Jeannine Kanwischer ist in ihrem Element. Das Operation Center von Swiss International Air Lines im Herzen des Flughafen Kloten empfindet sie als großes berufliches Wohnzimmer. Beim SÜDKURIER-Besuch führt sie mit viel Begeisterung durch den operationellen Kern von Swiss. Sie zeigt die Ausstellung der aktuellen Bordprodukte, von einfacherer Verköstigung – alles in Schweizer Qualität – bis hin zu exquisitem Essen für die Passagiere der First Class. Dazu lässt es sich auf einem luxuriösen Polstersitz von einem höchst angenehmen Flug in ein Urlaubsparadies träumen. Jeannine Kanwischer öffnet Türen von Räumen, in welchen die Besatzungsmitglieder mit modernsten digitalen Informationen auf ihre Flüge vorbereiten und letzte Absprachen treffen. Immer wieder grüßt sie freundlich andere Beschäftigte im Swiss-Operationscenter. Und alle strahlen gute Laune bei der Arbeit aus.

"Die multikulturelle Erfahrung und Sprachgewandtheit, sowie äußerst diskrete Umgang mit bekannten und anspruchsvollen Gästen machen uns Swiss Flugbegleiter zu einem festen und gern gesehenen Bestandteil der jährlich wiederkehrenden Treffen in Davos", schildert Jeannine Kanwischer. Rückblickend sei das Jahrestreffen 2018 auch als „Forum aller Foren“ bezeichnet worden. "Noch nie haben so viele Staats- und Regierungschefs teilgenommen. Es waren weitere Persönlichkeiten aus Wirtschaft, Bildung, Gesellschaft, Politik und Kultur dabei. Während der vier Tage fanden über 400 Veranstaltungen, wie Vorträge und Diskussionsrunden statt. "Das Treffen war nach 2017 das zweite, an dem ich das Privileg hatte, meine Firma als Hostess zu vertreten", so Jeannine Kanwischer.

Vielfältige Aufgaben

"Unsere Aufgabe vor Ort war es, den Teilnehmenden im extra für diesen Anlass umgebauten Kongresszentrums, den richtigen Weg zu den jeweiligen Konferenz- oder bilateralen Gesprächsräumen, Fernsehstudios oder Plenarsälen zu deuten. Auch die Einlasskontrolle zu einzelnen Sitzungen und die enge Zusammenarbeit mit dem anderen Forum-Personal gehört zu unseren Aufgabenbereichen", erklärt die Swiss-Mitarbeiterin. Es gelte schon lange im Voraus seitenweise Raum- und Gebäudepläne auswendig zu lernen und die vielen anwesenden Persönlichkeiten mit Namen und Rang zu kennen. "Denn, wer möchte schon der amerikanischen Botschafterin den Zutritt zu einem Vortrag des amerikanischen Vize-Präsidenten verwehren, bloß weil er sie nicht erkennt?"

 

 

Aufgrund des straffen Programms und der hohen Personalansprüche sei es unabdingbar, ein hohes Maß an Professionalität und Stressresistenz an den Tag zu legen. "Eine große Rolle spielt auch das, was wir als Cabin-Crew Member an Bord jederzeit anwenden können müssen: evakuieren. Im Falle verschiedener Notfallszenarien würde eine Evakuation auch vom Swiss-Personal unterstützt. Der große Unterschied zu einer Evakuation eines Flugzeugs: Anstatt ein paar hundert Personen müssen hier im Ernstfall über 6000 Menschen möglichst gleichmäßig und unaufgeregt aus dem Gebäudekomplex geleitet werden", erklärt Jeannine Kanwischer. Bei der Ausbildung im Umgang mit Journalisten sei zu erfahren, wo ohne oder nur in Begleitung gefilmt werden darf oder in welchen Bereichen striktes Film- und Fotoverbot herrscht. Auch werde gelernt, mit besonders hartnäckigen Journalisten umzugehen oder sich souverän im Hintergrund zu verhalten, sollte man während eines TV-Interviews direkt hinter Theresa May stehen.

 

„Wir sind Anlaufstelle für alle und alles", berichtet Jeannine Kanwischer. "Je nach meinem täglichen Einsatzplan bin ich darauf eingestellt, an gewissen Tagen neben internationalen Premierministern, Staatschefs, Königinnen und Königen auch Angela Merkel, Justin Trudeau, Emmanuel Macron, Elton John oder US-Präsident Donald Trump zu begegnen. Manchmal standen auch Persönlichkeiten wie John Kerry, Al Gore, König Felipe VI und viele weitere ganz unerwartet vor mir und sorgten für einen inneren Wow-Moment. Die beeindruckendste Begegnung hatte ich allerdings mit Bill Gates. Ohne ihn wäre die Welt heute nicht so wie sie ist – und eine solche Legende begrüßen zu dürfen und ihm direkt in die Augen gucken zu können, das ist schlicht einmalig", beschreibt Jeannine Kanwischer. "Trotz der enorm hohen Dichte an bekannten Persönlichkeiten kommt mir die Stimmung vor Ort immer recht gelassen vor, was aber auch an der hochprofessionellen Vorbereitung vor Ort und daran liegt, dass sich die meisten Gäste untereinander kennen", sagt sie. "Lustig war auch, wie Gäste aus Afrika oder Südamerika hier zum ersten Mal Schnee gesehen und gefühlt haben. Davon gab es reichlich. Der ganze Schnee führte auch zu einigen Stürzen auf dem Glatteis. Daher dauerte es nicht lange, bis die meisten Teilnehmenden mit Gleitschutz-Anschnallern für die Schuhe rumliefen", schildert sie.

"Was mich unglaublich beeindruckt hat, ist wie das Kongresszentrum und der Davoser Stadtkern komplett umgebaut und dabei keine Mühen gescheut werden. Unser Team reist schon zwei Tage vor der Eröffnung des Weltwirtschaftsforums an, um das Kongresszentrum von oben nach unten, von Norden nach Süden und von Osten nach Westen zu begehen, um so auch noch im Schlaf Mister X samt Delegation in die richtige Richtung leiten zu können", erzählt Jeannine Kanwischer. Das Bild, das sich einem während dieser zwei Tage biete, sei unglaublich: In den großen Hallen werden Wände für bilaterale Besprechungsräume hochgezogen, die Mauern mit eleganten Stoffbahnen verhüllt, Teppiche um- und neugelegt – alles wiederverwertbar – und sogar das Wasserbecken im zugehörigen Schwimmbad wird so überbaut, dass sich auf dem Becken schlussendlich ein Kongresssaal befindet. Kaum vorstellbar, dass hier in weniger als 48 Stunden Elton John, Cate Blanchett und Shah Rukh Khan ihre Awards für ihren gemeinnützigen und wohltätigen Einsatz entgegennehmen.

Dem Fliegen verschrieben

Jeannine Kanwischer hat sich ganz und gar der Fliegerei verschrieben. "Von klein auf haben meine Eltern meinem heute 26-jährigen Bruder und mir die Welt gezeigt und wir sind sehr viel gereist", so Jeannine Kanwischer. "Dies hängt natürlich auch damit zusammen, dass meine Mutter seit vielen Jahren als Flugbegleiterin für Swissair und später Swiss Swiss tätig ist und mir daher sozusagen das Kerosin seit der Geburt in den Adern fließt. 2009, nach meinem Abitur am Friedrich-Wöhler-Gymnasium, wollte ich mich ebenfalls bei Swiss als Flugbegleiterin bewerben. Aufgrund der damaligen Wirtschaftskrise bestand jedoch ein Einstellungsstopp. Stattdessen entschied ich mich, in Marburg an der Lahn zunächst Musik-, Medienwissenschaften und Kunstgeschichte zu studieren. Das Reisen und meine Neugier auf den Rest der Welt ließen mich nicht los und ich verbrachte während des Studiums ein Auslandsjahr in Barcelona und bin nach meinem Bachelor-Abschluss sofort mit dem Rucksack durch Mexiko, Guatemala und Indien gereist. Wieder zurück in Gottmadingen gab es für mich nur eine Option: Fliegen!"

Das Fliegen übt auf Jeannine Kanwischer eine große Faszination aus. sie arbeitet für das Schweizer Flug-Unternehmen Swiss. Bild: Swiss
Das Fliegen übt auf Jeannine Kanwischer eine große Faszination aus. sie arbeitet für das Schweizer Flug-Unternehmen Swiss. Bild: Swiss | Bild: Swiss

Da dieser Beruf so unglaublich vielfältig und abwechslungsreich sei, gleiche kein Arbeitstag dem anderen. Natürlich arbeite man so auch ein bisschen an seinen Freunden oder am normalen Jahreskalender vorbei. Aber so habe sie Geburtstage schon in Sao Paolo oder Montréal gefeiert und Weihnachten in Neu-Delhi oder Miami verbracht. "Der Beruf ist eine der besten Lebensschulen. Als Flugbegleiter sind wir in allererster Linie für die Sicherheit an Bord verantwortlich. Wir sind jederzeit auf alles gefasst, um je nach Situation sofort reagieren zu können. Während des Basis-Trainings für Flugbegleitung setze man sich mit sicherheitsrelevanten Themen auseinander und absolviere ein ausführliches Training. "Bisher habe ich glücklicherweise kein einziges Gefahren-Szenario in der Realität erlebt", sagt Jeannine Kanwischer. „Aber auch der Umgang mit Menschen aus aller Welt, wodurch man in Berührung mit fremden Kulturen kommt, erweitert ständig den eigenen Horizont.“

Losgelöst vom Flugbetrieb gehörte Jeannine Kanwischer dieses Jahr schon zum zweiten Mal beim Weltwirtschaftsforum im schweizerischen Davos als Hostess zu einem innerhalb von SWISS ausgewählten Betreuungsteam. Doch darüber erzählt sie später mehr. "Auf der Suche nach neuen Herausforderungen habe ich 2016 die Gelegenheit ergriffen und mich als Flugbegleiterin für die First Class beworben. Dadurch, dass es nur sehr wenige Plätze in dieser exklusiven Reiseklasse gibt, hat man besonders viel Zeit, auf die Wünsche jedes einzelnen Gastes einzugehen und einen tollen Service mit viel Liebe zum Detail und edelstem Geschirr und feinstem Essen zu bieten. Ich habe dort interessante Persönlichkeiten kennenlernen dürfen und inspirierende Gespräche geführt", berichtet Jeannine Kanwischer. Über den Wolken versuche sie, ihren Gästen ein Gefühl von „zu Hause“ zu geben, nenne jeden Gast beim Namen und wisse schon im Voraus von ihren Essens- oder Getränkepräferenzen. Für viele sei dies einer der wenigen Orte, an denen sie loslassen und die Zeit genießen können, bevor es am Boden dann wieder zurück zum wirklichen Leben heißt.

 

 

In keinem einem anderen Beruf lerne man ständig neue Menschen, Länder und Kulturen lernen und arbeite dazu noch an einem der faszinierendsten Orte – über den Wolken. Kein Flug ist wie der andere. „Jedes Mal steigen neue Gäste mit verschiedenen Bedürfnisse ein. Dieser Beruf verlangt es, flexibel, dienstleistungsorientiert und belastbar zu sein. Eines steht immer an oberster Stelle: die Sicherheit der Gäste an Bord. Ich selber kann diesen Beruf nur empfehlen. Ich kenne inzwischen noch einige andere aus dem Hegau, die hier bei Swiss als Flugbegleiter arbeiten“, schildert Jeannine Kanwischer. Neben Deutsch seien gute Englischkenntnisse Voraussetzung im Idealfall noch eine weitere Fremdsprache wie Französisch, Spanisch oder Italienisch. Ein fundiertes Allgemeinwissen und ein hohes Maß an Flexibilität, Belastbarkeit und Teamfähigkeit sollten mitgebracht werden. Ein gepflegtes Äußeres sei unabdingbar.

 

Abwechslung zur normalen Arbeit an Bord

"Nach zwei Jahren als Flugbegleiterin habe ich mich für unser Cabin Crew Public Relations Team beworben und konnte so, als tolle Abwechslung zu meiner normalen Arbeit an Bord, Swiss an externen und internen Events repräsentieren. Zum Beispiel durfte ich Spezialflüge begleiten oder bei Film- und Fotoaufnahmen teilhaben. Als Teil des Cabin Crew PR-Teams begleitet man so beispielsweise die Schweizer Fußballnationalmannschaft zu ihren Spielen, wird auf Erstflügen an neue Destinationen eingeteilt oder darf bei großen Schweizer Veranstaltungen wie dem Lauberhorn Ski-Rennen in Wengen die VIP-Lounge betreuen", schildert die frühere Gottmadingerin. "Mein persönlicher Höhepunkt war aber die Teilnahme am Weltwirtschaftsforum. Da man die Fluglinie Swiss an wichtigen und globalen Anlässen vertritt, benötigt man natürlich ein einwandfreies Dossier und muss seine Diskretion, den tadellosen Umgang mit Persönlichkeiten verschiedenen Ranges, seine Ausdauer und Sprachkenntnisse bei seiner Arbeit an Bord unter Beweis gestellt haben.“

"Natürlich bedeutet mir Gottmadingen noch sehr viel, neben meiner engsten Familie habe ich auch viele Freunde aus der Schulzeit, dort", bekennt Jeannine Kanwischer. Jedes Mal wenn sie wieder nach Hause komme, spüre sie ein besonderes Gefühl der Vertraut- und Geborgenheit. "Hier habe ich auch meine Serviceleidenschaft und meine Begeisterung an der Arbeit mit Menschen entwickelt. In Gottmadingens wohl bekanntester Eisdiele San Leone sammelte ich erste Service-Erfahrung und auch in einem Fitnessstudio kümmerte ich mich um die Mitglieder. Heute wohne ich mit meinen Freund, der in Zürich arbeitet, in Wallisellen, um so innerhalb von 20 Minuten am Flughafen zu sein", verrät Jeannine Kanwischer.

Aktuell hat Jeannine Kanwischer den Flugzeugsitz gegen einen Bürostuhl eingetauscht und arbeitet im Bereich Cabin Communication, wo sie ihre Flugerfahrung mit ihrem Studium kombiniert und nun für die Flugbegleiter über die Themen kommuniziert, die sie als aktives Crew Member selbst betreffen würden.

 

Die Familie

Jeannine Kanwischers Vater Waldemar hat früher erfolgreich beim FC 08 Gottmadingen in der höchsten südbadischen Fußball-Amateurliga gespielt. Er war bis zu seiner Pensionierung vor einigen Jahren als Pädagoge in der Eichendorff-Realschule tätig. Als Kunstlehrer gewann er etliche Preise mit seinen Schülern. Jeannine Kanwischers Mutter Angela Kanwischer ist seit 38 Jahren Flugbegleiterin bei Swiss und zuvor Swissair. Der 26-jährige Bruder Colin tritt in die Fußstapfen von Vater Waldemar. Er gehörte der Freiburger Fußballschule und spielte danach bei umliegenden Vereinen in höheren Spielklassen, wie mit dem SC Bahlingen in der Oberliga Baden-Württemberg. Colin Kanwischer studiert nun Lehramt in Freiburg und spielt beim SV Kirchzarten in der Landesliga.