Der einst so vielversprechende Traum wird für Yazid Al Eyada immer mehr zum Albtraum: Nachdem die Großfamilie im einstigen Landgasthof „Adler“ in Randegg nicht so einfach eine Käserei einrichten kann und dadurch wichtige Einnahmen fehlen, flatterte nun auch noch die Kündigung des Verpächters ins Haus. Bis Ende Oktober soll die Großfamilie ausziehen. Als Grund nennt Georg Wengert als Vertreter der Eigentümerin, dass das Risiko für die Verpächter zu hoch sei. Das ist ein weiterer Schlag für die syrische Familie, die dann mit 23 Menschen und rund 120 Ziegen auf der Straße stehen würde. „Wir wissen nicht, wie es weiter geht“, sagt Yazid Al Eyada. Einen Unterstützer hofft die Familie mit Arthur Müller gefunden zu haben: Der Gründer der ACA Müller ADAG Pharma AG macht der Familie neue Hoffnung und sucht Investoren.

Investitionen lohnen sich für Eigentümerin nicht

Georg Wengert sieht ein Muster-Integrationsprojekt im „Adler“ gescheitert. Die syrische Großfamilie um Jazid Al Eyada wollte dort Ziegen halten und Produkte aus deren Milch verkaufen. „Man muss den Leuten eine Gelegenheit geben, zu arbeiten“, findet Wengert. Daher habe die von ihm vertretene Eigentümerin den einstigen Landgasthof an die Familie verpachtet. Doch das Landratsamt forderte im Dezember 2019 einen Antrag zur Nutzungsänderung, weil das einstige Gasthaus nun dauerhaft für Wohnen und Arbeiten genutzt wird. Das Gebäude stehe unter Denkmalschutz, auch der Brandschutz sei ein Thema.

Georg Wengert (links) vor wenigen Wochen mit der syrischen Familie auf dem Landgasthof „Adler“.
Georg Wengert (links) vor wenigen Wochen mit der syrischen Familie auf dem Landgasthof „Adler“. | Bild: Tesche, Sabine

Doch Georg Wengert fürchtet große Investitionen: Es gebe keine Pläne mehr für das Haus – allein diese zu erstellen würde bis zu 10.000 Euro kosten. „Wir haben von Anfang an erklärt, dass wir das nicht machen werden. Das ist so kostenintensiv, dass es sich für dieses Gebäude nicht lohnt.“

Pachtvertrag wurde aus zwei Gründen gekündigt

Den Pachtvertrag haben Wengerts bereits Ende Juli gekündigt: Wegen einzuhaltender öffentlich-rechtlicher Vorschriften, wie es in dem Schreiben heißt. „Die Verpächter des „Adler“ sehen sich in jeder Hinsicht außerstande, dieses Risiko für das Leben und die Gesundheit der syrischen Flüchtlinge zu tragen.“ Außerdem hätten die Pächter ihre Verpflichtungen nicht erfüllt: Inzwischen warte er auf Pachtzahlungen in fünfstelliger Höhe, sagt Wengert. „Für mich ist das ein ganz, ganz miserables Geschäft.“ Er bezweifle inzwischen auch, dass das Geschäftsmodell der Syrer realistisch ist: Der Schornsteinfeger habe sich geweigert, die Geräte ans Gasnetz anzuschließen, und einige Tiere seien inzwischen sehr abgemagert.

Trotzdem sehe er die Not der Syrer und sei ihnen freundschaftlich verbunden – weshalb es ihm auch so leid tue, den Vertrag nun zu kündigen, betont Wengert. Yazid Al Eyada widerspricht den Vorwürfen: Die Pacht habe er lediglich gestundet. Denn bis zur erfolgreichen Nutzungsänderung fehle das Geld, um die volle Pacht zu zahlen.

Yazid Al Eyada erklärt die aktuelle Notsituation der Familie. Wenn sie von den Problemen gewusst hätten, wären sie nach seiner Aussage nie nach Randegg gezogen.
Yazid Al Eyada erklärt die aktuelle Notsituation der Familie. Wenn sie von den Problemen gewusst hätten, wären sie nach seiner Aussage nie nach Randegg gezogen. | Bild: Tesche, Sabine

Syrische Familie will Pacht stunden – denn die geplanten Einnahmen fehlen

Jeden Tag müsse der Ziegenhalter 200 Liter Milch wegschütten. Das entspreche einem Verlust von 6000 Euro pro Monat – und das obwohl die Fixkosten etwa fürs Tierfutter bleiben. Daher zahle er seit Januar keine Pacht und habe mit Georg Wengert besprochen: Statt 1600 Euro will er künftig 2500 Euro Miete zahlen, bis die Schulden getilgt sind. „Doch wir können das Problem nicht lösen“, sagt Al Eyada. Sie hätten das alte Haus mit seinen vielen Problemen als Chance gesehen und beispielsweise haufenweise Müll vom Gelände entfernt. Doch ihr Engagement sei nun an Grenzen gekommen.

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Können oder wollen die Behörden nicht helfen? Bürgermeister und Landratsamt erklären

Georg Wengert hätte sich Hilfe von Behörden gewünscht, doch die sei trotz mehrerer Anfragen nicht in Sicht. „Von öffentlicher Seite haben wir nur Ablehnung und Widerstand erfahren“, sagt Wengert. In seinen Augen sollten Ämter die Flüchtlinge an die Hand nehmen: „Ohne eine solche Zuwendung wird eine sinnvolle Integration nie funktionieren“, ist er überzeugt. Diese Form von Beratung können Behörden aber nicht leisten, erklärt Gottmadingens Bürgermeister Michael Klinger: „Mir tun die Syrer unendlich Leid, doch das Führen durch den Paragrafen-Dschungel von Baurecht, Denkmalschutz und Betriebsgenehmigung für Käseproduktion ist jenseits der Möglichkeiten von Integrationsarbeit.“

Der Flüchtlingsbeauftragte der Gemeinde sei vollauf damit gefordert, 200 Flüchtlingen bei Themen wie Kindergarten, Deutschkurs und Arbeitssuche zu helfen. Für ein Projekt wie die geplante Käserei habe die Gemeinde weder Kapazitäten noch das nötige Wissen. „Jeder deutsche Unternehmer muss sich dafür auch einen Architekten nehmen.“

Das Landratsamt erklärt, dass die syrische Familie die üblichen Unterstützungsangebote im Rahmen des Integrationsmanagements erhalten habe: Dabei gehe es vorrangig um Hilfe zur Selbsthilfe und Hilfe etwa bei der Arbeits- und Ausbildungssuche. Im Fall der geplanten Käserei würde sie, wie jeder andere Bürger auch, bei Anfragen bei einem Fachamt die nötigen Informationen erhalten. Und wenn ein anderes Fachamt involviert sei, werde darauf verwiesen.

Trotz Zwangsgeld noch kein Antrag auf Nutzungsänderung

Wenn die syrische Großfamilie tatsächlich obdachlos werden würde, wäre die Gemeinde für eine Not-Unterbringung zuständig. „Wir werden wie bei jedem anderen nicht zusehen, wie die Familie auf der Straße landet“, sagt Klinger. Doch der Bürgermeister sieht Versäumnisse bei der Eigentümerin: Es liege auf der Hand, dass in das alte Gebäude investiert werden müsse, bevor eine vernünftige Nutzung möglich sei. Das Landratsamt äußert sich ähnlich: Die Eigentümerin sie für ihre Immobilie verantwortlich – einschließlich der schon lange überfälligen Nutzungsänderung und darauf folgenden Maßnahmen zu Brand- und Denkmalschutz. „Zunächst ging es allein um die Vorlage von prüffähigen Bauantragsunterlagen“, sagt Pressesprecherin Marlene Pellhammer. Inzwischen wurde bereits ein Zwangsgeld eingezogen.

Bild: Tesche, Sabine

Und was wird aus der Familie? Sie dachte, sie habe alles abgeklärt

Bleiben 23 Menschen und rund 120 Ziegen, die eine neue Heimat suchen. „Wenn im Januar 2019 klar gewesen wäre, dass wir hier nicht wohnen und arbeiten dürfen, wären wir nicht hierher gezogen“, sagt Yazid Al Eyada. „Wir waren einen Monat nach unserem Einzug beim Veterinäramt und sie hatten nichts dagegen“, sagt Yazid Al Eyada. Das Landratsamt erklärt aber auf Nachfrage, damals sei es nur um über die grundsätzlichen Vorgaben zur Milchziegenhaltung gegangen – und es habe erhebliche Sprachbarrieren gegeben. Spätestens im August 2019 wurden laut Landratsamt Hindernisse klar: Bei einer ersten Kontrolle des Veterinäramts sei die Familie darauf hingewiesen worden, dass es sich mit dem Bauamt in Verbindung setzen müsse, um die baulichen Voraussetzungen abzuklären.

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Für den Sprecher der Großfamilie ist die Zukunft schwer greifbar. Bevor die Familie in Randegg ein gemeinsames Heim fand, wohnte sie in verschiedenen Wohnungen im Hegau verteilt. Das wäre auch künftig denkbar: Fünf Wohnungen braucht die Familie dann. Was dann aus den Ziegen würde, ist unklar. Deshalb wäre ihnen ein anderer moderner Hof, auf dem sie ihre Käserei umsetzen können, lieber. Doch ein großer Teil der Investitionen wäre vermutlich dahin: „Unsere Geräte könnten wir mitnehmen, aber die Fliesen und Leitungen nicht“, sagt Yazid Al Eyada.

Mit einem Geschäftspartner wollte Yazid Al Eyada eigene Ziegenmilch-Produkte erzeugen. Der Raum wäre soweit fertig, doch die Erlaubnis fehlt.
Mit einem Geschäftspartner wollte Yazid Al Eyada eigene Ziegenmilch-Produkte erzeugen. Der Raum wäre soweit fertig, doch die Erlaubnis fehlt. | Bild: Tesche, Sabine
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Neue und alte Pläne für das Gelände

  • Eine GmbH: Arthur Müller sieht als Unterstützer der Familie eine große Zukunft am bisherigen Standort: „Das wird ein Schwerpunkt für Produkte aus Ziegenmilch werden“, meint er. Dafür würde er mit der Familie ein Start-Up gründen und Fördermittel beantragen. Per Zeitungsanzeige sucht er nach Investoren und verspricht eine Rendite von acht Prozent. Die Familie habe einen Fünf-Jahres-Vertrag für den einstigen Landgasthof abgeschlossen, daran wolle man festhalten. Arthur Müller ist überzeugt, dass Wengert der Familie wegen der Corona-Pandemie nicht hätte kündigen dürfen. Außerdem sieht der einstige Pharma-Händler nicht ein, warum es eine Nutzungsänderung und besondere Vorschriften brauchen soll: „Das Landratsamt ist hier auf dem Holzweg.“ Das solle nun auch mit rechtlichen Mitteln geprüft werden: Ein Rechtsanwalt soll die Belange der Familie gegenüber Eigentümerin und Landratsamt vertreten.
    Arthur Müller, bekannt als Gründer der ACA Müller ADAG Pharma AG, hat seine Unterstützung zugesagt. Er findet, das Landratsamt sei auf einem Holzweg.
    Arthur Müller, bekannt als Gründer der ACA Müller ADAG Pharma AG, hat seine Unterstützung zugesagt. Er findet, das Landratsamt sei auf einem Holzweg. | Bild: Tesche, Sabine
  • Denkmalschutz: Das Landratsamt Konstanz erklärt auf Nachfrage, warum das Gebäude eigentlich unter Denkmalschutz steht. 1976 wurde die Denkmaleigenschaft erstmals amtlich. Bei dem zweigeschossigen Gebäude aus dem Jahr 1921 mit Gasthaus, Wohnteil und Ökonomie sei Folgendes denkmalschutzrechtlich bedeutsam: „die noch in alter Form vorhandenen Sprossenfenster, der über dem Gast- und Wohnteil stehenden Gaupen mit Walmdächern, die mit Holzschildern verkleideten Backen und das alte Vorsteh-Wirtshausschild in Form eine Schmiedearbeit mit vergoldetem Doppeladler.“

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