1986 lebte ich in einer Wohngemeinschaft mit einem chinesischen Paar. Das einzige Kind war bei der Oma in Peking geblieben – als Staatsgeisel und Garantie dafür, dass die Eltern wieder zurückkamen. Diese Panik, als die junge Frau meinte, schwanger zu sein. China hatte damals eine rigorose Ein-Kind-Politik. Ich selbst hatte damals das Thema Familiengründung noch nicht auf dem Zettel. Trotzdem war es mein Traum, mit spätestens 27 Jahren Mutter zu werden, und zwar berufstätige Mutter. Es sollte ein Alptraum werden.

Ulrike Blatter grillt gerne – aber was bloß?
Ulrike Blatter grillt gerne – aber was bloß? | Bild: Picasa

Freunde und Kolleginnen nannten mich verantwortungslos: „Wie kannst du nur in diese Welt ein Kind setzen!“ Als würde man das Baby an einem Autobahnparkplatz im Mülleimer deponieren. Klar, wir waren in ständiger Angst vor dem Atomkrieg großgezogen worden und hatten auf dem Balkan einen Krieg direkt vor der europäischen Haustür. Hausgemachten Terrorismus gab es auch in Europa. Umweltverschmutzung war ein Riesenthema, die Kinder hatten Krupphusten und die Wälder waren todkrank.

Aus Umweltgründen hat niemand auf einen einzigen Flug verzichtet

Außerdem war die Welt komplett überbevölkert – warum also eigene Kinder? Das erschien vielen als egoistisches Lifestyleprojekt. Oder man war zu blöd, um zu verhüten. Aber aus Gründen des Umweltschutzes hat meine Generation auf keinen einzigen Flug nach Mallorca, auf die Malediven oder nach New York verzichtet. Und Bahnfahren galt als piefig – auch für die Kurzstrecke nahm man das Flugzeug. Shoppen in London und abends wieder zurück nach Berlin? War doch billig!

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Aber immer, wenn ich das Projekt eigenes Kind ansprach, fielen auch diese Sätze: „Du wirfst dein Leben fort! Wofür hast du denn so lange studiert?“ Auch nur der leiseste Kinderwunsch war damals in Bewerbungsgesprächen ein absolutes No-Go. Schwangere Kolleginnen wurden gemobbt und eine Rückkehr in Teilzeit war faktisch unmöglich. Ich schaute mich um im Kreis von Kolleginnen und Kollegen und war umgeben von Nicht-Eltern. Und als mein Mann als frischgebackener Vater einen halben (!) Tag pro Woche im Homeoffice beantragte, wurde dies abgeschmettert mit dem Argument, man wolle kein schlechtes Beispiel schaffen.

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Hätte es damals schon Internet gegeben, die Bewegung #proparents hätte ich vermutlich mitgegründet. Nein, hätte ich nicht. Übermüdung, Burnout, das Gefühl auf der falschen Seite der Gesellschaft zu stehen und eine Last zu sein, blockierten damals jegliches Engagement. So schräg es klingt: Als Mutter war ich in meiner Generation eine diskriminierte Minderheit. Heute haben wir den Salat: Die Altersgruppe der 18- bis 25-Jährigen ist eine statistisch vernachlässigbare Minderheit. Wir Alten sind viele. Wir dominieren die Politik, setzen die Wahlkampfthemen und vermurksen den Jungen die Zukunft. Endet dieser Alptraum eigentlich nie?