien in Garagen. Bekanntestes Beispiel ist der Apple-Gründer Steve Jobs. Bei Jochen Fahr geht es jedoch nicht um Computer, sondern um den Erfolgszug eines Lebensmittels. Wenn er erzählt, wie er in der Küche seiner Studentenwohnung neben seiner damaligen Freundin und heutigen Ehefrau Heather mit zwei großen Töpfen hantierte, um sein eigenes Bier zu brauen, klingt er so, als könne er es selber noch nicht richtig glauben.

Diese Hefeweizen stammt nicht aus Bayern, sondern aus Kanada. Der Gottmadinger Auswanderer Jochen Fahr hat mit ihm den World-Beer-Award in London gewonnen. Auch seine anderen Biere sind alle preisgekrönt.
Diese Hefeweizen stammt nicht aus Bayern, sondern aus Kanada. Der Gottmadinger Auswanderer Jochen Fahr hat mit ihm den World-Beer-Award in London gewonnen. Auch seine anderen Biere sind alle preisgekrönt. | Bild: Brent Calver

Importbier war ihm nicht frisch genug – also braut er selbst

„Die Importbiere haben mir einfach nicht geschmeckt, weil sie nach der langen Reise von Europa bis nach Kanada nicht mehr frisch waren“, begründet er seine ersten Versuche. „Erdinger Weißbier und Schneider Weiße kriegt man hier. Aber die schmecken nicht mehr so gut, wenn sie ein halbes Jahr alt sind.“ Also begann Jochen Fahr mit zwei Gärtöpfen so groß wie Eimern und einem Camping-Cooler in der heimischen Küche zu experimentieren.

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„Die Hobby-Brauerei funktioniert genauso wie eine große Brauerei“, sagt er und erklärt das Grundrezept. „Malz und Wasser werden gekocht und dann gesiebt. Das ergibt die Würze. In einem zweiten Topf wird Hopfen gekocht und wieder runtergekühlt. Dann kommt beides in den Gärbottich mit Hefe. Daraus entsteht das Bier. Das ist wie beim Kochen.“

Bier gehörte immer zur Familie

Was sich so einfach anhört, basiert in Wirklichkeit auf jahrelanger Erfahrung und nicht zuletzt auch ein bisschen auf Familiengeschichte. Schon als Kind war Jochen Fahr von Bier umgeben. „Mein Vater war Disponent bei der Gottmadinger Brauerei Bilger und später bei Fürstenberg“, erzählt er. „Unter meinen Freunden in Kanada kursiert der Witz, dass ich in Deutschland gebraut wurde.“

Zur Einweihung der Brauerei kamen die Eltern von Jochen Fahr (rechts mit Sohn Max) zu Besuch nach Kanada. Vater Walter war mächtig stolz auf das Werk des Jungunternehmers.
Zur Einweihung der Brauerei kamen die Eltern von Jochen Fahr (rechts mit Sohn Max) zu Besuch nach Kanada. Vater Walter war mächtig stolz auf das Werk des Jungunternehmers. | Bild: fahr brauerei

Für den Doktor ins Ausland

Ursprünglich kam Jochen Fahr nach Kanada, um dort im Biomedizin-Ingenieurwesen zu promovieren. Seine Doktorarbeit beschäftigte sich mit Prozessen in der Stammzellenforschung. Das sollte ihm später beim Bierbrauen helfen. „Ob ich mit Stammzellen oder mit Hefen arbeite: die Stoffwechselprozesse sind die gleichen“, sagt er. Nicht gleich sind die Zutaten für seine Biere. Zwar gebe es bis zu 300 Hopfensorten in Kanada. Den Hopfen für seine Biere bezieht Jochen Fahr jedoch aus der alten Heimat.

Der Rohstoff wird in Tettnang und Hallertau am Bodensee angebaut, nach der Ernte getrocknet, gemahlen und in Pellets gepresst. In Fünf-Kilo-Paketen wird der Hopfen dann nach Kanada verschifft. Der Hopfen verleiht dem Bier das spezielle blumige Aroma. Das unterscheide die Fahr-Biere von dem herberen Geschmack des typischen India pale Ale in Kanada. Auch beim Malz, der gekeimten und gerösteten Gerste, ist die Variationsbreite groß.

Hochziits-Beer wird zum Renner

Schon als Hobby-Brauer hat Jochen Fahr an Wettbewerben teilgenommen und Preise in Kanada gewonnen. Bei seiner Hochzeit mit seiner Frau Heather gab es keinen Sekt, sondern Selbstgebrautes. Sein Hochziits-Beer wurde als Marke ein Renner. Vor drei Jahren eröffnete Jochen Fahr in Turner Valley, Alberta, seine eigene, hochmoderne Brauerei. Von der Stammzellenforschung hatte er sich da längst verabschiedet. Doch die Prozesse sind ihm beim Brauen hilfreich. Der Doktor-Titel half ihm bei der Finanzierung.

Der Bierbrauer Jochen Fahr mit Ehefrau Heather und Sohn Max hat in Kanada jede Menge Preise für seine Biere gewonnen. Jetzt kam noch der World Beer Award für das weltbeste Hefeweizen dazu.
Der Bierbrauer Jochen Fahr mit Ehefrau Heather und Sohn Max hat in Kanada jede Menge Preise für seine Biere gewonnen. Jetzt kam noch der World Beer Award für das weltbeste Hefeweizen dazu. | Bild: privat

Der Betrieb, anfangs nur mit zwei Mitarbeitern betrieben, ist aufgrund der starken Nachfrage gewachsen. Seine Biere sind in Kanada die einzigen, die nach dem deutschem Reinheitsgebot gebraut werden. Fahr legt bei seinem Betrieb Wert auf Nachhaltigkeit. Das gilt für die Wasseraufbereitung wie für die Verwertung des Trebers (das sind die Reste des Braumalzes), der als Viehfutter für die Kühe des Nachbarn dient.

Andere Gewohnheiten: Bier lieber in Dosen

An Glasflaschen können sich die Kanadier hingegen nicht gewöhnen. Im Land der Aluminium-Produkte wollen sie Aluminiumdosen, die sie leicht entsorgen und wieder aufbereiten können. Nicht nur der Slogan „Deutsches Bier in Alberta gebraut“ scheint den Kanadiern zu gefallen. Es muss auch der Geschmack sein, der nach Fahrs Angaben etwas Ähnlichkeit mit dem Rothaus-Bier aus dem Schwarzwald hat. Derzeit produziert er 4000 Hektoliter Bier pro Jahr. Jetzt möchte er seine Kapazität verdreifachen. Zuerst kam Corona, das den Durst auf ein Feierabendbier zu Hause erhöht hat; dann kamen die Auszeichnungen dazu, die die Nachfrage weiter angekurbelt haben.

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Mit einem Koffer voller Bier nach Deutschland

Wenn Jochen Fahr seine Familie in Ebringen besucht, hat er immer einen Koffer voller Fahr-Biere dabei. Sein Vater kann sie nicht mehr verkosten, weil er schon gestorben ist. „Aber er war extrem stolz, als er gesehen hat, was ich hier in Kanada aufgebaut habe“, erzählt der preisgekrönte Brauer. In Deutschland kann man die Biere nicht kaufen. Vermutlich würden sie hier genauso wenig schmecken wie die deutschen Importbiere in Kanada. Der Transportweg ist ja nicht kürzer.

Der Gottmadinger Auswanderer Jochen Fahr hat gerade den World-Beer-Award für sein kanadisches Hefeweizen gewonnen. Hier schaut in der Produktion in den Läuterbottich, wo die festen Bestandteile (Treber) aus der Maische abgetrennt werden. Danach läuft die klare Würze zurück in die Pfanne.
Der Gottmadinger Auswanderer Jochen Fahr hat gerade den World-Beer-Award für sein kanadisches Hefeweizen gewonnen. Hier schaut in der Produktion in den Läuterbottich, wo die festen Bestandteile (Treber) aus der Maische abgetrennt werden. Danach läuft die klare Würze zurück in die Pfanne. | Bild: Fahr-Brewery
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