„Du unterschätzt die Dummheit der Menschen!“, schleuderte mir mein Oberarzt einmal entgegen, als ich seiner Meinung nach wieder mal zu viel Zeit in einen meiner suchtkranken Patienten investierte. Zugegeben, er war klassischer Schulmediziner und das, was ich als Psychotherapeutin trieb, war ihm sowieso suspekt. Aber hatte er so Unrecht? Aus heutiger Sicht komme ich da ins Grübeln. Mein Weltbild war damals noch recht positiv: Ich war überzeugt, dass mit Information und Bildung die Einsicht in Zusammenhänge wächst. Dass seelische Prozesse, sofern sie klug und empathisch begleitet werden, zu persönlichem Wachstum führen. Kurz: dass sich die Menschheit permanent weiterentwickelt.

Was soll diese Frage nun wieder? Bei manchen Einlassungen gerät man doch ins Grübeln – hier symbolisiert durch ein Fragezeichen auf einem Baumstamm.
Was soll diese Frage nun wieder? Bei manchen Einlassungen gerät man doch ins Grübeln – hier symbolisiert durch ein Fragezeichen auf einem Baumstamm. | Bild: Julian Stratenschulte/dpa

Sozialromantikerin war ich nie – aufgewachsen im krassen Brennpunkt und später in Rechtsmedizin und Sozialpsychiatrie unterwegs – da wird einem die Naivität rasch ausgetrieben. Aber obwohl ich immer noch an das Gute im Menschen glaube, bin ich seit Pegida und Corona erwachsen geworden. Ich habe schmerzhaft den Unterschied zwischen Menschen und Mob erlernt und weiß nun, dass es Leute gibt, die zwar fleißig Beiträge in den sozialen Medien kopieren, aber die Fähigkeit nicht besitzen, die man sinnerfassendes Lesen nennt.

Auch Karl Kraus hat 1934 schon etwas zum Thema zu sagen

Was soll man zum Beispiel von dieser Frage halten, die in einer sogenannten Gesundheitsgruppe gestellt wurde: „Mein Sohn ist 14 und hat Corona aus der Schule mit heimgebracht. Jetzt habe ich seit zwei Tagen Fieber und möchte wissen, ob immer noch ein schwerer Verlauf möglich ist.“ – Heilige Unschuld, dachte ich mit der mir eigenen Ironie, weiß die Dame denn nicht, dass man bei einem schweren Verlauf zehn Minuten nach der Infektion zackbumm umfällt und mausetot ist? Wer die ersten zehn Minuten überlebt, ist aus dem Schneider (Ironie aus). Ironie hilft manchmal – aber ein Blick auf das Profil der Dame in den sozialen Medien zeigt, dass sie zur Sorte der heftigsten Anti-Impfschwurbler gehört – und als Jugendtrainerin tätig ist. Oder diese Frage hier: „Ist euch auch schon aufgefallen, dass alle Geimpften unnatürlich blass sind?“ – Naja, es ist Winter, die Sommerbräune ist verblasst und ob wir sie demnächst beim Skifahren auffrischen können, steht in den Sternen. Vielleicht hatte mein Oberarzt damals ja doch Recht.

Schließen möchte ich mit einem Zitat von Karl Kraus. Geschrieben wurde es 1934 – und es passt genau zur Impfdebatte: „Es scheint der Menschennatur verhängt zu sein, durch Erfahrung dümmer und erst durch deren Wiederholung klüger zu werden. Besonders die Intelligenz muss viel mitmachen, bevor sie zu der Einsicht gelangt, dass eine Freiheit, die ihre Vernichtung herbeiführen würde, nur durch Hemmung zu retten ist.“