Als die sechs Streichquartette, die Wolfgang Amadeus Mozart seinem Kollegen Joseph Haydn gewidmet hatte, nach deren Druck nach Italien geschickt worden waren, wurden diese prompt zurückgeschickt: Man hielt den Druck für fehlerhaft, es gab zu viel Neues, zu viel Unerwartetes.

Das letzte Quartett der Sammlung, KV 465 in C-Dur stach besonders heraus. Man konnte Mozarts Einfälle und Ideen nicht verstehen. „Dissonanzenquartett“, das ist der heutige Beiname des Werks, der sich auch sofort erschließt. Scheinbar unauflösliche Reibungen stehen am Anfang, die sich auf wundersame Weise aufzulösen scheinen.

Quartett vermag es, Stücke fortschreitend zu entwickeln

Diesen Eindruck zumindest vermittelte das renommierte „Kuss-Quartett“, das im Rahmen der „Kammermusik am Hochrhein“ in Gailingen zu Gast war. Rätselhaft und zugleich steigernd und voller schlüssiger, zum Teil versteckter Linien begann das Quartett, entwickelte dann den Klang behutsam aber bestimmt weiter.

Zu sich nie über die Musik stellender Führung und Spannung kam eine gewisse Lockerheit hinzu, die sich durch Mozarts Werk ziehen sollte. Trotz der immer wieder fast schon humoristischen Verschränkungen Mozarts dominierte immer eine brillante Klarheit die Musik.

Auch bei der in Teilen recht einfachen Schönheit im zweiten Satz wurde das Spiel nie belanglos, sondern immer wieder vielschichtiger als man auf den ersten Blick meinen sollte. Variabilität und kontrastreiche Akzentuiertheit, höchste Präzision und Unverkrampftheit waren die Grundlage für diese Interpretation von Mozarts Quartett, die so kaum besser und passender zu finden sein wird.

Krise als musikalisches Erlebnis

Es folgten vier vertonte Varianten von „Krise“: Zuerst Bela Bartoks letztes Streichquartett, woraus der in Teilen wirre erste Satz zu Gehör kam. Entstanden ist dieser auf der Flucht nach Amerika. Mit dem ersten Satz von Schostakowitschs achtem Quartett, den Opfern des Faschismus gewidmet, sich aber auch mit der persönlichen Identitätskrise des Musikers auseinandersetzend, entstand zwar eine zaghafte und zweifelnde, aber auch immer wieder sehr nachdrückliche Musik.

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Birte Bertelsmeiers Variante beschäftigt sich mit der Krise der Komponistin. Diese musste sich die Frage stellen, wohin sie musikalisch gehört, dabei verschwimmt die Grenze zwischen E und U. Und zuletzt Mendelssohn-Bartholdys letztes Streichquartett, komponiert nach dem Tod seiner Schwester Fanny, hieraus der langsame Satz, voller Wärme, tröstend und hoffnungsvoll, eine Musik, die zur Ruhe kommt. In diesem Krisen-Block erlangte besonders die flexible Klangsprache des Quartetts Bedeutung, immer wurde der passende Tonfall gefunden.

Spiel mit Fingerspitzengefühl

Oberflächlich und reißerisch beginnt Schuberts Streichquartett Nr. 14 in d-Moll. „Der Tod und das Mädchen“, gewinnt dann aber sehr schnell an Tiefe und Vielschichtigkeit, ist voller großer und kleiner Linien, und Emotionen, die in der sehr feinfühligen Interpretation voller Authentizität zur Geltung kamen.

Immer wieder wurde die Schönheit von Schuberts Musik so stehen gelassen und mit Fingerspitzengefühl geführt. Dabei verlor die Interpretation nie Ihre Prägnanz und wurde nie ziellos.

Nie wirkte das „Kuss-Quartett“ an diesem Abend verkrampft, sondern authentisch und emotional, glaubwürdig und brillant und trotz der wahnsinnigen Musik bodenständig. Es schien, als spielten die vier Musiker mit einem großen Instrument, ohne jedoch die jeweils eigene klangliche und musikalische Identität zu verlieren.