Eine entfernte Bekannte ist gestorben. Ich kannte sie nur flüchtig. Als wir uns das letzte Mal sahen, stritten wir über den Sinn der Corona-Maßnahmen. Es ist egal, ob sie „mit“ oder „an“ Corona starb, denn ihr Tod taucht lediglich in der anonymen Statistik auf – sonst nirgends. Es gab weder Todesanzeige noch Nachruf, obwohl sie dort, wo sie lebte, nicht ganz unbekannt war. Die Angehörigen verbaten sich Beileidsbekundungen, und als ich von ihrem Tod erfuhr, war auch die Beerdigung in aller Stille schon über die Bühne gegangen.

Eine Bestatterin bestätigte mir, dass viele Angehörige sich so verhalten. „Corona-Scham“ nennt man dieses Phänomen. Ich hatte schon gehört, dass Leute mit Fieber und Husten nicht zum Arzt gehen, aus Angst vor Schuldzuweisungen. Da wird Corona-Scham lebensgefährlich. Wenn ich Todesanzeigen lese, dann in der stillen Hoffnung, dass niemand dabei ist, den ich kenne. Manchmal spüre ich ein Schaudern, wenn jemand viel zu jung gehen musste, wenn sich langes Leiden oder Tragödien wie zum Beispiel ein Unfall in der Anzeige widerspiegeln.

Traueranzeigen sind auch ein Spiegel unserer Gesellschaft: Mit der zunehmenden Zahl an Kirchenaustritten sind christliche Motive und Bibelverse seltener geworden, zweisprachige Anzeigen verweisen auf Menschen, die von weither zu uns kamen und hier eine neue Heimat fanden. Bunte Bilder, Schnappschüsse aus dem Urlaub oder von Hobbys halten die Erinnerung lebendig und machen die Verstorbenen zu unverwechselbaren Individuen. Der Nachruf des ehemaligen Arbeitgebers liest sich eher wie ein Arbeitszeugnis und manchmal gelingt es sogar, dass ein Funken von Humor den traurigen Anlass überstrahlt. Es gibt Formulierungen, die auf eine Krebserkrankung hinweisen, eine Demenz andeuten, oder dass das Leben durch einen Suizid jäh beendet wurde. Aber in all den Anzeigen der letzten Wochen vermisse ich eine Formulierung oder sonst irgendetwas, das darauf hinweist, dass dieser Mensch, der geliebt wurde und nun betrauert wird, dass dieser Mensch „an“ oder „mit“ Corona starb.

Corona-Scham ist ein ebenso ungewohntes, wie unangenehmes Gefühl. Soziale Ausgrenzung, Vorverurteilung und Häme sind der ungute Humus, auf dem dieses Gefühl gedeiht. Mit so einem sind wir schnell fertig. Wer sich infiziert, ist selbst schuld, so lautet ein weit verbreitetes Vorurteil. War nicht vorsichtig. Ist vielleicht sogar ein Leugner oder ein Impfgegner. Kurz: Man ist abgestempelt. Unsere Gesellschaft tut sich sowieso schwer, mit Leiden und Tod umzugehen. Aber wenn zu diesen Schwierigkeiten noch das Tabu Corona-Scham hinzukommt, verschenken wir die Chance, einander in dieser schweren Zeit gegenseitig zu stützen und uns Kraft zu geben. Wir müssen dringend sprechen. Miteinander. Und nicht übereinander.