Schade, dass Berlin nicht mit am Tisch saß – die Polit-Granden der Nation hätten einiges lernen können vom lausbübischen Witz des 28-jährigen Marian Schreier. Der Tengener Bürgermeister lieferte beim gestrigen Frühschoppen der Gerstensäcke in der Gottmadinger Eichendorffhalle ein brillantes Stück in Sachen Selbstironie und so zollte der Saal mit langem, teils im Stehen erteilten Beifall dem zuvor von Zeremonienmeister Christoph Graf als Hoffnungsträger angekündigten Shooting-Star mit SPD-Parteibuch am Ende viel Respekt.

Marian Schreier muss geahnt haben, was ihm bevorsteht. Er wählte ein Sträflingsgewand als Kostüm, das an ihm allerdings eher wie der Matrosenanzug eines Musterschülers wirkte. Dass er's faustdick hinter den Ohren hat, bewies er mit seiner spontanen Reaktion auf das Zunftgeschenk eines Nagelbrettes samt Fakir-Kopfbedeckung, auf dass er bei einer etwaigen Karriere in Berlin schon mal die Fähigkeit des Aussitzens trainiere. Nicht auf den Mund gefallen, konterte der 28-Jährige den Spott des Zeremonienmeisters mit der Bemerkung, dass er Schmerz gewohnt sei: Er sei nicht nur Mitglied der SPD, sondern auch Fan des VfB Stuttgart.

Was folgte, war eine Abrechnung vom Feinsten. So erfand Marian Schreier die Steigerung des in der Politik bekannten Superlativs: Freund, Feind, Parteifreund – neuerdings komme der Begriff Gabriel als ultimative Steigerungsform hinzu. Zwischendurch teilte er mit einem Rommel-Zitat in Richtung CDU aus ("eine gute Verwaltung erkennt man daran, dass sie selbst dann funktioniert, wenn der Chef da ist") oder nahm seinen Hilzinger Amtskollegen und FDP-Parteigänger Rupert Metzler hoch, weil zur Abwechslung die Liberalen mal nicht die Zielscheibe des gesamtgesellschaftlichen Spotts seien. Nach dem Fazit, dass "die SPD nicht blöder ist als die anderen, nur mehr Pech beim Nachdenken" habe, beendete er seine Rede mit der Entschuldigung, dass ihm ansonsten womöglich ein Parteiausschlussverfahren drohe.

Stellvertretend verdeutlichte der Auftritt des Tengener Bürgermeisters zugleich das diesjährige Problem der Narren: Es fehlt an lokalen Stoff und also verlegten sich beim Gottmadinger Frühschoppen auch andere Redner aufs Allgemeine. Stephan Glunk von der Poppele-Zunft zeigte dabei mit seinem bereits beim Singener Narrenspiegel vorgestellten Falleri-Fallera-Song, wie man mit nichts einen Saal zum Toben bringen kann.

Auf der Suche nach fastnachtstauglichen lokalen Begebenheiten musste auch im Fall von Heinz Brennenstuhl improvisiert werden. Der nach 32 Amtsjahren kurz vor der Pensionierung stehende Bürgermeister von Gailingen wurde deshalb von Christoph Graf kurzerhand als Ersatz für die Amtskette mit Schwarzwurst und Wienerle dekoriert und jener revanchierte sich mit deftigem Witz. Bei seinem Gottmadinger Amtskollege Michael Klinger entschieden sich die Narren zu einer Stilberatung, woraufhin der Bürgermeister seinerseits einige führende Figuren der Gerstensäcke mit sarkastischen Beschreibungen bedachte.

Der Mangel an lokalen Stoff stellte auch zwei weitere Redner in der Halbrund-Bütt des Bierseidels nicht wirklich vor Probleme. Lothar Bottlang, der mit seinem Auftritt einer Bitte von Alt-Gerstensack Walter Benz nachkam, begann seine Rede als "Bue vu d'Mamme" mit männlicher Unbedarftheit vor weiblich-erotischen Herausforderungen, lieferte im Mittelteil einen Verriss gängiger Biersorten und landete schließlich beim witzigen Kommentar über die allgemeine Politik.

Ganz ähnlich ging Andreas Jung vor. Der CDU-Bundestagsabgeordnete lobpreiste als einer, der mit Milch groß geworden ist, die Qualität des Gottmadinger Bieres, reimte Bundesadler auf Gerstensack-Radler und forderte zuletzt die CDU- und SPD-Mitglieder im Saal zum gemeinsamen Gesang des Pippi-Langstrumpf-Songs (frei nach Andrea Nahles) auf. Der Rest ist GroKo – und wird in Ermangelung lokalen Stoffs gewiss auch 2019 Material für die Narren liefern.

Nette Gesten

Es ist ein Ritual und gibt dem Frühschoppen der Gottmadinger Gerstensäcke zusätzlich eine sympathische Note: Seit eh' und je wird Filippo Rosato als treuer Anhänger der närrischen Veranstaltung begrüßt und auch diesmal nahm der aus Italien als Gastarbeiter nach Deutschland gekommene Fastnachtsanhänger von der Galerie aus den Tusch der Gerstensackkapelle samt Beifall der Besucher entgegen. Eine nette Geste auch der Auftritt von Thayngens Gemeindepräsident Philippe Brühlmann: Seine Rede verdeutlichte, dass sich die Gemeindeprobleme im EU-Ausland nur wenig von denen diesseits des Rheins unterscheiden. Eine gute Werbung für die Fastnacht war ferner die Vorstellung der vor 60 Jahren gegründeten Bietinger Biberschwanz-Zunft durch Peter Kaschner. (tol)