Wenn Alice Kühn einen Tag lang Betreuungskräfte im „Tanzen im Sitzen“ unterrichtet hat, fühlt sie sich danach pudelwohl. Während so manche Teilnehmerin, die nur halb so alt wie die Dozentin ist, eine Woche lang über Muskelkater klagt. Ihr Terminkalender ist eigentlich ziemlich voll. Doch wegen Corona ist jetzt alles anders – und anstatt Tanz und Chorprobe hat sie plötzlich Zeit. Zum Innehalten – und für ein Interview mit dem SÜDKURIER.

Krankenschwester mit viel Erfahrung

Die vierfache Mutter und fünffache Großmutter hat ursprünglich Krankenschwester in Baden-Baden gelernt. „In den 60ern hat es mich dann in den Hegau verschlagen“, erinnert sie sich. Zunächst hat sie auf chirurgischen Abteilungen gearbeitet. Durch die Veränderungen in der Elternzeit wechselte sie dann in die ambulante Pflege.

Sie fasst zusammen: „Das Thema Demenz hat mich zunehmend begleitet. Und ich habe mir vorgenommen: Im Ruhestand will ich meine Erfahrungen nochmal so richtig einsetzen.“ Nach vielen Jahren in Klinik und Gerontopsychiatrie betreute sie dann im Pflegezentrum St. Verena in Rielasingen-Worblingen.

Alice Kühn entwickelt Schulungskonzept

Seit 2001 unterrichtet sie Pflege bei den Johannitern in Singen. Im Jahr 2008 wurden dann per Gesetz zusätzliche Betreuungskräfte für Pflegeeinrichtungen eingeführt. Aber es gab noch kein Konzept, wie diese geschult werden sollen. Also hat Alice Kühn dieses Konzept entwickelt – und schult Betreuungsassistenten zu den Themen „Umgang mit Erkrankten“ und „Aktivierung“.

In ihrem Unterricht kann die Krankenschwester ihre jahrzehntelange Berufserfahrung einbringen. „Es ist wichtig, die Biographie des Gegenübers einzubeziehen“, so Kühn. „Man kann zum Beispiel nur durch eine passende Liedauswahl positive Erinnerungen wecken – aber auch negative Erinnerungen vermeiden.“

„Mit ganzem Herzen bei der Sache“

Eine Erfahrung, die Alice Kühn besonders berührt hat: Es war immer an Weihnachten. Eine alte Dame bekam jedesmal feuchte Augen, wenn „Ihr Kinderlein kommet“ gesungen wurde. Es waren jedoch keine Tränen der Rührung. Sondern die Dame wurde traurig. Schließlich fand man heraus, woran das lag: Die Frau hat als Mädchen den Blasebalg der Orgel in Arlen bedient. Damals, im Krieg. Gerade als „Ihr Kinderlein, kommet“ gespielt wurde, zuckte sie zusammen, weil sie gemerkt hat: Da draußen wird Singen bombardiert.

Erich Scheu, Dienststellenleiter der Johanniter in Singen.
Erich Scheu, Dienststellenleiter der Johanniter in Singen.

Erich Scheu, Dienststellenleiter der Johanniter-Unfallhilfe in Singen, arbeitet seit 2001 mit Alice Kühn zusammen. Er beschreibt: „Alice Kühn verfügt über viel Fachwissen und Engagement. Ich kenne kaum so einen disziplinierten Menschen wie sie. Sie ist mit ganzem Herzen bei der Sache. Wir von den Johannitern verdanken ihr viel. Und bei alledem stellt sie sich nie in den Vordergrund.“

Der Wochenplan von Alice Kühn

Alice Kühn unterrichtet Betreuungsassistenten. Sie singt gerne und leitet verschiedene Gymnastik- und Tanzgruppen. Montags probt sie im Singener Frauenchor. Dienstags leitet sie in Radofzell eine Tanzgruppe und singt abends mit dem Kirchenchor in Worblingen.

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Am Mittwoch leitet sie morgens eine Gymnastikgruppe beim DRK in Singen, mittags eine weitere kleine Gymnastikgruppe mit Stuhlgymnastik in der Alpenstraße – und abends kommen gelegentlich noch Ausbildungskurse für Betreuungsassistenten bei den Johannitern dazu. Am Donnerstagnachmittag leitet sie eine weitere Gymnastikgruppe des DRK in der Bruderhofhalle. Damit geht sie mit gutem Beispiel voran: Solche Aktivitäten stimulieren das Gehirn – und beugen einer Demenz vor.

Zusätzliche Betreuung gemäß Paragraf 43b und 53c SGB XI

Ein Interview mit Erich Scheu, Dienststellenleiter der Johanniter-Unfall-Hilfe, Regionalverband Oberschwaben/Bodensee

Herr Scheu, die Johanniter haben als einer der ersten Träger in Singen Kurse für Betreuungskräfte angeboten. Wie kam es dazu?

2008 wurde der Beruf der Betreuungsassistenten eingeführt. Betreuungskräfte sollten Pflegekräfte entlasten und die Situation der Menschen in Pflegeheimen verbessern. Wir haben damals die gesetzlichen Vorgaben bekommen. Alice Kühn hat diese dann schnell umgesetzt und wir konnten die Kurse bald anbieten.

Was sind die Aufgaben von Betreuungsassistenten?

Betreuungskräfte arbeiten mit Senioren, Demenzkranken oder Menschen mit geistiger Behinderung. Betreuungsassistenten bieten zusätzliche Beschäftigungsangebote an, für die Pflegende keine Zeit haben. Die Betreuungskraft nach Paragraf 43b trägt so zu einer höheren Lebensqualität der Betroffenen bei und hilft, examinierte Pflegekräfte zu entlasten.

Welche Auswirkungen hat Corona auf die Kurse bei den Johannitern?

Wir mussten leider Tagesseminare absagen. Im Herbst bieten wir den nächsten Kurs für Betreuungskräfte an. Wir sind zuversichtlich, dass dieser Kurs bis dahin ganz normal stattfinden kann.

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