Als Eberhard Koch 1984 mit dem gerade gegründeten Ortsverein des BUND (Bund für Umwelt und Naturschutz) am Ufer des Gottmadinger Riederbachs begann, Pappeln und Silberweiden zu pflanzen, erntete er anfangs ungläubiges Staunen. Und Fragen: Warum macht ihr das? Auch Michael Klinger kann sich noch gut an die fragenden Blicke in der Bevölkerung erinnern. In der BUND-Jugend buddelte und pflanzte der heutige Bürgermeister als Kind und Jugendlicher engagiert mit, kümmerte sich um Fledermäuse und die Vernetzung von Biotopen.

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Große Bäume am Riederbach mussten gefällt werden

Heute fragen die Menschen wieder. Diesmal wollen sie wissen, warum jetzt stattliche Bäume am Riederbach gefällt werden. Was sie nicht unbedingt sehen ist, dass der Biber mit seinen kräftigen Zähnen am Fußes des Stamms mächtige Kerben ins Holz geschlagen hat. Kerngesunde Pappeln und Weiden drohten umzustürzen. Bevor das passieren konnte, rückten Baumfachleute mit Sägen und sorgten für eine kontrollierte Fällung.

Hier hat der Biber zugeschlagen. Die Basis des Baumstumpfs zeigt mächtige Fraßspuren. Aus Sicherheitsgründen musste der Baum gefällt werden.
Hier hat der Biber zugeschlagen. Die Basis des Baumstumpfs zeigt mächtige Fraßspuren. Aus Sicherheitsgründen musste der Baum gefällt werden. | Bild: Trautmann, Gudrun

Die Tiere waren in der Region vollständig ausgerottet – Jetzt sind sie wieder da

Eigentlich müsste Eberhard Koch jetzt traurig sein, weil die kräftigen Nager sein Werk zerstören. Doch das Gegenteil ist der Fall. „Für mich ist es eine große Freude zu sehen, dass der Biber hier wieder angekommen ist“, sagt der Umweltbeauftragte. „Die Tiere waren hier heimisch bevor sie vor über 130 Jahren in Deutschland ausgerottet wurden.“ Wegen ihres Fells, ihres Fleisches und dem Biberfett wurden sie so stark bejagt, dass nur noch eine sehr kleine Population an der Elbe übrig war.

Hier hat der Biber kräftig gearbeitet. Baumstämme liegen im Littbach. Ein Biberdamm hat das Wasser des Baches stark aufgestaut.
Hier hat der Biber kräftig gearbeitet. Baumstämme liegen im Littbach. Ein Biberdamm hat das Wasser des Baches stark aufgestaut. | Bild: Trautmann, Gudrun

Grenzgänger mit einem platten Schwanz

Die Gottmadinger Biber sind aus der Schweiz über die Grenze gewandert. Im Thurgau ausgewildert, haben sie sich entlang der Flüsse und Bäche weiter vermehrt. „Weil die Jungen von den Eltern verstoßen werden, sobald weiterer Nachwuchs kommt, suchen sich diese entlang der Flüsse ein Nachbarrevier“, weiß Eberhard Koch. „So kamen sie von der Thur zum Rhein, von dort in die Biber und schließlich nach Gottmadingen an den Riederbach.“

Ein Damm aus Ästen staut den Riederbach. Der Biber hat sich im Ufer einen kleinen Hohlweg gebaut, über den er aufs Feld gelangt und auch wieder zurück ins Wasser rutschen kann.
Ein Damm aus Ästen staut den Riederbach. Der Biber hat sich im Ufer einen kleinen Hohlweg gebaut, über den er aufs Feld gelangt und auch wieder zurück ins Wasser rutschen kann. | Bild: Trautmann, Gudrun

Die eifrigen Baumeister sind kaum zu sehen

Gesehen hat Koch die nachtaktiven Tiere noch nie. Aber die Staudämme im Riederbach und am Littbach, die Eingänge zu den Höhlen, die bis zu fünf Meter in die Uferböschungen hineingebaut werden, oder die Biberburg im schilfbewachsenen Weiher zwischen Randegg und Gottmadingen kennt er natürlich alle. Mit seinen ehrenamtlichen Helfern ist der Umweltbeauftragte jeden Vormittag mit der Biotop-Pflege beschäftigt. Er kennt jeden Winkel auf der Gemarkung. Doch manchmal sind die Biber schneller. Dann liegt wieder ein dünner Baumstamm quer auf dem Weg und versperrt die Durchfahrt.

Es kann schonmal vorkommen, dass der Umweltschutzbeauftragte Eberhard Koch bei seinen Kontrollfahrten aus dem Auto aussteigen muss, um einen Baumstamm beiseite zu räumen. Auf dem Weg sieht man noch die frische Späne.
Es kann schonmal vorkommen, dass der Umweltschutzbeauftragte Eberhard Koch bei seinen Kontrollfahrten aus dem Auto aussteigen muss, um einen Baumstamm beiseite zu räumen. Auf dem Weg sieht man noch die frische Späne. | Bild: Trautmann, Gudrun

Wenn die pflanzliche Nahrung knapp wird, gehen die Biber an die Bäume

Besonders im Winter, wenn es für die Pflanzenfresser kein anderes Futter gibt, werden die Bäume angenagt. Mit den großen, scharfen Vorderzähnen fräsen die Tiere zuerst die Rinde ab und dann das frische Holz. Koch freut sich darüber, dass die Biber in Gottmadingen Futter zum Überwintern anbieten kann, auch wenn er ihnen nicht alle Bäume den Bibern überlassen möchte. Die stattlichen Silberweiden bekommen deshalb eine Manschette aus dünnem Maschendraht. Am Riederbach steht auch Bambus. Wie der dahin gekommen ist? „Da hat jemand seinen Gartenabfall hingekippt“, vermutet Koch. „Leider mögen die Biber keinen Bambus.“ Schwarzerlen mögen sie auch nicht, weshalb die noch in voller Pracht am Ufer stehen.

Helmut Ruh fährt mit seinem Traktor das Riederbachufer ab. Die Biberhöhlen im Uferbereich sind für große Landmaschinen tückisch.
Helmut Ruh fährt mit seinem Traktor das Riederbachufer ab. Die Biberhöhlen im Uferbereich sind für große Landmaschinen tückisch. | Bild: Trautmann, Gudrun

Höhlen bis zu fünf Meter weit in der Uferböschung

Apropos Ufer: die weit in die Böschung gegrabenen Höhlen können zur Gefahr für schwere Landmaschinen werden. Deshalb sind Roland Krippner und Harald Speicher vom Bauhof mit einem kleinen Bagger angerückt, um so ein Loch aufzufüllen und das ausgefranste Riederbachufer zu sichern. Mit dem Traktor kommt Helmut Ruh dazu. „Früher hat man alte Grabsteine von abgelaufenen Gräbern zur Uferbefestigung benutzt“, sagt Ruh. Ein paar Meter entfernt von der gesicherten Stelle sind solche Platten zu sehen. Hell leuchtet auch ein großer Baumstumpf von einem ehemals mächtigen Baum. Den Stamm selbst haben die Mitarbeiter des Bauhofs schon weggeschafft. Noch ein paar Meter weiter staut ein Damm aus Ästen den Riederbach auf.

Roland Krippner und Harald Speiche vom Gottmadinger Bauhof haben mit dem kleinen Bagger die Uferböschung am Riederbach repariert.
Roland Krippner und Harald Speiche vom Gottmadinger Bauhof haben mit dem kleinen Bagger die Uferböschung am Riederbach repariert. | Bild: Trautmann, Gudrun

Wenn die Bäche überzulaufen drohen, muss die Biberbeauftragte kommen

Einen noch größeren Damm haben die Biber im Littbach gebaut. Hier stehen schon alle Bäume unter Wasser, und es dauert nicht mehr lange, bis der Bach über die Ufer tritt. Bevor das geschieht, wird er Bettina Sättele rufen. Die Biberbeauftragte des Freiburger Regierungspräsidiums kommt dann aus Freiburg und stößt ein Drainagerohr durch den Damm. „Die Biber dürfen das nicht bemerken, weil sie das Rohr sonst wieder verschließen“, erklärt Koch. So müssen sich Mensch und Tier arrangieren.

Lagebesprechung am Riederbachufer: Helmut Ruh und Eberhard Koch betrachten die Spuren der Biberfamilie.
Lagebesprechung am Riederbachufer: Helmut Ruh und Eberhard Koch betrachten die Spuren der Biberfamilie. | Bild: Trautmann, Gudrun

Landwirte sind nicht immer glücklich über die Rückkehr der Biber

Die meisten Gottmadinger seien erfreut über die Rückkehr der Biber, berichtet der Umweltbeauftragte. Von Landwirten komme aber auch mal Kritik, weil die Pflanzenfresser auch Getreide, Mais oder Zuckerrüben gerne mögen. Auch die Schäden an den Uferböschungen werden beklagt, wie Helmut Ruh weiß. Wenn niemand eingreifen würde, würden die Gottmadinger Bäche in ein Jahren wieder so manch Schleife durch die Wiesen und Felder ziehen. „Der Biber bringt uns wieder ein Stück Natur zurück“, freut sich Koch. Am Littweiher ist das gut zu beobachten. Hier ist durch den Biber ein Biotop enstanden, das Insekten und Amphibien einen Lebensraum gibt. Das Gelände gehört der Gemeinde. Die hat die Gestaltung dem Biber überlassen.

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