Auf Reisen durch Osteuropa habe ich mich manchmal geschämt, denn Deutschland ist in puncto Digitalisierung ziemlich rückständig. Rupert Metzler, Fachmann für kommunale Digitalisierung, erklärt, dass gesellschaftliche Umwälzungen im Osten den technischen Neustart erleichterten. In Deutschland hätten wir halt gewachsene Strukturen. Wobei er vermutlich verkrustete Strukturen meint. In der EU liegt Deutschland beim digitalen Wirtschaftsindex auf Platz 12. Nicht toll, aber immerhin.

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Bei der Digitalisierung von Verwaltungsabläufen dümpeln wir jedoch auf einem völlig indiskutablem Platz 27. An der Konnektivität kann es nicht liegen, denn da mischt Deutschland ziemlich weit oben mit. In den letzten Monaten unterhielt ich mich oft mit Schul- und Verwaltungspersonal – und war fassungslos Bei keinem einzigen, wirklich, bei keinem einzigen Gespräch, stieß ich mit dem Begriff „Digitalisierung“ auf Begeisterung. Menschen, die Kommunen verwalten, tun sich schwer, den Aufbau der eigenen Homepage zu verstehen und Lehrer schwadronieren dumpf von den „Gefahren des Internets“. Halt, Stopp – den LehrerInnen tue ich Unrecht: Ich habe einige getroffen, die ausgefuchste Konzepte entwickelt hatten. Und dann von Schulbehörden ausgebremst wurden, nachmittags ihre Runden machten und kopierte Arbeitsblätter in die Briefkästen ihrer Schüler stopften. Ja Himmeldonnerwetter nochmal – warum erdulden wir denn diese Einschränkungen? Um den Schwächeren zu helfen. Und wer sind die Schwächeren? Alte Menschen und Kinder. Aber haben Sie mal versucht, einen Impftermin für ihre über 80-jährigen Eltern zu bekommen – vorausgesetzt die Herrschaften leben noch nicht im Heim? Kleiner Tipp: Versuchen Sie es erst in zwei Wochen. Frühestens. Und am besten nicht online, sondern telefonisch.

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Liebe Verantwortliche, digitaler Analphabetismus und Ignoranz wird ganz konkret Leben kosten: die von alten Menschen, die durch die weitgestrickten Maschen des digitalen Netzes hindurchfallen, da sie keine Angehörigen haben, die sie unterstützen. Und Lebenszeit von Kindern, denen Bildung vorenthalten wird, weil man so tut, als ob die das irgendwann alles nachholen könnten. Kinder entwickeln sich schnell und ich habe bei meiner Arbeit mit Kriegskindern zu oft gesehen, dass verpasste Bildungschancen nie mehr aufgeholt werden. Und Studien beweisen, dass ein niedriger Bildungsstatus nicht nur Geld kostet, sondern ganz konkret Lebensjahre. Und es wird eben diese Generation sein, die wir heute so sträflich vernachlässigen, die über uns entscheiden wird, wenn wir alt sind. Und schwach.

In Todesanzeigen gibt es praktisch nie einen Hinweis darauf, wenn ein Mensch an oder mit Corona gestorben ist, lautet eine Beobachtung von SÜDKURIER-Kolumnistin Ulrike Blatter.
In Todesanzeigen gibt es praktisch nie einen Hinweis darauf, wenn ein Mensch an oder mit Corona gestorben ist, lautet eine Beobachtung von SÜDKURIER-Kolumnistin Ulrike Blatter. | Bild: Biehler, Matthias

Die Autorin Ulrike Blatter teilt regelmäßig am Montag ihre Gedanken zur Woche mit den SÜDKURIER-Lesern.

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