Drohungen, Beleidigungen, Aggression: Das alles ist für Claudia Neuhäuser neu, seit die Corona-Regeln verschärft wurden. Seit April dieses Jahres betreibt sie neben ihrem originären Geschäft in der Bahnhofstraße das einzige Corona-Testzentrum in Gottmadingen. Doch was sie seit vergangener Woche hier erlebt, verdirbt ihr gewaltig die Laune. Weil die Infektionszahlen so stark in die Höhe geschnellt sind, dürfen ungeimpfte Personen nur noch mit einem aktuellen, maximal 24 Stunden alten Corona-Schnelltest an ihren Arbeitsplatz. Während einige Betriebe das Testen übernehmen, erwarten andere, dass ihre Mitarbeiter den Negativ-Test selber beibringen. Seither haben Claudia Neuhäuser und ihr Team Stress.

„Lange Schlangen haben sich vor unserem Geschäft gebildet“, beschreibt sie die Situation. „Einigen ging das Testen nicht schnell genug. Sie wurden ungeduldig, fingen an, mit unseren Stammkunden zu diskutieren und versuchten sie gegen uns aufzuhetzen.“ Die Erklärung, dass nicht sie, sondern die Bundesregierung die Regeln zur Pandemie-Bekämpfung erlassen hat, halfen nichts. Auch der Hinweis, dass sich Claudia Neuhäuser mit ihrem Kosmetikstudio Happy Wax auf Bitten der Gemeinde zum Testen bereit erklärt hat, wurde von einigen ungeduldigen Wartenden nicht beachtet. Das veranlasste die Unternehmerin zu einem Kommentar in den Sozialen Medien. Auf Facebook erklärte sie nachdrücklich, dass sie ihr Angebot einstellen werde, wenn sich die Testpersonen nicht anständig verhielten.

Ärzte haben keine Zeit mehr für die Tests

In ihrem kleinen Kosmetikstudio bietet sie neben der Haar-Entfernung medizinische Fußpflege an. Im Unternehmen arbeiten ihre Schwester, ihre Tochter (Krankenschwester) und ihr Schwager mit. Andreas Jung (CDU-MdB) habe sich beim Sozialministerium dafür eingesetzt, dass sie mit ihrem Team die Corona-Schnelltests in Gottmadingen durchführen darf. „Anfangs haben die Johanniter, eine Hausarztpraxis und Apotheken getestet“, erklärt Neuhäuser. „Seit geimpft wird, haben die Ärzte keine Zeit mehr für die Tests.“ Deshalb habe die Gemeinde sie direkt gefragt, ob sie die Aufgabe übernehmen könne. Mittlerweile betreibt sie die einzige Teststation in Gottmadingen und hat mehrere tausend Tests durchgeführt. Kontrolliert werde das von der Kassenärztlichen Vereinigung und dem Gesundheitsamt, dem positive Ergebnisse gemeldet werden müssen.

Unterstützung kommt vom Gottmadinger Rathaus, indem die Testzeiten auf der Homepage der Gemeinde veröffentlicht werden. Außerdem konnte Claudia Neuhäuser auch übrig gebliebene Test-Sets übernehmen. Seit für ungeimpfte Beschäftigte eine Testpflicht besteht, sei die Beschaffung von Testmaterial ungleich schwieriger und teurer geworden, erklärt die Unternehmerin. Es kränkt sie, wenn ihr unterstellt wird, sie verdiene sich mit dem Testen eine goldene Nase. Wenn sie Glück hat, kann sie die Tests unter dem Erstattungspreis einkaufen. „Dann habe ich aber ganz viel Glück“, sagt sie. Meistens lege sie drauf, seit die Nachfrage so gestiegen ist.

In der Singener Scheffelstraße warten Menschen vor dem Corona-Testzentrum der Malteser auf Einlass. Wer einen QR-Code einscannt und ...
In der Singener Scheffelstraße warten Menschen vor dem Corona-Testzentrum der Malteser auf Einlass. Wer einen QR-Code einscannt und seine Daten hinterlegt, bekommt das Ergebnis aufs Mobiltelefon geschickt. | Bild: Trautmann, Gudrun

Angefangen hat sie mit den Tests nach einer Fortbildung, weil sie mit ihrer körpernahen Dienstleistung nur negativ getestete Personen bedienen darf. Nach sieben Monaten Lockdown wollte sie endlich wieder Kunden empfangen können. Ihr eigentliches Geschäft möchte sie nicht mit den Testaktivitäten vermischt sehen. Deshalb verweist sie auf die Homepage der Gemeinde, wo die Testzeiten bekanntgegeben werden.

Seit der neuen Verordnung reißt die Schlange der Testwilligen nicht mehr ab. Leider habe sich gegenüber den Anfängen die Stimmung bei den Menschen stark gewandelt. „Anfangs waren alle dankbar, weil sie mit einem negativen Test ein Stück Freiheit zurück bekamen“, sagt Claudia Neuhäuser. „Jetzt spüren wir mehr aggressives Potential.“ Deshalb hat sie nun auf Facebook eine klare Ansage veröffentlicht: „Wir lassen uns nicht mehr bepöbeln, anschnauzen oder bedrohen. Denn sonst stellen wir unseren Testbetrieb komplett ein. Dann könnt ihr nach Singen fahren und dort Schlange stehen.“

Unterstützung durch die Stammkunden

Es gibt aber auch positive Momente in der ganzen Geschichte. Ein Mitarbeiter einer Sicherheitsfirma habe ihr Unterstützung angeboten, nachdem er über die Angriffe in den sozialen Medien gelesen habe. Und auch die Stammkunden hätten sie gegen Pöbeleien verteidigt, schildert Claudia Neuhäuser und wird dabei sogar etwas emotional. Wenn sie mit dem Testen aufhören würde, müssten sich die Gottmadinger andere Zentren suchen.

Tatsächlich hatten sich in der vergangenen Woche auf der Singener Offwiese vor der Testhütte der Malteser ebenfalls sehr lange Warteschlangen gebildet. Mittlerweile sind die Malteser in die Scheffelstraße umgezogen. Auch hier herrscht reger Testbetrieb und die Menschen warten auf der Straße. Insgesamt wurden die Testkapazitäten in Singen jetzt wieder aufgestockt, so dass sich die Nachfrage besser verteilt.