Um 17 Uhr ist an diesem nebligen Dezembertag tiefste Nacht im Hegau. Die Kälte kriecht in die Glieder. Schnell noch die Mütze etwas tiefer ins Gesicht ziehen, den Mantel fester zuknöpfen und dann raus aus dem warmen Auto.

Ziel ist das Zentrum von Ebringen. Das Grenzdorf mit seinen rund 220 Einwohnern gehört zur Gemeinde Gottmadingen und liegt leicht erhöht an der Strecke nach Tengen. Von hier oben bietet sich ein schöne Blick über den Hegau. Doch an diesem Abend sind die Vulkane verschwunden. Stattdessen zieht das Dorf mit seinen liebevoll geschmückten Häusern alle Blicke auf sich.

Lichterketten, Kerzen, Sterne und Feuerkörbe tauchen den kleinen Weiler in eine romantische Stimmung. Aus allen Himmelsrichtungen strömen die Menschen zum zentralen Platz zwischen dem alten Schulhaus und der Kirche. Frauen mit Körben, Mütter mit Kindern, Alte, Junge, alle sind auf den Beinen. Wer nicht helfen muss, schnappt sich einen Punsch oder Glühwein.

Kirchenrenovierung als Ursprung

Es ist wieder Weihnachtsmarkt in Ebringen. Seit über 20 Jahren gönnt sich die Dorfgemeinschaft mit diesem Abend im Advent ein eigenes Fest. Entstanden ist der Markt, weil die renovierungsbedürftige Johannes-Kirche dringend Geld benötigte. Da hatte Gisela Fahr die Idee für den Weihnachtsmarkt. Und alle Frauen waren gleich dabei.

Klassische Rollenverteilung: Die Männer grillen, die Frauen stricken und backen. Hier grillen (von rechts nach links) Patrick Trödler, Steffen Mack, Mark Brachat und Christoph Rüede.
Klassische Rollenverteilung: Die Männer grillen, die Frauen stricken und backen. Hier grillen (von rechts nach links) Patrick Trödler, Steffen Mack, Mark Brachat und Christoph Rüede. | Bild: Tesche, Sabine

In Ebringen ist es selbstverständlich, dass man sich hilft. Das hat auch Elisabeth Haller erfahren, als sie vor 35 Jahren mit ihrer Familie hierher zog. Gisela Fahr sei der förmliche Umgang mit den Neubürgern schnell lästig gewesen, erinnert sich Elisabeth Haller. Und so kam es schnell zum Du. „Wir waren sofort integriert. Ich schätze die Dorfgemeinschaft sehr.“

„Mir schwätzet gar it viel, mir fanget a“

Noch immer greifen die gleichen Mechanismen. Jahr für Jahr bastelt, stricken und backen die Mitglieder der Frauengemeinschaft für diesen Anlass. „Die Organisation habe ich in jüngere Hände übergeben“, sagt die Gisela Fahr bescheiden. Doch dann steht sie in der proppenvollen Kirche und moderiert das Musikprogramm.

Die Dorfkirche St. Johannes ist zum Adventssingen gut gefüllt. Verschiedene musikalische Darbietungen locken auch Besucher aus der Nachbarschaft an.
Die Dorfkirche St. Johannes ist zum Adventssingen gut gefüllt. Verschiedene musikalische Darbietungen locken auch Besucher aus der Nachbarschaft an. | Bild: Tesche, Sabine

„Mir schwätzet gar it viel, mir fanget a“, sagt sie und bittet Margarete Zolg und Monika Schäfer um die ersten Adventslieder. Die Regenbogen-Kids unter Leitung von Alexandra Graf und der Frauenchor aus dem Schweizerischen Buchthalen unter der Leitung von Jutta Horton kommen natürlich nicht ohne Zugabe davon.

Und dann begeistern die lang erwarteten fünf Sänger der „Dramatischen Vier“ mit internationalen Weihnachtsliedern die Kirchenbesucher.

Video: Tesche, Sabine

Die A-cappella-Gruppe feiert in diesem Jahr ihr 25-jähriges Jubiläum. Dass sie in Ebringen auftreten, das nicht gerade auf der Strecke liegt, ist vor allem Uwe Seeberger zu verdanken. Er wohnt mit seiner Familie im Dorf.

Lange Schlangen an den Ständen

Draußen hat sich der Platz gefüllt. Vor den Ständen haben sich mittlerweile lange Schlangen gebildet. Die Aussteiger spielen mit ihren Blasinstrumenten Weihnachtslieder, was bei der Kälte gar nicht so einfach ist.

Die Weihnachtsplätzchen sind längst vergriffen. Aber es gibt noch Marmeladen, Gelee und Linzertorten. Auch die Pralinen sind noch nicht ganz ausverkauft. Man hat aus der Vergangenheit gelernt und mehr produziert. Auch die handgestrickten Socken sind schon zwei Stunden nach Eröffnung des Marktes gut verkauft.

Manuela Steiner hat übers Jahr alleine 200 Paar Socken gestrickt. Doch auch die anderen Frauen im Dorf haben jede Menge Selbstgestricktes zum Weihnachtsmarkt beigetragen.
Manuela Steiner hat übers Jahr alleine 200 Paar Socken gestrickt. Doch auch die anderen Frauen im Dorf haben jede Menge Selbstgestricktes zum Weihnachtsmarkt beigetragen. | Bild: Tesche, Sabine

Andrea Rüede ist von Anfang an dabei. 20 Frauen bilden den Kern der Organisation. „Es geht nicht um den Wettbewerb, wer die besten Weihnachtsbrötle backt; es geht uns um die Gemeinschaft“, sagt sie.

Deshalb liefern die Frauen ihre Plätzchen und Kuchen ab. Dann werden sie gemischt und verpackt. Für die Socken, Stulpen und Decken ist der Strickkreis mit zwölf Frauen verantwortlich.

Heiß begehrt sind die Pralinen am Stand von Anna und Lena Seeberger, die aber von allen Frauen des Dorfes gefertigt werden. Margot Brachat kauft gerade ein.
Heiß begehrt sind die Pralinen am Stand von Anna und Lena Seeberger, die aber von allen Frauen des Dorfes gefertigt werden. Margot Brachat kauft gerade ein. | Bild: Tesche, Sabine

Während draußen Glühwein und Grillwurst die Kälte vertreiben, gibt es im warmen alten Schulhaus für die zahlreich versammelten Besucher Hefezopf und Punsch. Hier stehen Jugendliche hinter der Theke. Am nächsten Tag werden die Männer die Hütten abbauen. Mehr Dorfgemeinschaft geht nicht.

Ganz schön mutig: Die Regenbogen-Kids singen in der vollen Kirche Adventslieder.
Ganz schön mutig: Die Regenbogen-Kids singen in der vollen Kirche Adventslieder. | Bild: Tesche, Sabine