In der Psychotherapie gibt es eine Technik, die sich „Reframing“ – übersetzt Umdeutung – nennt. Oberflächlich betrachtet, könnte man es auch als Schönreden oder Selbstbetrug bezeichnen; und hier sind wir schon mitten im Thema. Ich gebe ein aktuelles Beispiel: Wir alle nehmen die morgendlichen Wasserstandsmeldungen der Pandemie zur Kenntnis. Die einen frustriert, die anderen verängstigt, viele sogar wütend – und manchmal ist es eine Mischung all dieser Gefühle.

Was hinter den Türen der Krankenhäuser und Intensivstationen abläuft, bleibt den meisten glücklicherweise verborgen. Spürbar werden die Folgen der Pandemie für uns alle vor allem durch den Lockdown – und jetzt drohen weitere, gravierende Beschränkungen. Kein Wunder, dass die Stimmung gegen Null tendiert. Da hilft auch nicht der Vergleich mit Menschen, denen es noch viel schlechter geht – in Krise und Not ist man sich erstmal selbst am nächsten und da kann jegliche Bewegungseinschränkung zum Aufreger werden.

Das Winterwonderland ist ein Bio-Lockdown

Soweit, so schlecht. Und genau hier kommt die Umdeutung ins Spiel. Das Wetter macht es uns momentan leicht, uns in dieser Technik zu üben: Massen von glitzerndem, pudrigen Schnee versperren unsere Ausfahrt, machen die Gassirunde mit dem Hund zu einem Abenteuer und in den sozialen Medien boomt der Hashtag #winterwonderland. Alle bleiben daheim oder machen endlich wieder mal Sport beim Schneeschaufeln. Schneewehen am Straßenrand erleichtern die Einhaltung von Corona-Abständen und Nachbarn kommen nicht nur aus der Puste, sondern auch ins Gespräch.

Der durch den Schneefall erzwungene „Bio-Lockdown“ zeigt uns, wie wir Dinge positiv umdeuten können: Nichts hat sich verändert. Man bleibt daheim, man hält Abstand, der Nahverkehr und alle sonstigen Aktivitäten werden massiv runtergefahren – aber vor der glitzernden Schneekulisse fühlt es sich einfach besser an. Selbst die überfüllten Parkplätze der Skigebiete sind zugeschneit und unerreichbar.

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Ich bleibe zuhause, finde noch übriggebliebenes Glühweingewürz, schaue in das gemütlich flackernde Feuer im Ofen und bilde mir ein, in einer Alpenhütte eingeschneit zu sein. Als Kinder hofften wir bei Dauerregen auf Hochwasser, das unseren Schulweg überschwemmte – Reframing von schlechtem Wetter! Manch einer ist zum Beispiel insgeheim froh, wenn eine Bewerbung nicht funktioniert, weil das Umzug oder langes Pendeln erspart. Reframing ist kein Selbstbetrug, sondern hilft uns, den Blick auf positive Aspekte zu konzentrieren, die es überall gibt.

Probieren Sie es mal aus. Eine Mutter erzählte mir, dass sie sich nicht über die dreckigen Fußspuren ihrer Kinder ärgert, sondern sie sogar als positives Signal deutet: Hurra, wir leben noch – und wie! Ich wünsche uns allen einen positiven Start in die neue Woche!

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