Das Wetter könnte kaum trister sein für einen Ortstermin auf dem Gottmadinger Bahnsteig. Es regnet. Das Treffen mit Bürgermeister Michael Klinger und dem FDP-Landtagsabgeordneten und Mitglied des Verkehrsausschusses Jürgen Keck muss im Schutz der Fußgängerbrücke stattfinden. Es geht um die roten Triebwagen der DB AG, die den Pendlern auf der Strecke Singen-Schaffhausen seit September 2019 so viel Ungemach bereitet haben. Vor allem der Schülertransport am Morgen um 7.20 Uhr sorgte wiederholt für massiven Ärger, weil Züge ganz ausfielen oder in viel zu kleiner Wagenkombination fuhren. Bei dem Ortstermin wurde klar, wie viele Zugausfälle es tatsächlich gab und wie das in Zukunft vermieden werden soll.

Warum häufen sich die Probleme in Gottmadingen?

Gottmadingen ist der Sammelpunkt für Schüler aus Gailingen, Gottmadingen und Ortsteilen, die alle nach Singen in die weiterführenden Schulen fahren müssen. Dazu kommen Berufspendler. Doch seit September sind die Beförderungsleistungen auf der Strecke derartig eingebrochen, dass der Gemeinderat eine Resolution verfasst und an das Stuttgarter Verkehrsministerium und die Bahn geschickt hat. Als die Reaktion ausblieb, hakte Michael Klinger nach. Der Bürgermeister fühlte sich abgespeist von mantra-artig vorgetragenen Entschuldigungen und Erklärungen. An der Situation änderte sich jedoch bis zum Dezember 2020 wenig.

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Ein Brief an die Landtagspräsidentin mit den Fragen

Ein erster Hoffnungsschimmer zeigte sich in einem Schreiben des Ministerialdirektor Uwe Lahl an Michael Klinger. Darin wurde deutlich, dass die Bahn die Geduld überstrapaziert hatte. Das Ministerium als Auftraggeber habe das Vertrauen in die Bahn verloren und strebe einen Ausstieg aus dem Vertrag an. Das war Michael Klinger aber immer noch nicht konkret genug. Jetzt suchte er die Unterstützung beim Verkehrsausschussmitglied Jürgen Keck. Gemeinsam formulierten sie aus Klingers Fragen eine kleine Anfrage an die Landtagspräsidentin Muhterem Aras.

Der Landtagsabgeordnete Jürgen Keck (FDP) ist mit dem Zug aus Singen in Gottmadingen angekommen und wird von Michael Klinger empfangen. Gemeinsam hatten sie eine kleine Anfrage an den Landtag gerichtet, die jetzt mit Zahlen vom Verkehrsministerium beantwortet wurden. Darin wird die seit eineinhalb Jahren schlechte Leistung der DB Regio auf der Strecke Singen-Schaffhausen bestätigt.
Der Landtagsabgeordnete Jürgen Keck (FDP) ist mit dem Zug aus Singen in Gottmadingen angekommen und wird von Michael Klinger empfangen. Gemeinsam hatten sie eine kleine Anfrage an den Landtag gerichtet, die jetzt mit Zahlen vom Verkehrsministerium beantwortet wurden. Darin wird die seit eineinhalb Jahren schlechte Leistung der DB Regio auf der Strecke Singen-Schaffhausen bestätigt. | Bild: Trautmann, Gudrun

Kleine Anfrage bringt erstaunliche Erkenntnisse

„Aus der Opposition heraus ist das einfacher als für Mitglieder der regierenden Parteien“, weiß Keck. Und noch etwas: „Die Kleine Anfrage muss in einer Frist von drei Wochen beantwortet werden.“ Für diese Antwort hat das Verkehrsministerium nun jede Menge Zahlenmaterial zusammengetragen. Daraus geht hervor, dass seit der Streckenübernahme durch die DB im Januar 2018 die Zahl der Zugausfälle kontinuierlich zunahm.

2018 wurden von den jährlich bei der Bahn bestellten 543.000 Zugkilometer 7366,5 Kilometer nicht gefahren. Von Januar bis Oktober 2020 wurden 12.024 Kilometer nicht gefahren. Auch die zu kurzen Züge wurden gezählt. 2018 waren 28 Züge zu kurz. In den ersten zehn Monaten des Jahres 2020 fuhren 376 Regionalzüge in zu kleiner Wagenkombination auf der Strecke. Deshalb kam es in den morgendlichen Stoßzeiten zu dem bekannten Chaos am Bahnsteig.

Die Gründe für Zugausfälle und fehlende Platzkapazität sind vielfältig

Die Probleme hatten verschiedene Ursachen: Die Instandhaltung und Reparatur der Wagen in Stuttgart dauert zu lange und es gab Ausfälle beim Personal wegen Krankheit. Heute ist klar, warum Reparaturen so lange dauern. Defekte Züge werden nur einmal wöchentlich am späten Freitag- oder Sonntagabend nach Stuttgart in die Werkstatt überführt. Hinzu kommt, dass sich Fahrzeuge verschiedener Baureihen nicht mehr koppeln lassen.

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Über die Höhe der Vertragsstrafen (Pönale) gibt es noch keine Aussagen, weil in dem Punkt noch grundsätzliche Meinungsverschiedenheiten zwischen Land und der Bahn bestehen.

Erstmals deuten sich konkrete Lösungsansätze an

Die entscheidende Aussage, die Michael Klinger und Jürgen Keck selbst im nasskalten Februarwetter auf dem Bahnsteig in Freude versetzt, kommt nun wieder vom Ministerialdirektor: „Das Verkehrsministerium und die DB Regio AG suchen nach Wegen für eine alternative Erbringung der Verkehrsleistung durch ein anderes Eisenbahnverkehrsunternehmen und gegebenenfalls Neuausschreibung des Netzes, auch die Reduktion der Vertragslaufzeit steht hier zur Diskussion“. Das löst bei Klinger und Keck Jubel und Optimismus aus, weil endlich Bewegung in diese missliche Situation kommt. „Die Weichen sind gestellt“, bleibt Klinger im Bild. Jetzt müssen nur noch die richtigen Züge kommen.

Bis 2022 werde es auf jeden Fall noch dauern, da ist der Bürgermeister Realist genug. Einen Doppelstockwagen zur Entlastung des Schülerverkehrs hatte das Ministerium ja bereits Ende vergangener Woche angekündigt.

Ein Name für den Zug soll die Strecke mit Seehas und Seehäsle gleichstellen

Unterdessen erreicht auch noch ein Antrag der Freien Wähler, der FDP und der CDU-Fraktionen den Kreistag: Um dem Nahverkehr auf der Strecke Singen-Schaffhausen eine ähnliche Bedeutung zu geben wie dem Seehas und dem Seehäsle, möchten sie einen Namenswettbewerb für den Zug ausloben. Dem Antrag hat sich auch Singens Oberbürgermeister Bernd Häusler angeschlossen. Der Markenname und die künftig erwartete bessere Versorgung durch einen Subunternehmer der Bahn oder die Vergabe an ein anderes Eisenbahnverkehrsunternehmen sollen die Akzeptanz der Strecke im Sinne der Mobilitätswende verbessern.

Dafür müsse der Halbstundentakt, für den der Landkreis auch finanziell einsteht, verlässlich funktionieren. Michael Klinger und Jürgen Keck träumen sogar von einem Viertelstundentakt, um den S-Bahn-Charakter noch weiter auszubauen. Ein Ansatz wäre, die SBB-Züge aus Schaffhausen auf der deutschen Strecke weiter nach Singen laufen zu lassen.

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