Ein Au-Pair ist ein junger Mensch, der in ein fremdes Land reist und eine Gastfamilie bei der Kinderbetreuung und Hausarbeit unterstützt. Das beschreibt ziemlich genau, was Chad Heetland gerade macht. Und trotzdem: Müsste man den Lexikon-Eintrag zum Thema Au-Pair mithilfe eines Fotos illustrieren, würde man sich nicht unbedingt für ein Bild von ihm entscheiden. Denn, im Gegensatz zu vielen anderen Au-Pairs ist Chad weder weiblich, noch aus Europa. Und statt zarter 18 oder 19 hat der Mann mit der Basketballer-Statur schon 27 Jahre auf dem Buckel. Vor allen Dingen aber arbeitet er nicht in einer Villa am Stadtrand von Boston oder Philadelphia, sondern in Gottmadingen.

Wer ihn dort trifft, merkt schnell, dass Chad generell nicht für Klischees zu haben ist. Der Mann aus Minnesota kommt – eher untypisch für einen Amerikaner – mit dem Rad zum Interviewtermin. "Ich liebe es, dass ich hier in Deutschland ohne Auto leben kann", erklärt er strahlend, während er sein Fahrrad vor dem Rathaus abschließt. Chad spricht fließend Deutsch – nur ab und zu muss er kurze Denkpausen einlegen, bevor ihm der richtige Begriff einfällt. "Gewöhnungsbedürftig" sei eines seiner neuen Lieblingswörter, verrät der 27-Jährige und benutzt das Adjektiv auch gleich, um die Ladenschlusszeiten in Deutschland zu beschreiben. "In Amerika hat jedes Geschäft die komplette Woche über von neun bis neun offen", erklärt Chad. Deshalb habe er sich erst einmal umgewöhnen müssen. "Und im Rathaus haben sie ja noch komischere Öffnungszeiten", meint er und deutet auf das Gebäude hinter sicher.

Echte Freunde fürs Leben

Spätestens als er zielstrebig auf die nächste Konditorei zusteuert, wird klar: Chad kennt sich aus in seiner neuen Heimat. Seit August 2017 kümmert er sich um die vier und fünf Jahre alten Kinder seiner Gastfamilie in Gottmadingen. Zudem erledigt er Abholdienste, putzt und räumt auf. Abends nach Feierabend, trainiert der Amerikaner dann gerne im Fitnessstudio Move oder besucht Bekannte in Singen. Es habe zunächst etwas gedauert, bis er Freundschaften geschlossen habe, erzählt er. "Dafür sind die Freunde, die ich Deutschland gefunden habe, aber echte Freunde fürs Leben geworden."

Die Distanziertheit der Menschen beschreibt er als einen Unterschied zwischen Deutschen und Amerikanern. Trotzdem gefällt es dem 27-Jährigen nicht, wenn die Offenheit seiner Landsleute als oberflächlich interpretiert wird: "Da kann ich nicht zustimmen. Wir sind einfach freundliche Leute", findet der 27-Jährige. Das heißt aber nicht, dass Chad sein Heimatland nicht kritisch hinterfragt. Neben dem aktuellen Präsidenten, den er als peinlich beschreibt, findet er es zum Beispiel schade, dass es für Amerikaner unüblich ist, eine andere Sprache außer Englisch zu lernen. "Es gibt ein Sprichwort bei uns: Wenn du dreisprachig bist, bist du dreisprachig. Wenn du zweisprachig bist, bist du zweisprachig. Und wenn du einsprachig bist, dann bist du Amerikaner", sagt er und schmunzelt.

Ein anderes Ulm in Amerika

Chad weiß, wovon er spricht. In der Highschool habe er zwar Deutschunterricht gehabt, aber nach vier Jahren nicht viel mehr sagen können als den Satz: "Ich bin 1,94 Meter groß, spiele Basketball und wohne in Minnesota." Sein Wunsch, eine Fremdsprache fließend zu sprechen, war schließlich auch der Beweggrund, der ihn nach Deutschland brachte. Er habe aber schon während seiner Schulzeit Verbindungen zwischen seinem Heimatstaat im Norden der USA und Deutschland wahrgenommen, erzählt Chad. "Viele Leute in Minnesota haben deutsche Wurzeln", erklärt er. "Eine Freundin von mir heißt zum Beispiel Richter mit Nachnamen. Und es gibt sogar einen Ort in Minnesota, der 'New-Ulm' heißt."

Am 14. August wird Chad seine Freunde in Deutschland schon wieder zurücklassen müssen. Dann tritt er von Zürich aus den langen Heimflug in die Vereinigten Staaten an. Nach dem Sommer will er in Minnesota ein Studium beginnen. Langfristig würde er gerne als Physiotherapeut für Kinder arbeiten. Schon jetzt klingt Abschiedsschmerz mit, wenn der Au-Pair sagt: "Ich möchte mich bei der Freibadmusik, der Poppelezunft und der Stadt Singen bedanken." Gerade die närrischen Tage im Hegau seien ihm nämlich in bester Erinnerung geblieben. Deshalb verspricht Chad schon jetzt: "Ich werde wieder kommen – und zwar zur Fasnacht."