Trotz des stellenweise noch auffällig dichten Blätterwerks werden die Tage gleichförmiger, kühler, grauer, dunkler. Die von Rilke in seinem Gedicht „Herbsttag“ heraufbeschworenen letzten „südlicheren Tage“ waren – insofern dieses Jahr die Folgen des Klimawandels oder weihnachtlicher Alpenföhn nicht allzu aufdringlich dazwischen funken – Sache des Oktobers. Und während sich manche darauf freuen, ihre Lungen bald mit frischer Polarluft zu füllen, füllen sich auch die psychotherapeutischen Praxen. 

Lesung und Gespräch mit Autor

Eine Erzählung, die gerade den von herbstlichen Trübsal Heimgesuchten dabei helfen könnte, dem Winter mit Zuversicht entgegenzutreten und vielleicht sogar Freude an ihm zu entwickeln, stand im Mittelpunkt der diesjährigen Autorenlesung des Förderkreises für Kultur und Heimatgeschichte Gottmadingen.

In Kooperation mit der Bücherstube Vielsmeier gelang es Urs Faes, einen der bekanntesten Schweizer Gegenwartsautoren, dafür zu gewinnen, aus seinem jüngst in Suhrkamps Insel-Bücherei-Reihe erschienenen Roman „Raunächte„ zu lesen und den Gästen im voll besetzten Saal Vielsmeier die Möglichkeit zu geben, mit dem Autor ins Gespräch zu kommen.

Rückkehr in den Schwarzwald

Moderatorin Annette Pohlmann lieferte eine kompakte Einführung in das Leben und Werk des 72-jährigen Schweizers, ehe sie gemeinsam mit ihm auf Hintergründe und Überbau seines neusten Romans einging. Erzählt wird von der Rückkehr eines sterbenskranken Mannes in die Heimat seiner Kindheit und Jugend, einen im tiefsten Schwarzwald gelegenen Ort, an dem sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen.

Auf die Woche genau vor vierzig Jahren, in den Raunächten, welche zwischen Weihnachten und Dreikönig liegen, hatte er ihn fluchtartig verlassen. Grund war ein Erb- und Bruderstreit, der – wie es auf dem Land schnell passieren kann – sein ganzes Umfeld aus den Fugen geraten ließ.

Die Krankheit ist der Schlüssel

Faes, der selbst eine schwere Krebserkrankung hinter sich hat, führte an, dass in der Krankheit des Mannes ein Schlüssel zum Textverständnis liege. Das hohe innerfamiliäre Konfliktpotenzial im engen ländlichen Raum kenne er indessen aus seiner eigenen Kindheit in Aarau, doch stehe das Motiv allgemein für kritische Momente, die eine Umkehr unmöglich machen. Noch einmal jedenfalls möchte der Mann, der sich im Rahmen des Konflikts tief gekränkt zu einer schwer zu verdauenden Scheußlichkeit hinreißen ließ, mit seinem Bruder, der ihm auch Freund war, sprechen.

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In ruhigem, angenehm unmanierierten Ton begann Faes aus den ersten Kapiteln zu lesen und kurzerhand fand man sich in einem poetisch enorm angereicherten Geflecht aus Sinneseindrücken und dadurch evozierten Erinnerungen wieder, die aus der seltsam bewegten Stille des verschneiten Waldes, durch den der Protagonist in Richtung des elterlichen Gehöfts stapft, auf ihn einprasseln.

Die Bäche „murmeln“, aus „verhüllten Stämme ragen Spitzen dunkler Tannen, als würden sie hängen, baumeln an unsichtbaren Wäscheleinen“. Vergessene Wege, die er mit seinem Bruder vor dem Streit gegangen ist, lassen Bilder vergangener Sommer- und Herbsttage in ihm aufsteigen, die geradezu körperlich spürbar sind. Das zeichnet Faes Stil besonders aus: die vom Subjektiven durchwobene, Empathie schaffende Schilderung von Landschaft, jenseits jeder Postkartengefälligkeit.

Glauben an „Dunkelbolde“

Es folgten zwei weitere Passagen, dazwischen Gespräche mit den Zuhörern. Faes erklärte, wie er vor einigen Jahren den Schwarzwald gemeinsam mit einer befreundeten, dort wohnhaften Journalistin kennenlernte. Von ihrer Begeisterung für Geschichte, Landschaft und literarische Traditionen des Mittelgebirges angesteckt, verbrachte er drei Jahre in der Nähe des Kinzigtals, um an dem Text zu arbeiten. Hier erst begegnete Faes dem titelgebenden Raunachts-Glauben an unglücksbringende, um Neujahr in Erscheinung tretende Geister (“Dunkelbolde“) und damit verbundenen Bräuchen.

Unterschwellig zieht sich dieses Thema durch den Roman, verstärkt die raue Schönheit der Landschaft und läuft dem etablierten Bild heimatromanhafter Idylle entgegen. Daneben betont Faes auch den Einfluss von regionalen Erzählungen, seine Sympathien für den Klang der Flurnamen und die spezielle Art des Sprechens, die ihm im Schwarzwald begegnet ist: „Oft hat man es mit einer Herzlichkeit zu tun, die sich hinter der Knappheit versteckt, sich nicht so recht heraustraut.“

Der Autor Urs Faes

Der freie Schriftsteller und promovierte Historiker Urs Faes wurde 1947 in Aarau geboren und absolvierte eine Ausbildung zum Primarlehrer, ehe er Geschichte, Germanistik, Philosophie und Ethnologie studierte. Um 1970 begann er damit, erste Texte in Zeitungen zu veröffentlichen.

Heute lebt er in Zürich und San Feliciano in Umbrien und ist vorwiegend als Romanautor bekannt, verfasste aber auch Gedichte, Erzählungen, Theaterstücke und Hörspiele. Für sein Werk vielfach ausgezeichnet, stand er 2017 auf der Shortlist des Schweizer Buchpreises.