Der normale Leser legt danach die Zeitung zum Altpapier, aber die Krimiautorin heftet solche Artikel ab und grübelt über Dramaturgie und falsche Fährten, mit denen sie die Leser aufs Glatteis führen kann. Hat sie dann endlich einen Entwurf zu Papier gebracht, schüttelt der Lektor den Kopf und findet das alles zu stark konstruiert und überhaupt zu wenig lebensnah. Das Argument, dass das alles echt passiert sei, zieht in den seltensten Fällen.

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Es hilft nichts: Man kann nicht beim Leben abschreiben – eine gute Geschichte ist etwas anderes als eine gute Reportage. Trotzdem muss man vorsichtig sein beim Schreiben, sonst verbrennt man sich die Finger – und zwar wortwörtlich. Manchmal ist das Leben nämlich ziemlich gemein und schreibt bei uns ab. Aktuelles Beispiel: Da glänzt das funkelnagelneue Cano und mittendrin steht das Café Hanser als pittoresker Fluchtpunkt. Ein paar Hundert Meter Luftlinie davon entfernt, bröckelt die traurige Brandruine der Scheffelhalle. Ganz ehrlich: Mir stockte der Atem und mein Herz setzte aus, als ich vom Brand hörte. Bitte nicht schon wieder, bat ich innerlich. Denn, Tatsache: die Blaupause zum Brandanschlag stammt aus meinem letzten Roman und es ist nicht das erste Mal, dass etwas passiert, das ich zuvor beschrieben hatte... Niemals hätte ich es jedoch übers Herz gebracht, ein romantisches Café abzufackeln, auch wenn es ganz offensichtlich „im Weg“ stand. Deshalb verwandelte ich es auf dem Papier in eine Metzgerei. Auch die Pandemie habe ich bereits vor einiger Zeit beschrieben und mich vor allem auf die Folgen der sozialen Isolation und die Schwierigkeiten der digitalen Kommunikation konzentriert. Ich schwöre, ich bin ebenso unschuldig an allen Brandanschlägen im Hegau wie auch an diesem Corona-Schlamassel!

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Vor ein paar Tagen öffnete ich jedoch eine E-Mail, die mich wieder auf dumme Gedanken brachte: „Mein Lieber! In Demut biete ich Ihnen meine Freundschaft an. Mein Mann ist Afroamerikanerin...“ Besagter Mann war angeblich mausetot und mir wurde eine Beteiligung an einem Erbschaftsfonds versprochen, der alle Corona-Soforthilfen der Landesregierung ausgestochen hätte. Ein Hauptgewinn!

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Erwähnte ich, dass meine gleichnamige Kurzgeschichte von raffiniertem Betrug handelt? Aber, was sage ich? Das hier war die Realität – endlich schüttete Fortuna das Füllhorn des Glücks über mir aus! Ich werde also auf diese Mail antworten und mein Glück wagen. Leider gibt es ein Hindernis: Wo, zum Teufel, liegt dieser Ort namens „Demut“ – und wer zahlt meine Reisekosten?!

Ulrike Blatter ist Autorin aus Gottmadingen und lässt jede Woche die SÜDKURIER-Leser Montagmorgen an ihren Gedanken teilhaben.

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