Die Sonnenstrahlen flirren durch die bunten Blätter der hohen Bäume, vereinzelt laden Bänke den Spaziergänger zur Rast. Bis auf kleine Namensschilder an einzelnen Bäumen unterscheidet sich der Ruhewald als Teil im Gottmadinger Gemeindewald nicht von der übrigen Waldfläche: Auf einer sechs Hektar großen Fläche ermöglicht die Gemeinde Urnenbestattung in der freien Natur.

Damit folgte Gottmadingen dem wachsenden Bedürfnis vieler Menschen nach einer Alternative zu herkömmlichen Bestattungen. Johann Hahnloser spricht von einem Erfolgsmodell: "Der erste Abschnitt war schon nach drei Jahren ausverkauft." Aber es sei ein langer Prozess der Meinungsbildung gewesen, sagt Hahnloser, der zu der Zeit Kreisforstamtsleiter war und sich heute ehrenamtlich einbringt.

Der Vorschlag für die Einrichtung eines Ruhewalds kam 2005 von Gottmadinger Bürgern. Hahnloser erinnert sich an viele Diskussionen mit weltlichen und kirchlichen Kreisen. "Es war gut, dass auch die Kirche mit einbezogen wurde, denn viele wollten eine Bestattung mit Pfarrer", so Hahnloser. Bürgermeister Michael Klinger habe sich gegen Widerstände durchgesetzt. 2011 beschloss der Gemeinderat die Satzung über den Ruhewald, kurz darauf gab die Kirche ihren Segen. Zwischen Gottmadingen und dem Teilort Bietingen wurde ein Platz mit überwiegend Laubbaumbestand gefunden, der die Hardtseen mit einschließt und mit Bus und Bahn gut zu erreichen ist.

"Die Nachfrage war überwältigend", sagt auch Beatrix Zureich vom Ordnungsamt der Gemeinde. Drei Abschnitte im Gemeindewald seien für 20 Jahre angedacht gewesen. Da auch im zweiten Abschnitt fast alle Plätze verkauft sind, wurde im Frühjahr dieses Jahres der dritte Teilabschnitt eröffnet. Zur Wahl stehen Gemeinschaftsbäume mit bis zu zwölf Beisetzungen oder ein kompletter Ruhebaum mit bis zu acht Plätzen, bei dem der Erwerber entscheidet, wer beigesetzt werden kann.

Als erste Anlaufstelle hört Beatrix Zureich die Gründe für die Wahl. Sie sagt: "Viele Leute finden die Stimmung auf einem Friedhof bedrückend, sie empfinden auch einen Zwang zur Grabpflege." Hier übernehme das der Wald. Die Pflege sei mit ein Grund für ein Grab im Ruhewald, denn heute würden Familien immer häufiger nicht an einem Ort leben. "Die Interessenten möchten auch das Gefühl haben, dass der Platz passt", kämen Wünsche auf nach Morgensonne oder Seeblick oder eine bestimmte Baumart. Plätze an der wärmeren Südseite wären am begehrtesten, so Zureich.

Viele möchten das eigene Grab schon zu Lebzeiten selbst regeln. Anders als auf einem regulären Friedhof kann in einem Ruhewald der Toten auf ganz persönliche Weise gedacht werden. Hahnloser denkt an einen Mann, der häufig an das Grab seiner Frau kommt und ein Lied auf der Mundharmonika spielt. Für Hahnloser auch eine Form, die eigene Trauer zu bewältigen.