Alexander Growe malt ein düsteres Bild. Er rechnet damit, dass die Hälfte aller Reisebüros in der Region wegen der drastischen Corona-Auswirkungen auf die gesamte Branche früher oder später schließen müssen.

Diese Entwicklung befürchte er auch nach einem Austausch innerhalb des Reisebüro-Verbandes. Drei Reisebüros, in Singen, Gailingen und Engen, haben bereits für immer ihren geschäftlichen Betrieb eingestellt. „Die Lage ist katastrophal“, erklärt Alexander Growe, der zusammen mit Gattin Alexandra das gleichnamige Gottmadinger Reisebüro betreibt.

85 Prozent Umsatzeinbußen bei Growe

Das Familienunternehmen feiert 2021 das 50-jährige Bestehen. „Wir haben derzeit Umsatzeinbußen von etwa 85 Prozent. Aufgeben wollen wir dennoch nicht. Das sind wir schon den vielen treuen Stammkunden schuldig. Sie halten auch in diesen schwierigen Zeiten zu uns“, betont Growe. Das Reisebüro könne nur weiter existieren, weil seine Familie und die von seiner Frau mit finanzieller Unterstützung helfen.

Der Gailinger Reiseshop 3000 hat geschlossen und zieht damit die Konsequenzen aus der Corona-Krise.
Der Gailinger Reiseshop 3000 hat geschlossen und zieht damit die Konsequenzen aus der Corona-Krise. | Bild: Bittlingmaier, Albert

„Wir befürchten durch die zweite Corona-Welle, dass das Weihnachtsgeschäft und möglicherweise auch das an Ostern wegbricht. Normalerweise buchen um diese Zeit unsere Kunden über günstige Angebote längere Flugreisen, wie in die USA oder in die Karibik. Gerade USA-Buchungen seien ohnehin schon etwas kompliziert und in absehbarer Zukunft durch die dort herrschende verheerende Corona-Lage in naher Zukunft fast undenkbar“, sagt Growe.

Manche Familien nehmen Quarantäne in Kauf

„Wir sind wie andere Reisebüros noch überwiegend mit Rückabwicklungen von Buchungen wie Stornierungen beschäftigt. Die können durch die Vorgaben der Veranstalter oft nur kurzfristig vor den geplanten Daten der Reisen erfolgen. Unser Hauptveranstalter ist schon wochenlang telefonisch nicht erreichbar“, so Growe. Die schnell wechselnden Ausweisungen von Risikoländern und -gebieten sorgten auch dafür, dass kaum noch Reisen gebucht werden. „Unsere Kunden haben aber nicht Angst vor Corona, sondern vor den Auswirkungen, wie bei den starken Reisebeschränkungen. Es gibt aber auch Kunden, wie Familien, die wollen unbedingt in den Süden fliegen und nehmen dafür auch Quarantäne und unbezahlten Urlaub in Kauf“, schildert Growe.

Flussfahrten liegen im Trend

Er sieht bei allen negativen Entwicklungen auch erfreuliche Aspekte, die für die Zukunft hoffen ließen. „Flussfahrten, wie auf dem Rhein oder der Donau, sind derzeit stark im Trend. Es lässt sich auf den Flüssen durch die starke Kontigentierung sehr angenehm und komfortabel reisen. Auch bei den Kreuz-Schifffahrten erwarte ich eine Zunahme. Und bei den Mittelmeerreisen, wie auf die Kanaren, rechne ich mit einer Entspannung“, so Growe.

Froh sind er und sein Team darüber, dass es auch etliche Schweizer Kunden gebe. Sie haben derzeit lockerere Bestimmungen als in Deutschland und können beispielsweise in die Türkei reisen, ohne anschließend einen Corona-Test vorlegen zu müssen“, so Growe. Kurios sei auch, dass Deutsche in Ländern wie Ägypten nach den Verordnungen im eigenen Land reisen dürften, dort aber einen Corona-Test in englischer Sprache vorlegen müssten.

Karstadt-Reisebüro will Krise überstehen

Das Singener Karstadt-Reisebüro will trotz der herben Corona-Krise das Geschäft aufrechterhalten. „Uns wird es weiter geben“, erklärt Andrea Schuller, Leiterin von Karstadt-Reisen in Singen.“Das Auswärtige Amt verhindert fast alle Verkäufe von Reisen. Es gibt nur wenige Ausnahme von Reisezielen, die nicht als Risikogebiete eingestuft werden. In andere Länder, wie Australien oder Thailand, darf mindestens bis zum Jahresende niemand aus anderen Staaten einreisen“, berichtet sie.

Ferienhäuser sind gefragt

„Wir sind davon abhängig, wie dich die Bedingungen weiterentwickeln. Die Leute zieht es vermehrt in Ferienhäuser und -wohnungen, wo sie sich sicher fühlen und viel Platz haben“, sagt Andrea Schuller. In dieser Sparte von Ferienunterkünften habe Karstadt-Reisen ein umfassendes und gutes Angebot, das über die Reiseveranstalter rechtlich abgesichert sei. „Wir müssen uns möglicherweise durch neue Konzepte auf einen veränderten Reisemarkt einstellen“, betont sie. So soll auch die Zukunft ihres Reisebüros mit derzeit sieben Mitarbeiterinnen gesichert werden.

Reisebüro konzentriert sich auf Standort in Rielasingen

Das Singener Edeka-Reisebüro, der Gailinger Reiseshop 3000 (jeweils untenstehender Erklärtext) und der Engener Stadort des Reisebüros Reisezeit mussten aufgrund der schwierigen Bedingungen schließen. „Die aktuelle Situation zeigt uns, dass die Tourismusbranche alles andere als krisensicher ist. Um so mehr freut es uns mitteilen zu dürfen, dass Reisebüro Reisezeit diese Krise nicht nur überstehen, sondern mit innovativen Ideen neu starten wird“, schreibt das Reisebüro auf seiner Internetseite. „Momentan entwickeln wir Konzepte, um auch in Zukunft ein kompetenter Partner zu sein.“ In Abhängigkeit von Veranstaltern, Leistungsträgern und Destinationen wolle das Reisebüro Reisezeit in Kürze wieder die Reiseträume der Kunden realisieren. „Um das zu erreichen, haben wir uns entschieden, unsere Kräfte an einem Standort zu bündeln. Das Büro in Engen wird nicht weitergeführt. Alle Kunden- und Buchungsdaten werden zukünftig in Rielasingen verwaltet“, schreibt das Reisebüro.

Wie geschlossene Reisebüros gegenüber Kunden ihr großes Bedauern ausdrücken

  • Viele Höhen und Tiefen: Edeka-Reisen im Einkaufszentrum (EKZ) vor den Toren Singens schreibt folgende Zeilen zur Schließung: „Seit vielen Jahren geht es von Edeka-Reisen Singen hinaus in die große Welt. Mit viel Erfahrung und der daraus entstandenen Kompetenz, sowie viel persönlicher Leidenschaft am Reisen, erfüllten wir Urlaubsträume. Vom ersten gemeinsamen Urlaub zu zweit bis hin zum ersten gemeinsamen Familienurlaub haben uns viele Kunden über Jahre an ihrem Leben teilhaben lassen. Es gab in der Touristikbranche viele Höhen und Tiefen, die wir mit viel Herz und Leidenschaft gemeinsam mit den Kunden gemeistert haben.“ Nun heiße es Abschied nehmen. Leider habe Edeka-Reisen aufgrund der Corona-Situation die Filiale in Singen schließen müssen.“ Ab sofort werde die Filiale in Offenburg für Buchungsfragen und Beratungen unterstützend tätig.
  • Dank an treue Kunden: Sehr emotional verabschiedet sich der Gailinger Reiseshop 3000 im Gailinger Dorfzentrum auf seiner Internetseite und auf einem Aushang von ihren Kunden: „Die Reisebranche hat in den letzten Monaten stürmische Zeiten hinter sich. Auch wir haben das sehr zu spüren bekommen. Und ein Ende ist nicht in Sicht. Nach knapp 15 tollen Jahren, in denen wir mit viel Herzblut und Freude Ihre Ferien planen und buchen durften, haben wir uns entschlossen, neue Wege zu gehen. Wir verlassen die stürmische See und schließen unser Reisebüro zum 22. Oktober“, so wird auf der Homepage und auf dem Aushang erklärt. Der Dank gehe an alle Kunden, die dem Reiseshop 3000 über all die Jahre die Treue gehalten haben und ihre Ferien dort gebucht haben. Es sei eine schöne Zeit gewesen und es habe viel Spaß gemacht, wird betont.