Schlechte Nachrichten: Mein Büro steht unter Wasser und muss komplett geräumt werden. Ein netter Herr, der von der Versicherung beauftragt wurde, brachte einen Riesenstapel Kartons. „Das wird reichen“, sagte er mit Kennerblick auf meine Bibliothek, und ich beginne zu packen. Erstaunlich, was sich angesammelt hat. Ich grabe mich durch Aus- und Weiterbildungen, Kinderbücher, ungelesene Romane und lebensrettende Lyrik. Bücher, die als Pflichtlektüre für eine einzige Prüfung angeschafft und danach nie mehr aufgeschlagen wurden und geliebte Bände, die so zerfleddert sind, dass sie mehrfach repariert wurden.

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Der Kartonstapel schrumpft schneller, als sich die Regale leeren. Jede verfügbare Ecke des Hauses wird zum Zwischenlager. Behalten oder fort damit? Unerbittlich schlägt die Stunde der Wahrheit für einen bibliophilen Menschen wie mich. Dabei bin ich wirklich streng: Einiges wird aussortiert, vieles verschenkt oder an einem öffentlichen Ort „freigelassen“.

Diese Art der Weitergabe nennt sich Book-Crossing und wurde in Amerika erfunden. Die Idee ist, die ganze Welt in eine Bibliothek zu verwandeln. Bücher werden mit einer Identifikationsnummer versehen und beginnen ihre Wanderung von Leser zu Leserin. Später kann man online verfolgen, wohin es das eigene Buch verschlägt und ob sein Inhalt den Lesenden gefällt.

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Eine schöne Idee, die mittlerweile in vielen Ländern Fuß gefasst hat, wobei verschiedene Varianten existieren: So habe ich zum Beispiel auf meinen Reisen immer wieder öffentliche Buchregale gesehen. Besonders in Ländern, in denen Bücher verhältnismäßig teuer sind, ist dies eine willkommene Ergänzung zu öffentlichen Bibliotheken. In Litauen waren sie an Bushaltestellen fest installiert, in Danzig gab es sie in der Fußgängerzone. Aber auch am Bodensee oder mitten im sozialen Brennpunkt Köln-Kalk wurde ich fündig. Es tröstet mich, dass meine aussortierten Bücher irgendwo eine neue Heimat finden werden. Vielleicht endet ja eines meiner ungelesenen Exemplare als völlig zerfleddertes Lieblingsbuch irgendwo in einem anderen Bundesland? Das wäre für mich dann so etwas wie ein Happy-End.