Eigentlich sollte eine Frau doch glücklich sein, wenn sie endlich ihr Kind in den Händen hält. Das meinen viele, das erleben aber nicht alle: Zwischen zehn und 20 Prozent der Mütter leiden noch Monate nach der Geburt unter einer Depression. Das schätzt der Verein Schatten und Licht. Viele Frauen würden sich damit alleine fühlen, schildert Carina Wolfer. Die 37 Jahre alte Ingenieurin aus Gailingen ist nämlich nicht nur zweifache Mutter, sondern auch eine Expertin für die selten thematisierte Begleiterscheinung des Mutter-Werdens. Sie hat eine solche Depression nach beiden Geburten erlebt – anfangs ohne dass es ihr bewusst war. Seit bald drei Jahren hilft sie Frauen im Hegau und Bodenseeraum mit einer Selbsthilfegruppe, die Depression zu überwinden. Doch weil die Corona-Pandemie das noch schwerer macht, will sie nun online Betroffene erreichen.

Peripartale Depression sagt wenigen etwas

Es ist ein verheerender Kreislauf aus negativen Gedanken: Etwa 100.000 Frauen geraten in Deutschland pro Jahr durch eine postpartale Depression in starke Selbstzweifel und Schuldgefühle, da sie ihren Alltag nicht mehr bewältigen können. Das schätzt der Selbsthilfe-Verein Schatten und Licht, der sich seit 25 Jahren mit Depressionen rund um die Geburt beschäftigt. So ging es auch Carina Wolfer aus Gailingen: Ständig habe sie gefragt, ob sie eine schlechte Mutter sei, weil sie viel Kraft für die kleinsten Dinge brauchte. Erst nach Monaten des Leidens erkannte sie, dass sie psychisch erkrankt war – ohne Vorerkrankung und ohne einen klar erkennbaren Grund. Auslöser können beispielsweise Komplikationen bei der Geburt, Zukunfts- oder Existenzängste sein.

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Unterschieden werde eine postpartale Depression, die den Zeitraum nach der Geburt meine, oder eine peripartale Depression, die diese Erkrankung rund um die Geburt beschreibt – Schwangerschaft eingeschlossen. Doch Begriffe sind der 37-Jährigen nicht so wichtig, sondern eher die Folge – und Lösungen. Symptome seien beispielsweise Erschöpfung, Traurigkeit, Konzentrations-, Appetit-, Schlafstörungen oder eine innere Leere.

Corona macht Krankheit und Selbsthilfe schwerer

Zuletzt seien die Umstände für betroffene Frauen noch schwerer geworden, schildert Carina Wolfer. Partner dürfen nach einer Geburt teils nur eingeschränkt in die Klinik, außerdem finden viele Angebote wie Krabbelgruppen coronabedingt nicht statt. Auch ärztliche Unterstützung sei ein Problem. „Es war schon vor Corona nicht einfach, einen Termin bei einem Neurologen oder Psychiater zu bekommen.“

Je nach Symptomen habe die Pandemie unterschiedliche Effekte: Während die eine womöglich froh sei, nichts zu verpassen, habe die andere mit einer Angststörung noch mehr Bedenken. „Deren Ängste können sich verstärken, wenn sie Angst haben um ihre Eltern oder ihre Oma“, sagt die Leiterin der Selbsthilfegruppe.

Nun können Betroffene sich online austauschen

Etwas Positives habe die Pandemie aber: Menschen haben sich daran gewöhnt, sich per Videoübertragung auszutauschen. Das will sie für ihre Selbsthilfegruppe nutzen. Denn bislang sei es schwer, betroffene Frauen zu erreichen. „Ich habe nicht das Gefühl, dass sich die Frauen nicht austauschen wollen“, sagt Carina Wolfer. Vielmehr scheitere es oft an den Umständen. Es sei zuletzt schwierig gewesen, einen Termin für persönliche Treffen zu finden.

Dazu komme, dass das Einzugsgebiet sehr groß sei. Neben dem Hegau will Wolfer auch Menschen im gesamten Landkreis Konstanz, im Bodenseekreis sowie im Thurgau erreichen. Und: „Betroffene haben per se Schwierigkeiten, sich aufzuraffen.“ Eine WhatsApp-Gruppe gebe es zwar, aber so persönliche Themen ließen sich schlecht in wenigen Zeilen Text schildern.

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Die Lösung soll nun ein regelmäßiges Online-Angebot sein, der Start ist am 3. Dezember geplant. „Ich möchte das so niederschwellig wie möglich anbieten“, erklärt die Organisatorin. Daraus könnten sich dann auch persönliche Treffen ergeben.

Betroffenen fällt es schwer, dran zu bleiben

Gruppengespräche sind ein Baustein der Hilfe, die Carina Wolfer anbietet. Ihr gehe es darum, Betroffenen zu zeigen, dass sie nicht alleine sind und dass es einen Ausweg aus der Situation gibt. Dabei kann auch ein Einzelgespräch weiterhelfen. „Ein Gespräch bringt schon viel, weil man Weichen stellen kann“, erklärt die 37-Jährige. Viele der Frauen würde sie eine ganze Weile begleiten. „Ich frage dann immer wieder nach und versuche zu motivieren, wenn eine Mutter das möchte. Denn das ist es ja, was Betroffenen oft schwer fällt, das Dranbleiben. Ich bleibe dran, bis ich das Gefühl habe, dass es besser wird.“

Denn sie wolle dabei helfen, den finsteren Kreislauf zu verlassen. Unter diesem Gesichtspunkt habe ihre persönliche Erfahrung auch etwas Positives: Dank ihrer peripartalen Depression könne sie nun anderen in der ähnlichen Situation helfen.

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