Wer Merle Menje in diesen Tagen erreichen möchte, der braucht jede Menge Geduld. Wer zu ihr durchdringen will, kommt an ihrer Mutter Sandra Menje nicht vorbei. Diese schirmt ihre Tochter nach besten Kräften ab. Denn die 16-Jährige ist zur Zeit viel gefragt. Seit sie im Juni bei den Para-Europameisterschaften zweimal Gold und zweimal Silber geholt hat, wird sie in den Medien als Ausnahmesportlerin gefeiert.

Eigentlich hatte die junge Gottmadingerin noch gar keine Ambitionen auf die Paralympics 2021. Ihr Ziel waren vielmehr die nächsten Olympischen Sommerspiele für Behindertensportler. Doch mit ihrer ausgezeichneten Gesamtleistung bei den europäischen Wettkämpfen in Polen hatte sie sich für Tokio qualifiziert. Und damit begann neben dem ohnehin schon anspruchsvollen Training die heiße Vorbereitungsphase für Japan.

Nicht zu vergessen, dass Merle Menje ja auch noch einen ganz normalen Schulalltag am Friedrich-Wöhler-Gymnasium zu bewältigen hat. Kein Wunder also, dass Sandra Menje das Leben ihrer Tochter möglichst gut zu strukturieren versucht. Merle ist damit offenbar zufrieden. Die Rollen in der Familie sind genau festgelegt: „Meine Mutter ist auch meine Managerin“, erzählt die junge Sportlerin am Telefon.

Für das Gespräch wurde ein genaues Zeitfenster festgelegt. Ein persönliches Treffen auf der Rennbahn war vor der Abreise nach Tokio am 19. August nicht mehr möglich. Merles Vater, Reinhold Betz, ist für die technische Seite des Hochleistungssports zuständig. Er arbeitet ständig an der Verbesserung des Rennrollstuhls.

Bahn und Rennrollstuhl sind entscheidend

Es sind viele Details, von denen Erfolg oder Misserfolg bei den Rennen abhängen. Die Rennbahn ist nur ein Faktor. „Bei uns ist es relativ entscheidend, auf welcher Bahn die Rennen stattfinden“, sagt die 16-Jährige. „Auf einer harten Bahn rollt man schneller.“

Der Rennrollstuhl selber trägt ebenso zum Ergebnis bei. Das High-Tech-Sportgerät hat mit einem gewöhnlichen Rollstuhl nichts mehr zu tun. Die Sportlerin könnte ihr Rennen sitzend bestreiten. Doch Merle Menje kniet in ihrem Gefährt. Die beiden großen Räder stehen leicht schräg und werden mit Händen und Armen angetrieben. Man sieht den Muskeln an Oberarmen und Schultern das intensive Training an.

Sechsmal die Woche zum Training

„Während der Schulzeit trainiere ich sechsmal die Woche hauptsächlich im Singener Münchriedstadion“, beschreibt Merle Menje ihr Programm. Auf der Liste der Leichtathleten, die bei den Paralympics antreten, stehen zwei Sportler aus dem Hegau: Merle Menje und Yannis Fischer. Beide trainieren beim Stadtturnverein Singen. „Einmal die Woche bin ich aber in der Schweiz in Frauenfeld bei Paul Odermatt. Wir haben‘s ja nicht weit über die Grenze“, sagt Merle.

Das könnte Sie auch interessieren

Ohne die Unterstützung der Familie wäre so ein rasanter Aufstieg kaum denkbar. Von Geburt an ist Merle Menje querschnittsgelähmt. Als sie 2011 bei den deutschen Parameisterschaften zuschaute, wurde sie gefragt, ob sie mit einem Rennrollstuhl probefahren möchte. Das war ihr Schlüsselerlebnis und der Beginn ihrer Leidenschaft. 2012 besuchte sie ihren ersten Lehrgang, 2016 begann das intensive Training.

„Talent gehört dazu“, räumt Merle Menje ein. „Aber zum Erfolg gehört ganz viel Training.“ Im Sommer ist es der Rennrollstuhl, im Winter Paraski-Langlauf. Gerade war die Sportlerin in einem Trainingslager in der Schweiz. Hier hat sie sich auf Tokio vorbereitet und drei Wochen lang zweimal am Tag trainiert.

Starke internationale Konkurrenz

Ob die Erwartungen sie belasten? „Ich habe noch keine Medaillen-Erwartungen“, sagt die 16-Jährige. „Ich freue mich hauptsächlich darauf, dabei sein zu dürfen und Erfahrungen für die nächsten Para-Sommerspiele sammeln zu können. Die Teilnahme ist eine große Ehre für mich.“ Merle Menje tritt in einer Wettkampfklasse mit starker Konkurrenz aus USA, Brasilien und Australien an. „Alle Bahnen sind gefüllt. Ich bin froh, wenn ich ins Finale komme“, sagt sie.

Sie ist für vier Wettkämpfe gemeldet: 400, 800, 1500 und ihre Königsdisziplin, die Langstrecke mit 5000 Metern. Am Donnerstag, 19. August, fliegt die 16-Jährige nach Tokio. Vor Ort kann sie noch trainieren und sich mit der Bahn vertraut machen. Ihr erster Wettkampf findet am 27. August um 3.30 Uhr deutscher Zeit statt.